3. Sept.
Rating:4

Bis über die Hälfte konnte ich mit dem Buch wenig anfangen. Ganz seltsame Stimmung, Gedankenströme, unterkühlte, nüchterne Betrachtungsweise, teils entrückt, dann wieder Soap Opera artige Ergüsse. Das meiste bleibt vage, wird nur angedeutet, in kurzen Betrachtungen Lebensereignisse eingebracht, die keine Nähe zu Personen ermöglichen. Das letzte Drittel hat mich einfangen können. Für mich ein Buch, in dem eine Frau aus dem Totenreich zu uns spricht. In einer Parallelwelt gefangen- wie betäubt und orientierungslos. Das Totengebet zum Schluss der Knaller. Ein Begräbnisritual und der Weg in die Freiheit. Pathos, Energie und völlig überladen - genau was dem Buch die ganze Zeit fehlte entlädt sich wie ein Vulkan. Definitiv ein Buch das die Zweitlektüre erzwingt.

Nahe dem wilden Herzen
Nahe dem wilden Herzenby Clarice LispectorPenguin
1. Jan.
Rating:3

"Die Freiheit, die sie manchmal empfand. Sie erwuchs nicht aus klaren Überlegungen heraus, vielmehr aus einem Zustand, der aus zu organischen Wahrnehmungen gemacht schien, um sie als Gedanken zu formulieren. Manchmal zitterte, in der Tiefe der Empfindung, eine Idee, die ihr annähernd ihre Art und Farbe zu Bewusstsein brachte." (Joanas Freuden, Seite 40) Dem Roman von 1943 ist ein Zitat von James Joyce vorangestellt, daher kann das Debüt der damals 23jährigen Autorin auch als weibliche Stimme zur Moderne interpretiert werden. Die brasiliansche Schriftstellerin mit den ukrainischen Wurzeln ist in ihrem Werk fast ausschließlich auf das Innenleben ihrer Protagonistin fokussiert. Mit ihren existenziellen Gedankenspielen, die sich in klar formulierten Grundsatzfragen äußern, mit der sie ihr Umfeld bereits als Kind überrumpelt und auch in Verlegenheit bringt, zieht sie den Leser schonungslos dicht an das heran, was sich tief im Herzen bewegt. Dabei werden Äußerlichkeiten wie Konventionen einer kritischen Analyse unterzogen. Gegen Ende der Geschichte kommt man nicht umhin, die Unerfahrenheit der Autorin zu bemerken, was der Lektüre ansich nicht schadet. Aber die zunehmend konzentrischen Kreise finden am Ende einen Fixpunkt, der fast episch wirkt und nicht so recht zu der ansonsten eher ambivalenten Grundstimmung des Romans passt. Der Stil des Romans ist sehr ausdrucksstark, fast schon blumig. Gerade zu Beginn geht er in Richtung Expressionismus, wenn Gegenstände in die komplexe Gedankenwelt der Protagonistin eingewoben und lebendig werden. Auch an Metaphern fehlt es nicht und die Autorin sucht nach Beschreibungen um Worte mit allen Sinnen zu fassen. Bei all der Begeisterung über das Talent der Autorin, wird man beim Lesen aber auch manchmal etwas überfrachtet von all den Gedankengebilden und eine gewisse Ermüdung tritt ein. Paradox erscheint auch, dass man eine zunehmende Distanz zu der Protagonistin aufbaut, je mehr man ihr Innenleben kennenlernt. FAZIT Obwohl dieser Roman ohne Zweifel ein beeindruckendes Debüt einer sehr jungen Autorin mit Talent ist, gibt es doch einige Faktoren, die den Glanz der Lektüre schmälern. Trotzdem ein Leseversuch wert!

Nahe dem wilden Herzen
Nahe dem wilden Herzenby Clarice LispectorPenguin