Sternebewertung fiktiv
Rebecca West war eine eine Autorin, Journalistin und Kritikerin. Ihre Biografie interessiert mich sehr und wird daher hier bald einziehen. Bei der Recherche zu ihr habe ich oft gelesen, dass die Protagonisten Rose im Roman sie und ihre Kindheit darstellen soll. „Die Familie Aubrey“ ist der erste Band einer Trilogie. Dieser Roman, erstmals 1957 veröffentlicht, entführt uns in die Welt der Aubrey Familie, eine Welt voller Musik, finanzieller Sorgen und komplexer familiärer Dynamiken. Im Mittelpunkt stehen die Zwillingsschwestern Rose und Mary, beide hochmusikalisch, die sich durch ihr Klavierspiel definieren. Ihre Schwester Cordelia hingegen kämpft verzweifelt darum, ebenfalls musikalische Anerkennung zu finden, doch es fehlt ihr schlicht an Talent. Dieses Ungleichgewicht sorgt innerhalb der Familie für Spannungen, insbesondere zwischen den Schwestern. Die Geschichte beginnt mit einem Umzug: Familie Aubrey verlässt ihr altes Zuhause und zieht nach London. Grund dafür ist der Vater, ein charismatischer, aber verantwortungsloser Mann, der nicht mit Geld umgehen kann. Immer wieder verspielt er das Familienvermögen, wodurch seine Frau gezwungen ist, die Familie über Wasser zu halten. Während er meist abwesend ist, kämpft die Mutter um Stabilität. Dennoch sind Rose und Mary echte „Papa-Kinder“ – eine typische, aber dennoch tragische Familienkonstellation, in der die Mutter die Last trägt, während der Vater trotz aller Fehler bewundert wird. Besonders auffällig ist die Beziehung zwischen den Geschwistern. Die Zwillinge Rose und Mary bilden eine unzertrennliche Einheit, während Cordelia, die unmusikalische Außenseiterin, oft ausgeschlossen oder gar bloßgestellt wird. Diese Geschwisterdynamik ist eines der prägendsten Elemente des Romans: Musik ist nicht nur eine Leidenschaft, sondern auch ein Machtinstrument innerhalb der Familie. Wer Talent hat, gehört dazu, wer keines hat, bleibt außen vor. Rebecca Wests Schreibstil ist eindringlich und detailreich. Die Beschreibungen sind atmosphärisch dicht, fast schon zu ausschweifend. Gerade in der ersten Hälfte des Romans entfaltet sich die Geschichte auf fesselnde Weise, doch in manchen Passagen verliert sich die Autorin in Wiederholungen und Detailverliebtheit. Wer gerne Wälzer liest und keine Angst vor langen, verschachtelten Sätzen hat, wird sich daran jedoch kaum stören. Ob man nach dem ersten Band die ganze Trilogie lesen möchte, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Wer sich mit den Aubreys verbunden fühlt und mehr über ihre Zukunft erfahren will, wird sicher weiterlesen. Wer hingegen das Gefühl hat, die Geschichte sei bereits auserzählt, könnte sich mit dem ersten Band begnügen. Ich werde abwarten und auf meinen inneren Monk hören, wenn Band 2 erscheint. 😅
