Wenn Hass den Blick auf Liebe verstellt
Kolyma spielt einige Jahre nach den Ereignissen aus Kind 44. Leo und Raisa haben die beiden Mädchen adoptiert und ihr Leben hat sich seit dem ersten Band stark verändert. Leo leitet inzwischen die Mordkommission, die am Ende des ersten Buches gegründet wurde. Trotz dieser neuen Ausgangslage bleibt die Atmosphäre der Geschichte genauso düster, bedrückend und von Misstrauen geprägt wie bereits im ersten Teil. Auch diesmal gab es wieder mehrere spannende und vor allem überraschende Wendungen, mit denen ich so nicht gerechnet hätte. Besonders einige der späteren Wendungen haben mich sehr beschäftigt, weil die Geschichte dadurch emotional nochmals deutlich schwerer wurde. Die politische Spannung und die ständige Unsicherheit darüber, wem man vertrauen kann, haben für mich erneut sehr gut funktioniert. Leo bleibt für mich weiterhin eine unglaublich spannende Figur. Gerade weil er moralisch so zerrissen ist und ständig mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, wirkt er sehr menschlich und glaubwürdig. Obwohl er Teil eines grausamen Systems war, hat man als Leser trotzdem das Gefühl, dass er für vieles bereits einen hohen Preis bezahlt hat. Genau diese moralischen Grauzonen machen die Reihe für mich so interessant. Etwas schwieriger fand ich diesmal die Dynamik rund um die beiden adoptierten Töchter. Vor allem Zoyas starker Hass auf Leo war zwar irgendwo nachvollziehbar, hatte für mich stellenweise aber auch etwas Tragisches. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass ihre Wut ihr den Blick darauf verstellt, wie viel Liebe und Fürsorge Leo und Raisa den beiden Mädchen eigentlich entgegenbringen. Gleichzeitig zeigt sich dieses Muster auch in anderen Bereichen ihres Lebens, wo ihr Hass und ihre Wut sie daran hindern, Menschen wirklich an sich heranzulassen oder deren Gefühle klar zu erkennen. Genau das macht ihre Figur gleichzeitig verständlich, aber auch frustrierend. Auch Elena, die jüngere Tochter, blieb für mich emotional etwas schwer greifbar. Ihre starke Bindung zu ihrer Schwester stand oft viel mehr im Mittelpunkt als ihre Beziehung zu Leo und Raisa, obwohl diese sie über Jahre hinweg aufgenommen und grossgezogen haben. Dadurch wirkten manche Entscheidungen und Reaktionen für mich etwas widersprüchlich. Besonders interessant fand ich dabei, dass sich dieses Thema bei Zoya nicht nur in Bezug auf Leo zeigt, sondern in mehreren Bereichen ihres Lebens. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass ihr Hass und ihre Wut sie daran hindern, Menschen wirklich an sich heranzulassen oder deren Gefühle klar zu erkennen. Genau das macht ihre Figur gleichzeitig verständlich, aber auch frustrierend. Trotzdem wollte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Man liest immer weiter, weil man wissen möchte, was als Nächstes geschieht oder auf eine Erklärung hofft, weshalb gewisse Dinge genau so passiert sind. Insgesamt fand ich Kolyma emotional chaotischer und komplexer als den ersten Band, aber genau das macht die Geschichte gleichzeitig auch interessant. Die Reihe schafft es weiterhin, Spannung mit moralischen Fragen und starken Figuren zu verbinden. Und genau wie bereits nach dem ersten Band freue ich mich jetzt sehr darauf, auch Leos letzte Geschichte zu lesen – besonders nach dem etwas anderen Ende von Kolyma.










