Man entdeckt Dinge durch die Erinnerung, sich an etwas zu erinnern bedeutet, es zum ersten Mal zu sehen.
Ich habe Judith Hermanns „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ohne große Erwartungen gekauft, fand aber den Klappentext interessant. Das Buch erzählt von ihrer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihres Großvaters, der bei der SS war – ein Thema, über das in ihrer Familie weitgehend geschwiegen wird. Besonders ihre Mutter möchte sich damit nicht beschäftigen, was die Autorin sichtbar belastet. Sehr eindrucksvoll beschreibt Judith Hermann dieses große Schweigen, das wie eine schwere Haube über der Familiengeschichte liegt. Einerseits fragt man sich, wie man sich einer solchen Vergangenheit entziehen kann, andererseits erkennt man vielleicht auch eigene Verdrängungsmechanismen darin wieder. Besonders interessant fand ich auch die Rolle ihrer Schwester, die als Archäologin beruflich mit Vergangenheit arbeitet, der eigenen Familiengeschichte jedoch ebenfalls eher distanziert begegnet. Ein Satz aus dem Buch ist mir besonders in Erinnerung geblieben: „Man entdeckt Dinge durch die Erinnerung, sich an etwas zu erinnern bedeutet, es zum ersten Mal zu sehen.“ Das Buch ist ruhig erzählt und lebt weniger von Handlung als von Gedanken und Stimmungen. Gerade diese Zurückhaltung macht es besonders eindringlich und regt dazu an, über Erinnerung und den Umgang mit Vergangenheit nachzudenken.
















