
Dekonstruktion des „Amerikanischen Traums“
John Steinbecks „Früchte des Zorns“ wohnt eine solche erzählerische Kraft inne, dass es mich schier umgehauen hat. Auch fast 100 Jahre nach der Veröffentlichung sind die Themen des Romans noch aktuell. Womöglich habe ich deshalb so intensiv mit den Romanfiguren gehofft und gelitten. Die mittellose Farmerfamilie Joad verliert während der Weltwirtschaftskrise ihr Farmland und flieht aus Oklahoma nach Kalifornien, um dort als Wanderarbeiter zu arbeiten. Sie hofft auf ein besseres Leben. Im naturalistischen Stil schildert Steinbeck am Beispiel der Joads das Schicksal hunderttausender Wanderarbeiter. Man spürt, dass der Roman seinen Ursprung in journalistischen Artikeln hat und Steinbeck selbst erlebt hat, was er dokumentierte. Er beschreibt den Übergang von der bäuerlichen zur industriellen Landwirtschaft als Entmenschlichung. Banken und Agrarkonzerne erscheinen als gefühllose Systeme, die keine Rücksicht auf Individuen nehmen. Wer das Land besitzt, hat keine Verbindung mehr zur Erde, während diejenigen, die es bearbeiten, es nicht besitzen. Die Landbesitzer behandeln ihre Arbeiter als störende Faktoren – eine himmelsschreiende Ungerechtigkeit! Steinbeck entlarvt den „Amerikanischen Traum“ als grausame Illusion – als Versprechen, das nur für wenige gilt und auf dem Leid vieler beruht. Er dekonstruiert das Versprechen, dass harte Arbeit zu Erfolg führt. Die Joads erfahren nur Ausgrenzung und Ausbeutung. Ihre Hoffnung zerschellt an der Realität von Überproduktion und Profitstreben. Grundbesitzer drücken die Löhne bis unter das Existenzminimum. Lebensmittel werden bewusst vernichtet, um Preise stabil zu halten. Hungernde Arbeiter sind von Überfluss umgeben, dürfen jedoch nicht daran teilhaben. Die geschilderte soziale Ungerechtigkeit in „Früchte des Zorns“ wiegt schwer und weiß deswegen auch heute noch zu berühren, weil sich die grundlegenden Mechanismen wirtschaftlicher Entmenschlichung seit Veröffentlichung des Werkes kaum gebessert haben. Noch immer werden die Schwächsten ausgebeutet und ausgegrenzt, während extremer Überfluss und bittere Armut unmittelbar nebeneinander existieren.































