21. Dez.
Rating:4

Olga Tokarczuk vermag es nicht nur, umfangreiche Werke zu schreiben, sondern brilliert auch in der Kürze. "Der Schrank" versammelt sieben Geschichten der Literaturnobelpreisträgerin, in denen all die Züge zutage treten, weshalb ich diese Autorin so schätze. Es ist ein kleines, unscheinbares Büchlein - aber wir wissen ja, dass stille Wasser tief sind. Wenn Olga Tokarszuk sie schreibt, sogar umso mehr. Schon wenn man das Werk in die Hand nimmt (meine Version in Leinen gebunden), spürt mensch, dass mensch sich hier auf einen Tauchgang einlassen muss. Ruhig und besonnen erzählt die Autorin ihre Geschichten. Wer in die Tiefen der menschlichen Seele hinabsteigt, hat keine Eile. Die Texte kommen in unterschiedlichen Formen und Längen daher. Arbeiten mit den verschiedensten Symbolbildern und zeigen uns die vielfältigen Facetten unseres Daseins und unserer Gefühlswelt auf. Meine liebste Geschichte war jene aus dem Hotel und die letzte in der Sammlung. Aber jede einzelne berührte mich auf unterschiedliche Art und liess mich immer wieder an das Gelesene denken und in den Text zurückkehren. Wer die Autorin kennenlernen möchte, sich aber nicht gleich auf die Jakobsbücher stürzen möchte, kann sich hier einen kleinen Einblick in Tokarszuks Schreib- und Erzählstil verschaffen. Liebhaber erfreuen sich an der bibliophilen Aufmachung des Kampa Verlages und daran, die Lieblingsautorin auch mal auf diese Weise zu erleben.

Der Schrank
Der Schrankby Olga TokarczukKampa Verlag
30. Juli
Rating:4

Sieben Erzählungen, die alle auf verschiedene Art und Weise doch sehr Tokarczuk-typisch sind. In fast allen Erzählungen begeben wir uns mit den verschiedenen Figuren an den Rand oder über den Rand des Fassbaren, des Realen hinaus - oder vielmehr hinein in eine Welt des Außergewöhnlichen und Mystischen. Zum Teil sind die Erzählungen nur kurze Einblicke, zum Teil aber auch gefühlte Kurzromane der polnischen Literaturnobelpreisträgerin, die hier beweist, dass sie auch die kurze Form mehr als nur beherrscht. Besonders hervorzuheben sind meines Erachtens die Erzählungen "Zimmernummern" und "Amos", die, wie ich finde, mit besonders poetischer Zärtlichkeit geschildert werden. Ein Zimmermädchen, das anhand verschiedener Hotelzimmer die Verschiedenheit der Menschen beschreibt. Und eine junge Bankangestellte, die immer wieder eine Stimme hört und sich auf die Suche nach dem Besitzer macht. Die Faszination des Fremden, der große Reiz am Anderen, manchmal auch Jenseitigem, durchzieht auch hier alle Texte. Tokarczuk versteht es auch in Erzählungen meisterhaft, das Reale, Alltägliche mit dem Mystischen und Geheimnisvollen zu kombinieren. So wird "Der Schrank" zu einem wundervollen kleinen Erzählband, der für seinen kleinen Umfang von 144 Seiten erstaunlich viel zu entdecken bereit hält. Leseempfehlung? Uneingeschränkt.

Der Schrank
Der Schrankby Olga TokarczukKampa Verlag