10. Sept.
Rating:3

„Seit Wochen oder sogar Monaten war sie, als könne man auch das Lesen verlernen, nicht vorangekommen in dem Roman, der auf dem Nachtkästchen lag, so lange, dass sie schon gar nicht mehr recht wusste, wovon er handelte.“ Ich frage mich, ob mich der Roman mehr bewegt hätte, wenn ich seine Vorgänger zuerst gelesen hätte.

Brennende Felder
Brennende Felderby Reinhard Kaiser-MühleckerS. FISCHER
12. Sept.
Rating:4

Ein Psychogramm einer bäuerlichen Gesellschaft am wirtschaftlichen und kulturellen Abgrund ❤️‍🩹

„Brennende Felder“ stellt den Abschlussband der Romantrilogie des Schriftstellers Reinhard Kaiser-Mühlecker rund um die oberösterreichische Bauernfamilie Fischer dar - welchen ich gelesen habe, ohne die beiden Vorgängerbücher zu kennen. Und ich kann Euch verraten: Ich bin trotzdem gut in die Geschichte reingekommen, aber habe nun „Blut geleckt“ und werde Teil 1+2 auch noch lesen. Das Psychogramm einer bäuerlichen Gesellsc haft am wirtschaftlichen und kulturellen Abgrund. Luisa ist in ihre oberösterreichische Heimat zurückgekehrt und möchte nun als Schriftstellerin neue Wege einschlagen. Dort begegnet sie ihren Halbbrüdern wieder, die (wie ich mir habe sagen lassen) auch schon in Kaiser-Mühleckers Prosawerken „Fremde Seele, dunkler Wald“ bzw. „Wilderer“ im Mittelpunkt standen: Alexander, ein ehemaliger Soldat, leidet unter den psychischen Nachwirklungen eines Auslandseinsatzes, Jakob hat zwischenzeitlich den verschuldeten Bauernhof der Eltern übernommen. Beide Söhne sind auf der Suche nach dem persönlichen Glück, hadern aber damit, sich von familiären Prägungen zu lösen. Luisa lebte lange Zeit im Ausland und war somit fernab des Geschehens des heimischen Rosentals. Von unterschiedlichen Vätern hat sie zwei Kinder, die auch bei diesen in Dänemark und Schweden leben. Luisas lässt in ihren gedanklichen Struggles kein gutes Haar an ihnen. „Ihre beiden Ex-Männer, die Väter ihrer Kinder waren schrecklich gewesen, der eine wie der andere, in gewisser Hinsicht eigentlich richtige Monster, von denen sich zu trennen ihr im Innersten nicht schwergefallen war.“ Reinhard Kaiser-Mühlecker lässt Luisa als unzuverlässige Erzählerin fungieren. Eigentlich bin ich da gar keine Freundin von - ich bevorzuge normalerweise doch eher zuverlässige Erzählstimmen, aber in diesem Falle kam ich erstaunlich gut damit zurecht (keine innerlichen Wutausbrüche 😇😡😤) und das lag an Luisa, die zwar per se eine unzuverlässige Erzählerin ist, aber dann doch so viel Selbstreflektion besitzt, dass man ihr so manches durchgehen lässt, sei es Unzuverlässigkeit, als auch die eine oder andere Übertreibung. „Andere Menschen waren schon eigenartige Wesen, und wie war man selbst eigentlich? Sich kannte man schließlich auch nicht besonders gut, wenn man ehrlich war.“ Luisa bietet schon einiges Konfliktpotenzial, sei es die Tatsache, dass sie gerne ihre leidvollen Erfahrungen auf andere Familienmitglieder projiziert oder auch ihre Skrupellosigkeit gegenüber Fremd- und Eigenzuschreibungen. Auch was die Liebe angeht, ist sie weit entfernt von einem Ruhepol, sie erobert frohen Mutes Robert Fischer und damit den Mann, der sie zwar aufgezogen hat, aber eben nicht ihr leiblicher Vater ist. Ich hatte zeitweise Schwierigkeiten während des Lesens den emotionalen Verstrickungen und ökonomischen Verwürfnissen der Familie Fischer zu folgen. Was mich nach gut der Hälfte dazu brachte, zu überlegen, wohin die Geschichte eigentlich abzielt und das Ganze hinausläuft. Auch aus Luisas Ausführungen zu ihrem Roman wurde ich nicht schlau und habe mich gefragt: lese ich hier gerade das Werk, das Luisa gerade schreibt? Die Beantwortung der Frage und auch noch mehr Einzelheiten zu dem Inhalt möchte ich Euch nicht vorwegnehmen, aber wie ihr sicherlich merkt: das Buch stiftet einiges an Verwirrung und hält die Spannung (was es mich auch in einem Rutsch hat durchlesen lassen). Ich kann Euch verraten, es geht in „Brennende Felder“ noch um so vieles mehr, es tauchen noch einige gut gezeichnete Charaktere auf und auch bezüglich Geschehnissen wird’s nicht langweilig. Da diese Rezi aber keine Romannacherzählung sein soll und es doch immer den größten Lesespaß bedeutet, ein Buch für sich selber zu entdecken, belasse ich es bei den bisherigen Infos zum Buch. Der Schriftsteller und Landwirt Reinhard Kaiser-Mühlecker hat ein Psychogramm einer bäuerlichen Gesellschaft am wirtschaftlichen und kulturellen Abgrund geschrieben. Deutsche Gegenwartsliteratur at it’s best! Zarten Gemütern kann ich nur von diesem beeindruckenden Werk voller schwarzem Humor und langen Spannungsbögen abraten. Es gibt bei dem Autor ferner keinesfalls Entschuldigungen für verwerfliches Verhalten oder charakterliche Verfehlungen. Kaiser-Mühlecker ist ein Meister der Naturbeschreibungen, aber auch auf emotionaler Ebene fehlt es ihm nicht an Empathie, eine gelungene Introspektion hat er hier vorgelegt. Lest „Brennende Felder“ und findet heraus, wohin Luisa ihr Weg auf weiblicher und literarischer Selbstbehauptung geführt hat.

Brennende Felder
Brennende Felderby Reinhard Kaiser-MühleckerS. FISCHER