Clever
Ich muss sagen, dass die clevere Art, wie das Buch aufgebaut ist – mit vielen einzelnen Erzählungen anstatt eines durchgehenden Romans mit immer demselben Protagonisten – außerordentlich gelungen ist. Daher vergebe ich vier Sterne. Fünf Sterne kann ich jedoch nicht geben, da dies mein drittes Werk von Ray Bradbury ist und ich sagen muss, dass mich die anderen beiden Werke von seiner Erzählweise her noch mehr abgeholt haben. Dennoch ist es ein schönes Buch und definitiv eine Empfehlung wert. Meiner Meinung nach muss man sich dabei nicht auf Leser aus dem Science-Fiction-Genre beschränken, sondern kann diese Empfehlung durchaus für alle Buchliebhaber aussprechen. Wir entdecken eine sehr tiefgreifende Botschaft, die wir auch auf der Erde schon mehrfach erlebt haben: das Problem der Kolonialisierung. Die Marsianer sind den Invasoren – also den Erdlingen – zunächst feindlich gesinnt. Die ersten Raumfahrten enden tatsächlich in Katastrophen. Jedes Mal werden die Menschen von der Erde getötet oder in die Irre geführt. Die Marsianer besitzen Fähigkeiten, die wir auf der Erde nicht haben. Sie verfügen über telepathische Kräfte, können Illusionen hervorrufen und sind den Menschen damit zunächst überlegen. Dann tritt jedoch das ein, was wir auch aus der Geschichte der Erde kennen: Sie werden durch Krankheiten dahingerafft, gegen die sie keine Abwehrkräfte haben. Das erinnert stark an die Kolonialisierung Amerikas, etwa nach der Reise von Christoph Kolumbus im Jahr 1492, als Krankheiten wie Pocken und Masern eingeschleppt wurden und große Teile der Urbevölkerung – Schätzungen zufolge zwischen 50 und 90 % – ausgelöscht wurden. Auch im Buch gewinnen letztlich die Menschen von der Erde den Machtkampf auf dem Mars, und der Planet wird neu kolonisiert. Wir erleben außerdem, wie die Menschen versuchen, ihre Religionen dorthin zu übertragen. Das kann für gläubige Leser möglicherweise irritierend sein, doch ich würde empfehlen, sich hier auf den literarischen Wert zu konzentrieren. Im Endeffekt erleben wir eine zweite Menschheitsgeschichte mit allen Höhen und Tiefen. Auf der Erde bricht ein Atomkrieg aus, und viele Menschen auf dem Mars kehren zurück, um dort zu kämpfen oder zu sterben. Am Ende bleibt eine Familie auf dem Mars zurück, wodurch sich für die Menschheit eine zweite Chance ergibt. Einen klaren Abschluss oder ein klassisches Happy End gibt es nicht. Stattdessen lässt der Autor bewusst Raum für eigene Interpretationen. Meiner Meinung nach ist die Geschichte stark mit der Kolonialisierung Amerikas verflochten. So wird beispielsweise beschrieben, wie viele Afroamerikaner zum Mars auswandern, um dort ein neues Leben zu beginnen. Auch politische und wirtschaftliche Flüchtlinge verlassen die Erde in Richtung Mars. Im Grunde erleben wir eine Art „Amerika 2.0“ auf dem Mars – der Planet wird gewissermaßen amerikanisiert. Ray Bradbury greift hier sehr deutlich die Entstehungsgeschichte der USA auf. Das Buch ist es definitiv wert, gelesen zu werden, und lässt sich mit knapp unter 400 Seiten auch relativ zügig durchlesen. Daher von mir eine klare Empfehlung.







