
Du bist das Metronom für den Takt in meiner Brust
„Das Leben zieht in Streifen von Licht vorbei am Gesicht. Jeden Tag verlieb ich mich neu. Es sieht aus als wenn es nie wieder klappt. Dann sind wir wieder im Takt. Jeden Tag verlieb ich mich neu.“ Friedrich Kautz (Prinz Pi): „Ballade für Jojo“, auf: Im Westen nix Neues, Keine Liebe Records, 2016 _________ Mit „Fast ein Leben“ nimmt uns Kiran Millwood Hargrave mit ins Frankreich der 1970er Jahre: auf die Stufen von Sacré-Cœur, in die Straßen von Paris und in zwei Leben, die beinahe ein gemeinsames geworden wären. Vor uns entfaltet sich die Geschichte zweier Frauen: Erica, eine Touristin aus England, auf der Suche nach dem Beginn ihres eigenen Lebens. Und Laure, Parisienne, unangepasst, wild und so rau wie das Paris dieser Zeit, geprägt vom Zeitgeist und den Umbrüchen einer ganzen Generation. Die beiden wirken dabei wie ein Metronom: Mal schlagen sie im gleichen Takt, finden zueinander und scheinen endlich synchron zu sein, dann geraten sie wieder aus dem Rhythmus, verlieren sich und verpassen den richtigen Moment. Das, was sie füreinander empfinden, bleibt über Jahrzehnte unausgesprochen. Die Autorin erweckt ihre Figuren eindrucksvoll zum Leben. Durch intensive Dialoge, innere Monologe und große Emotionen entsteht ein detailreiches Bild, das zugleich die politische und gesellschaftliche Realität der queeren Szene Frankreichs einfängt: Homophobie, die AIDS-Krise und den langen Weg hin zur gesellschaftlichen und rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe. Dabei bleiben nicht nur Erica und Laure im Mittelpunkt. Auch die Nebenfiguren bekommen Raum und Bedeutung. Sie prägen die Entwicklung der beiden Frauen, beeinflussen ihre Entscheidungen und verweben sich spürbar mit ihrer Geschichte. „Fast ein Leben“ erzählt davon, wie das Leben uns manchmal einfach passiert: von verpassten Chancen, Feigheit und Bequemlichkeit, aber auch von Mut, Selbstermächtigung und Erinnerungen, die uns tragen können. Wenn ihr wissen wollt, ob Ericas und Laures Leben am Ende wieder im gleichen Takt schlagen, ob sie es schaffen, sich wirklich und wahrhaftig zu begegnen, dann solltet ihr dieses Buch selbst lesen.












