Sprachlich virtuos und politisch nuanciert – aber ohne Vorkenntnis von „Herbst“ schwerer Einstieg
Ein Brexit-Weihnachten zwischen Dickens und Shakespeare Heiligabend in Cornwall. Im riesigen Haus der über siebzigjährigen Sophia Cleves treffen vier Menschen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sophia selbst, eine konservative ehemalige Unternehmerin, die seit Tagen den körperlosen Kopf eines Kindes sieht. Ihr Sohn Arthur („Art“), der einen wenig erfolgreichen Naturblog betreibt und gerade von seiner Freundin Charlotte verlassen wurde. Lux, eine junge Frau aus Kroatien, die Art als Charlotte ausgibt, weil er seiner Mutter die Trennung nicht beichten will. Dazu kommt Iris, Sophias linke Aktivistinnen-Schwester, die nach Jahrzehnten der Funkstille zurückkehrt. Die vier verbringen merkwürdige Weihnachtstage zwischen Streit, Erinnerungen, Konflikten und langsamer Annäherung. Im Hintergrund: das gespaltene Großbritannien nach dem Brexit. Im Vordergrund: die Frage, was Familie und Heimat heute überhaupt noch bedeuten. Mit deutlichen Anspielungen auf Dickens „A Christmas Carol“ und Shakespeares „Cymbeline“ baut Smith ein literarisches Geflecht, das gleichermaßen politisch und literarisch sein will. Ali Smith ist sprachlich eine echte Wucht. Sie schreibt mit einer Mischung aus Witz, Schärfe und poetischer Verdichtung, die im Genre der literarischen Gegenwartsliteratur selten ist. Ihre Sätze springen, ihre Dialoge spritzen, ihre Beobachtungen treffen. Wer englisch-irisch geprägten literarischen Stil mag, von Zadie Smith über Bernardine Evaristo bis Hilary Mantel, wird hier eindeutig fündig. Die deutsche Übersetzung von Silvia Morawetz ist absolut lobend zu erwähnen. Smith zu übersetzen ist eine Mammutaufgabe – ihre Wortspiele, Anspielungen und kulturellen Referenzen verlangen viel Fingerspitzengefühl. Morawetz hat das auf hohem Niveau geleistet, auch wenn unvermeidlich manche Anspielungen für deutsche Leser:innen weniger zünden als für britische. Die vier Hauptfiguren sind unterschiedlich gelungen gezeichnet. Sophia und Iris als Schwesternpaar funktionieren erstaunlich gut. Die jahrzehntelangen Konflikte, die unausgesprochenen Verletzungen, die zaghaften Annäherungen sind feinfühlig dargestellt. Vor allem Iris als alte linke Aktivistin – sie war Anfang der 80er bei den Greenham-Common-Protesten gegen Atomwaffen dabei – ist eine eindrucksvolle Figur. Was mich aber am meisten beeindruckt hat: Lux, die junge Kroatin, die Sophia und Art als Familienangehörige durchs Weihnachtschaos navigiert. Smith setzt sie clever ein, als Außenstehende, die der gesamten Familie den Spiegel vorhält. Die einzige Migrantin am Tisch wird zur Wahrheitsstimme dieses Brexit-Romans. Das ist literarisch elegant gemacht. Smith hat das Jahreszeiten-Quartett explizit als „Echtzeit-Roman“ konzipiert. Sie wollte direkt auf politische Entwicklungen reagieren und schrieb jeden Band in nur vier Monaten. „Winter“ ist dabei der politischste Band: Brexit, Trump, Globalisierungsängste, das Auseinanderbrechen britischer Gesellschaft. Smith verhandelt das mit feinem Humor und scharfen Beobachtungen. Was ich besonders schätze: Smith fällt nie ins moralisierende Pathos. Sie zeigt, wie britische Familien über diese Themen streiten, ohne die eine Seite zu verurteilen. Sophia ist Brexit-Befürworterin, Iris eine alte Aktivistin – beide bekommen ihre Argumente, ihre menschliche Tiefe. Das macht den Roman politisch nuanciert und literarisch reif. Hier liegt eine Stärke des Buches und gleichzeitig sein größter Stolperstein. Smith baut zahlreiche literarische Anspielungen ein: „A Christmas Carol“ von Charles Dickens ist offensichtlich (Geister, Weihnachtszeit, Wandlung einer ungemütlichen Hauptfigur), Shakespeares „Cymbeline“ liefert ein wiederkehrendes Zitat. Dazu kommen Anspielungen auf Pauline Boty, britische Pop-Art und vieles mehr. Wer diese Referenzen erkennt, bekommt eine zusätzliche Lese-Ebene. Wer sie nicht erkennt – und „Cymbeline“ gehört nicht gerade zu Shakespeares populärsten Stücken in Deutschland –, verpasst einiges. Smith schreibt eindeutig für ein literarisch versiertes Publikum. Das ist nicht falsch, macht den Roman aber zu einem fordernden Buch, das man nicht zwischendurch konsumiert. Ehrlich gesagt: Ich habe „Winter“ gelesen, ohne vorher „Herbst“ gelesen zu haben. Das war vermutlich ein Fehler. Smith selbst sagt zwar, jeder Band sei einzeln lesbar, aber ich hatte durchgehend das Gefühl, in einer Konversation zu sein, deren Anfang ich verpasst habe. Bestimmte thematische Bögen, gewisse Themen-Klänge, das gesamte Brexit-Setup wäre mit Band 1 als Grundierung vermutlich klarer gewesen. Mein klarer Tipp: Wer Smith entdecken möchte, sollte unbedingt mit „Herbst“ anfangen. Auch wenn die Bände formal unabhängig sind, das thematische und stilistische Verständnis baut aufeinander auf. Ich werde „Herbst“ definitiv nachholen und glaube, dass mir das Quartett dann anders erschließt. Smith erzählt nicht chronologisch. Sie springt zwischen Zeitebenen, Erinnerungen und Realitätsebenen. Das ist literarisch raffiniert, kann aber auch ermüden. Wer einen klaren Erzählbogen erwartet, wird ausgebremst. Wer sich auf das collageartige Erzählen einlassen kann, erlebt eine intensive Lese-Erfahrung. Mir persönlich hat manchmal die emotionale Verdichtung gefehlt. Die Charaktere bleiben in vielen Szenen Ideen-Träger, weniger Menschen mit echten Gefühlen. Das ist Programm – Smith will gesellschaftliche Strömungen literarisch verhandeln, nicht primär Familienpsychologie machen. Aber gerade die emotionale Nähe, die ich an anderen literarischen Romanen schätze, etwa bei Sylvie Schenk oder Annie Ernaux, fehlt mir hier. Mein Fazit: „Winter“ ist literarisch zweifellos auf hohem Niveau. Ali Smith ist eine der wichtigen britischen Gegenwartsautor:innen, und das Jahreszeiten-Quartett ist ein einzigartiges literarisches Projekt. Aber als Einstieg habe ich es mir leichter vorgestellt. Vieles, was hier passiert, baut auf einer Grundierung auf, die ich nicht hatte. Mein Urteil liegt also vor allem an meinem Einstiegsfehler. Wer Smith entdecken möchte, sollte unbedingt chronologisch lesen. Wer das Quartett bereits kennt, wird vermutlich mehr Sterne vergeben. Empfehlenswert für Fans britischer Gegenwartsliteratur wie Zadie Smith, Bernardine Evaristo, Hilary Mantel oder Penelope Lively. Für Leser:innen, die literarisch ambitioniert lesen und sich auf experimentelles Erzählen einlassen können. Auch für alle, die sich mit den literarischen Verarbeitungen des Brexit beschäftigen wollen. Eher nichts für Leser:innen, die mit Smith einsteigen wollen, ohne mit Band 1 zu beginnen. Auch nichts für dich, wenn du klassische Erzählbögen mit klarer Auflösung erwartest oder bei vielen literarischen Anspielungen den Faden verlierst.










