6. Mai
Rating:4.5

“Diebstahl” von Abdulrazak Gurnah (ins Deutsche übersetzt von Eva Bonné) folgt den Lebenswegen von Karim, Fauzia und Badar, deren Leben auf verschiedenste Weise miteinander verknüpft sind. So entsteht ein Gesellschaftsporträt junger Menschen im heutigen Tansania, das viel über das Land, aber noch mehr über Träume, Ängste und Chancen verrät. Gurnah gelingt es, auf knapp 340 Seiten ein fesselndes Familienepos zu erzählen. Durch seine prägnante Sprache und meisterhafte Erzählweise findet man sich mitten in der Handlung wieder, ohne sich auch nur einen Moment zu langweilen. Die Hörbuchfassung wird von Richard Barenberg gelesen, der für seine Interpretation des Textes zu Recht für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert war. Seine reife, ruhige Stimme transportiert perfekt die Atmosphäre des Werkes, sodass man sich beim Hören warm und geborgen fühlt, während man in die Geschichte eintaucht. Großartig! *Das Hörbuch wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Diebstahl
Diebstahlby Abdulrazak GurnahPenguin
10. Apr.
Über das Ringen mit Vergangenheit und Moderne im postkolonialen Tansania
(World-Challenge 12|194, neu 🇹🇿)
Rating:4

Über das Ringen mit Vergangenheit und Moderne im postkolonialen Tansania (World-Challenge 12|194, neu 🇹🇿)

Ist ein liebloses Elternhaus für immer prägend? Wie bricht man aus Familienstrukturen aus? Welche Chancen bieten westliche Einflüsse im postkolonialen Afrika? Der Roman „Diebstahl“ setzt sich mit diesen Fragen auseinander, indem wir Karim, Fauzia und Badar in verschiedenen Lebensabschnitten kennenlernen. Wer hier eine klassische Geschichte mit klarem Handlungsbogen und Dramaturgie erwartet, dürfte enttäuscht werden. Vielmehr entwirft Abdulrazak Gurnah detailreich, aber auch mit emotionaler Distanz verschiedene Lebensmodelle der Protagonist:innen: Wie sie ihre Position innerhalb der Familie zu finden versuchen, um Anerkennung und gleichzeitig Abgrenzung ringen und sich mit den Anforderungen der Moderne arrangieren. Gurnah hat einen sehr unaufgeregten Schreibstil. Eine Szene wird mit Hintergrundbeschreibungen und Erklärungen voll ausgestaltet, was auf den ersten Blick irritierend wirkt. Zunehmend entsteht aber eine Sogwirkung, weil wir das Gefühl bekommen, die Charaktere in allen Einzelheiten kennenzulernen. Auch wenn die Protagonist:innen viele Charakterschwächen aufweisen, so wertet Gurnah nicht. Er zeigt Verständnis für die Situationen und präsentiert lieber Handlungen statt Emotionen. Die Deutung des Verhaltens liegt bei uns. (Ab hier: Spoiler) Doch worin besteht der titelgebende „Diebstahl“? Einerseits wird Badar tatsächlich ein Betrug vorgeworfen, der seine Lebenssituation enorm ändert. Doch im Buch klingen zwei weitere Diebstähle an. Da ist einerseits die geraubte Kindheit der Protagonist:innen, denn besonders die Väter sind aufgrund traumatischer Erfahrungen in den Unruhen Tansanias nicht in der Lage, Liebe zu geben. Doch das ist nicht deterministisch: Während Karim darunter leidet und später seiner Frau und seinem Kind die gleiche Lieblosigkeit entgegenbringt, setzt sich Badar darüber hinweg und nimmt sein Leben selbst in die Hand („Ich habe gelernt, das Leben zu ertragen“, S. 323). Der dritte Diebstahl ist der Tourismus, der Tansania zwar neuen wirtschaftlichen Aufschwung gibt, aber gleichzeitig den Kolonialismus fortsetzt: Die Europäer:innen zeigen sich überheblich oder gönnerisch interessiert – besonders deutlich wird das am Verhalten von Geraldine, die in Karim einen spannenden Flirt sieht, obwohl er gerade erst Vater geworden ist. Das fehlende Verständnis für die Lebenssituation zeichnet die Tourist:innen aus, die nur auf exotische Abenteuer aus sind, aber den „westlichen Komfort“ weiter einfordern. Somit ist Diebstahl zwar ein Roman, der wenig Spannungselemente aufweist, aber sehr eindrücklich Ausschnitte aus dem Leben in Tansania zeigt. Man gerät in einen Lesefluss und wundert sich nach über 300 Seiten, dass das Buch schon vorbei ist – gerne hätte ich vor allem Badar und Fauzia noch weiter begleitet.

Diebstahl
Diebstahlby Abdulrazak GurnahPenguin