Zwischen Perspektivwechsel und Orientierungslosigkeit
Mit Sanditz legt Lukas Rietzschel einen Roman vor, der dem Leser diesmal deutlich mehr abverlangt als seine vorherigen beiden Bücher. Vor allem die Vielzahl an Figuren fordert Konzentration und Geduld, um wirklich den Überblick zu behalten. Das ist weniger ein Problem des Autors als vielmehr eine Herausforderung an den Leser selbst. Schwieriger wirken dagegen die vielen Zeitsprünge, die zwar chronologisch aber stellenweise nicht ausreichend vorbereitet erscheinen und dadurch mitunter den Zugang zu anderen Charakteren erschwert. Sprachlich bleibt Rietzschel oft direkt, manchmal vulgär, was zwar zur Rohheit vieler Szenen passt, mich als Leser aber zugleich immer wieder auf Distanz hält. Gerade darin liegt vielleicht auch die größte Schwäche des Romans: Er eröffnet viele Gedankenräume, lässt einen mit diesen nicht ständig aber häufig auch wieder allein zurück. Man fragt sich beim Lesen zunehmend, welche zentrale Aussage dieser dritte Roman eigentlich tragen soll – oder ob gerade die Vielzahl angerissener gesellschaftlicher Botschaften selbst das eigentliche Konzept des Buches ist. Positiv hervorzuheben ist erneut die sensible Auseinandersetzung mit den Nachwirkungen der Pandemie und des Ukrainekriegs und der Frage, was diese Krisen gesellschaftlich verändert haben oder noch immer verändern. Auch die immer wieder erkennbare Einladung zum Perspektivwechsel gehört zu den Stärken des Romans, hätte an manchen Stellen jedoch deutlich präziser und emotional greifbarer ausgearbeitet werden können, um ihre Wirkung wirklich vollständig zu entfalten.





















