15. Aug.
Poetisch und voller Schmerz
Rating:4.5

Poetisch und voller Schmerz

"Jirro ist unser gebrochenes Herz. Unser Leben auf der Kippe zwischen Hölle und Gegenwart. Wir sind diasporische Wesen, schwebend im Wind, entwurzelt von einer zwanzigjährigen Diktatur, von einem der verheerendsten Kriege auf dem Planeten Erde und einem gewaltigen Waffenhandel, der unsere Knochen und die unserer Vorfahren unter einem Haufen Kalaschnikows begraben hat, die aus Transnistrien geradewegs im Hafen von Mogadischu landeten. Um uns auszulöschen. (S. 18)" Dieses autobiographische Werk in Form eines Briefes einer Tante an ihre Nichte verwebt die eigene Familiengeschichte der Autorin mit der Geschichte Somalias als solcher und dem Leben in der somalischen Diaspora weit weg vom eigenen Land. Die italienisch-somalische Schriftstellerin Igiaba Scego (geb. 1974) wechselt in ihrer Erzählung zwischen Gegenwart und Vergangheit, verwendet mal poetisch sanfte und dann wieder messerscharf verletzend harte Sprache, beides durchzogen mit Begriffen und Ausdrücken der somalischen Sprache. Sie erzählt nicht chronologisch, manchmal etwas zu sprunghaft, aber am Ende fühlt sich die Erzählung doch wie in sich geschlossen an. Ich bin während des Lesens auf den Flügeln dieser wunderschönen Sprache von Igiaba Scego gereist und durfte Somalia und Mogadishu durch ihre Augen und die ihrer Familie betrachten. Ein Mogadishu also, das einst eine Perle war, wunderschön. Ich habe Scham empfunden für uns Europäer*innen, die dazu beigetragen haben, dass diese Stadt zerbombt wurde und heute keine Perle mehr ist, die Somalia zu einem "Failed State" ausgerufen haben, nachdem sie das Land - wie so viele andere - mit ihrer Gier und ihrem Rassismus geschunden haben. Ich habe den Schmerz gespürt, zumindest einen winzigen Teil davon, der durch all das verursacht wird und wurde, auch wenn ich mir nicht anmaßen möchte diesen so durchlebt zu haben wie die Autorin selbst. Ein wirklich tolles Buch! Übersetzt von Verena von Koskull.

Kassandra in Mogadischu
Kassandra in Mogadischuby Igiaba ScegoS. FISCHER