André Aciman gelingt es in „Mein Sommer mit Kalaschnikow“ erneut (das ist das 5. Buch, dass ich von ihm lese), die Leser tief in die komplexen Gefühlswelten seiner Figuren einzutauchen zu lassen. Die Geschichte einer ungewöhnlichen und innigen Männerfreundschaft wird mit einer solchen Intensität und Feinfühligkeit erzählt, dass man das Gefühl hat, heimlich in ein persönliches Tagebuch zu blicken. Was die Erzählung besonders macht, ist die Abkehr von gängigen Stereotypen und Erwartungen an zwischenMÄNNLICHEN Beziehungen. Die Freundschaft der Protagonisten ist frei von Klischees, zugleich tief emotional und zerrissen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Dieser Zwiespalt wird meisterhaft in einem offenbarenden Stil eingefangen, der sowohl die innere Zerrissenheit der Figuren als auch ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Authentizität spürbar macht. Ein persönlicher Höhepunkt des Buches ist das Zitat auf Seite 309, das die existenzielle Not der Figuren auf den Punkt bringt: Das Abstreifen gesellschaftlicher Masken bis auf die „nackten Knochen“ ist nicht nur ein Bild für die emotionale Entblößung, sondern auch ein schmerzhafter Prozess, der die Leser tief berührt. („Um dennoch weiterleben zu können, musste man die schuldbeladene Hand abschneiden, musste abtrennen, weghobeln, schälen und schaben, musste Stücke von sich reißen, bis nur noch nackte Knochen übrig waren. Und diese Knochen verrieten einen; man konnte sie nicht verbergen, konnte nicht verhindern, dass sie angestarrt wurden. Dann wünschte man sich nur noch, dass andere genauso entblößt dastanden wie man selbst, mager und skelettartig.“) Aciman schreibt nicht nur über Freundschaft, sondern auch über die Frage, wie man sich selbst und anderen in einer Welt treu bleiben kann, die einen ständig in Kategorien zu zwängen versucht. Ein Buch, das fesselt, nachdenklich macht und vor allem lange nachhallt.
22. Nov.Nov 22, 2024
Harvard Squareby Andre AcimanW W NORTON & CO
