1. Nov.
Rating:5

Eine Geschichte, die sich aufzulösen droht, zwischen Leerstellen und Ungesagtem...

Die Lyrikerin Nina Wagner bekommt eine Gastprofessur in New York angeboten. Überfordert und frustriert von ihrem Leben in Wien, zwischen der sich abnabelnden, erwachsenen Tochter und den enttäuschenden Männern, macht sie sich auf in ein ihr nun fremdes Land, das sich 2024 zwischen dem Gaza-Krieg, dem sich ankündigenden Wahlsieg Trumps und den Resten der Coronapandemie aufzulösen droht. Ich muss gestehen, ich habe bisher noch kein Buch von Marlene Streeruwitz gelesen, und mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob dieses Buch in seinen Formulierungen und seinem kurz gehaltenen Stil nun Streeruwitz üblichen Ton folgt, oder sie auf die kurzen Sätze und Leerstellen des Themas willen zurückgreift. Letztlich scheint es auch egal, denn so oder so gelingt ihr ein stimmiges, wenn auch zutiefst aufwühlendes Buch. Vieles bleibt ungesagt, die Erzählung springt, folgt den wirren Gedanken der Protagonistin, die ab der Hälfte des Buches durch ihr Leben geworfen zu werden scheint. Der ursprüngliche Fokus auf die politischen Geschehnisse im Herbst 2024 weichen allmählich den persönlichen Problemen der Protagonistin. Anfangs hat mich dieser Umstand irritiert, aber dann wird immer wieder thematisiert, wie ein Darüber-Sprechen an den Hochschulen immer stärker unterbunden wird, und das Schweigen darüber bildet sich nicht nur in der Fokusverschiebung, sondern auch im Stil des Buches ab. Man erfährt über kaum eine Figur viel, oft sind es nur kurze Gedankenfetzen der Protagonistin Nina, doch in diesem Ungesagten steckt umso viel mehr. Politisches, das von Persönlichem überlagert wird, bildet doch irgendwie unsere eigene Haltung ab, wir wollen nicht reden über die Missstände in der Welt, wollen nichts sagen, um nicht selbst zum Ziel der Anfeindung zu werden, und fokussieren uns lieber auf uns selbst, leben in einer anderen Welt, die weniger dringlich erscheint. Genauso wie es die Protagonistin tut, wenn sie sich auf die Probleme der Tochter in Wien konzentriert, statt die scheinbar dringlicheren eigenen in New York. Mein Favorit für den Buchpreis, aber auch unabhängig davon kann ich nur eine große Leseempfehlung an jeden aussprechen. #österreichischerbuchpreis #marlenestreeruwitz #auflösungen #shortlist #politik #zeitgenössischerroman #kommentar #meinungsfreiheit #leseempfehlung #rezension

Auflösungen.
Auflösungen.by Marlene StreeruwitzS. FISCHER
28. Aug.
Zwischen Pandemie, Politik und privatem Wahnsinn
Rating:4

Zwischen Pandemie, Politik und privatem Wahnsinn

Manchmal fühlt es sich an, als würde man in einen Mixer steigen, auf Stufe „Weltuntergang“ gestellt, und trotzdem noch hoffen, dass am Ende ein Smoothie rauskommt. Genau so liest sich „Auflösungen.“ – nur dass der Mixer hier New York ist und der Smoothie eher ein Cocktail aus Pandemie, Politik und privaten Katastrophen. Marlene Streeruwitz schickt uns mitten hinein in die Großstadthitze, den Wahnsinn einer zerfledderten Gesellschaft und das Kopfchaos einer Frau, die eigentlich nur Literatur lehren will, aber plötzlich mit den Absurditäten des Lebens jongliert. Nina Wagner stolpert von Alltagskrisen in philosophische Gedankenspiralen, und das alles mit einer Mischung aus Verzweiflung, Scharfsinn und lakonischem Humor. Manchmal habe ich gedacht: „Mensch, entspann dich doch mal!“ – aber gleichzeitig konnte ich nicht aufhören, weiterzulesen, weil ihre Perspektive so gnadenlos ehrlich ist. Da werden nicht nur politische Zustände zerpflückt, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen mit chirurgischer Präzision seziert. Natürlich ist das Ganze nicht leichte Kost. Streeruwitz schreibt so, dass man ständig das Gefühl hat, zwischen den Zeilen lauert noch ein zweiter, dritter, zehnter Text. Wer hier eine flauschige Feel-Good-Story erwartet, hat die falsche U-Bahn erwischt. Aber gerade dieses sperrige, ungeschönte Erzählen macht den Reiz aus. Am Ende bleibt ein schräger Mix aus Melancholie, Wut, Hoffnung und dieser Art von Lachen, das man raushaut, obwohl einem eigentlich gar nicht danach ist. Vier Sterne von mir, weil es manchmal zu verkopft und verkünstelt daherkommt – aber hey, wenn Literatur nicht auch mal Kopfgymnastik sein darf, was dann?

Auflösungen.
Auflösungen.by Marlene StreeruwitzS. FISCHER