Wenn ich euch verraten könnte

Wenn ich euch verraten könnte

Hardback
3.624
TraumatischVerantwortungslosVerletzungMigration

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Description

„In diesem starken Debütroman schweigen die Väter, während die Mütter sprechen. Draeger entfaltet ein dichtes Motivnetz, in dessen Zentrum Oralität (als Sprechen, als Essen, als Schweigen) steht. Die schnörkellose, aber elegante Sprache lässt die Brutalität mancher Szenen - gleich zu Beginn findet der Großvater im Kindesalter seinen Vater erhängt vor - umso schärfer zutage treten." Marlen Hobrack, Welt am Sonntag In ihrem kompromisslosen Debüt erzählt Lea Draeger die Geschichte einer Familie, deren Herkunft die Gegenwart überschattet. Nach und nach entsteht ein Kaleidoskop aus Verletzungen und Sprachlosigkeit, das die Leben von Großmutter, Mutter und Tochter prägt – sie alle sind verzweifelt und grausam, traurig und stark zugleich. Der Tochter aber wird es gelingen, die weitergetragenen Traumata zu überwinden, indem sie sich der Familienvergangenheit entgegenstellt. „Als mein Großvater zwölf Jahre alt war, erhängte sich mein Urgroßvater am Deckenbalken seiner Backstube mit einer Hundeleine. Die Füße schwebten über dem Arbeitstisch. Er schaute starr von oben hinunter auf sein Kind.“

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
288
Price
23.70 €

Author Description

Lea Draeger, geboren 1980, ist Schauspielerin und bildende Künstlerin. Seit 2015 spielt sie als festes Ensemblemitglied am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, davor unter anderem am Schauspielhaus Bochum und an der Berliner Schaubühne. Sie gastierte am Schauspielhaus Düsseldorf und den Salzburger Festspielen und gewann u.a den Daphne Preis, den Publikumspreis der Berliner Theater.

Posts

6
All
4.5

Dieses Buch tut weh! Es ist brutal, heftig, schmerzhaft, eindrücklich und absolut kein Wohlfühlbuch. Und trotzdem ein gutes und wichtiges Buch. Es geht um Essstörungen, Selbstverletzung, patriarchale Gewalt, und Katholizismus. Wahrlich keine schöne Familiengeschichte. Ein 13-jähriges Mädchen hört irgendwann auf zu essen und zu sprechen. Sie kommt in der Psychiatrie und fängt an alles in ein Notizbuch zu schreiben, geht in der Familiengeschichte zurück bis zum Urgroßvater. Dieser erhängt sich gleich zu Anfang des Buches. Hier wird nichts beschönigt und manche Szenen sind wirklich kaum zu ertragen. Einmal wird der Alltag in der Klinik beschrieben und dann bruchstückhaft die Geschichte der Familie. Trauen kann ich der Protagonistin nicht immer, weiß nicht, ob sie was beschönigt oder sich etwas ausdenkt. Weiß nicht immer, was die Realität ist. Und doch folge ich ihr und glaube ihr, da sie mir auf Umwegen die Wahrheit erzählt. Ich konnte dieses Buch nicht am Stück lesen, obwohl es einen guten Schreibstil hat und ich neugierig war, wie es weiter geht. Aber die Härte war mir manchmal zu intensiv, zu nah. Dieses Buch wird mich so schnell nicht loslassen. Empfehlenswert für alle, die mit diesen schwierigen Themen umgehen können. S.25 „Die ursprüngliche Sprache meiner Mutter ist Tschechisch. Sie spricht selten in dieser Sprache, nur ab und zu mit ihrer Schwester und früher mit meinen Großeltern. Meiner Schwester und mir hat sie diese Sprache nicht beigebracht. Ich kann die Sprache meiner Familie nicht sprechen und nicht verstehen.“ S.26 „Sobald meine Schwester, mein Vater oder ich in der Nähe waren, sprach meine Mutter immer Deutsch. Nur wenn sie etwas traf oder angriff, wenn etwas wirklich wichtig für sie war, kippte sie zurück ins Tschechische. Daher klingt alles, was für meine Mutter wirklich wichtig ist, für mich fremd. Und alles, was ihr etwas bedeutet, verstehe ich nicht.“ S.201 „Ich esse langsam. Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Raum bin. Ich weiß nicht, ob es Tage, Wochen, Monate oder Jahre sind. Mein Körper bläht sich auf. Seine fade, labbrige Masse wächst aus dem Bett hinaus, fließt fettig über den Boden, die Wände hoch. Von der Decke platscht er hinunter, kracht in das Bett. Mein Körper wird mich erdrücken.“

4.5

Schmerzhaft und intensiv

Sie schweigt und sie verweigert das Essen. In der Klinik beginnt sie zu schreiben, über ihre Familie, über die Frauen ihrer Familie, deren Leben und Leiden und Schweigen. Lea Draegers Debütroman ist alles andere als leichte Kost. Die Triggerwarnung im Buch sollte unbedingt beachtet werden, denn das, was die namenlose 13jährige Erzählerin tut, bzw. nicht tut wird sehr nah und intensiv beschrieben. Es geht um Gewalt, psychische und physische, Gewalt gegen sich selbst und von anderen. Das Schweigen der Generationen in dieser Familie ist laut, das Schweigen der Frauen, Männer und Kinder über ihre Traumata wird fast zu einer eigenen Sprache und doch wird so wenig gesagt. Essen und Religion nehmen großen Raum ein, es ist eine Art der Kommunikation in dieser Familie, aber das Wesentliche bleibt auf der Strecke. Erst als die junge Protagonistin, die wegen Essstörungen in der Klinik ist und sich später beginnt selbst zu verletzen, die Geschichte ihrer Familie zu Papier bringt, bekommen die Frauen in ihrer Familie eine Stimme, die gehört wird. „Die Wut macht uns Frauen hässlich. Jedenfalls lernten wir das so.“ Lea Draegers Roman lässt die Wut und das Hässliche ungeschminkt nach außen in einer intensiven, ungeschönten Sprache. Sie durchbricht den schönen Schein, legt den Finger in die Wunde und das bringt einem beim Lesen auf manchen Seiten fast körperlichen Schmerz. Das Buch ist kein einfaches, nichts zum nebenher Weglesen, aber ein umso Wichtigeres - und eines, das man den schweigenden Frauen ohne Stimme schuldig ist, zu lesen.

2

Dieses Buch hat mir den letzten Nerv gekostet

So häufig habe ich ans Abbrechen gedacht, dann gabs doch wieder einen interessanten Absatz und ich habe weitergelesen. - um dann dadurch voll in eine Leseflaute zu stürzen. Worum geht's? Die namenlose Protagonistin kommt in die Psychiatrie, weil sie aufgehört hat zu essen und zu sprechen. Dort fängt sie an über ihre Familie nachzudenken und die Familiengeschichte aufzuschreiben. Eigentlich voll mein Ding: weiblicher Charakter, kaputt, aber dennoch stark, findet ihre Stimme und erzählt vom Familiendrama. Aber boah, es hat mich absolut gar nicht gekriegt. Schnörkelige Sprache, wo ich es doch viel lieber konkret mag. Ich habe mich non stop gefragt, wo die Geschichte hin will. Von mir leider keine Empfehlung

Dieses Buch hat mir den letzten Nerv gekostet
3.5

Die Sprache ist richtig toll, sodass es sich vermeintlich leicht weglesen ließe. Aber die Geschichte ist echt hart und schwer zu ertragen. Unbedingt auf die Triggerwarnung achten!

4

Triggerwarnung vorweg: explizite Beschreibungen von sexuellem Missbrauch, körperlicher und seelischer Gewalt, selbstverletzendem Verhalten, Suizid Ein Buch komplett aus derSicht eines zu Beginn 13jährigen Mädchens geschrieben. Hier wird zum einen versucht, die Geschichte einer Familie aber auch die psychische Situation der Erzählerin einerseits dröge andererseits sehr plastisch darzustellen. „Wenig Handlung“ in dem Sinne viel Innenleben der Protagonistin.

4

Kein einfacher Roman, aber ein lohnenswerter!

„Wenn ich euch verraten könnte“ ist der Debütroman der Berliner Autorin, Schauspielerin und Künstlerin Lea Draeger. Ihre 13-jährige Ich-Erzählerin hat aufgehört zu essen und wurde in eine Klinik eingewiesen, in der sie zwangsernährt wird. Nachdem sie wieder ein wenig an Gewicht gewonnen hat, bittet sie um Papier und Stifte um zu Zeichnen. Doch statt zu zeichnen, schreibt sie die Geschichte ihrer Familie auf, beginnend mit dem Selbstmord ihres Urgroßvaters. “Es gibt keine Geschichten, die von den Frauen in meiner Familie geschrieben wurden. Es gibt nur die Geschichte, die der Vater geschrieben hat.” Und obwohl notgedrungen die Männer der Familie und ihre patriarchale Gewalt genannt werden, will die Erzählerin nicht deren Geschichte erzählen. Sie will die Geschichten ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrer Schwester erzählen. Und ihre eigene Geschichte? “Ich stamme aus der giftigen Eizelle meiner Mutter, die aus der giftigen Eizelle meiner Großmutter entstanden ist. Wir stehen in einer Reihe sich gleichender Schwestern, die sich gegenseitig am Leben erhalten.” In der Erzählerin versammelt Lea Draeger Generationen aus weiblicher Scham, das Erleben von männlicher Dominanz und Gewalt und katholischer Misogynie. Immer wieder beschreibt sie das Gefühl krank zu sein, einen Krebs in der Seele zu haben, genauso wie ihre Großmutter den Krebs im Unterleib hatte und daran gestorben ist. Will auch die Erzählerin sterben? Als sie in der Klinik daran gehindert wird, sich zu Tode zu hungern, beginnt sie mit massiver Selbstverletzung. Sie setzt alles daran ihren Körper zu zerstören. Das Band zu ihrer Mutter ist schon lange zerrissen. Sie ist allein. “Ich zerstöre einen Körper, der mir nicht gehört. Der Körper gehört dem Vater. Ich zerstöre meinen Körper, der sein Körper ist. Nein, es ist mein Körper. Ich zerstöre ihn selbst.” Du findest, das klingt alles ziemlich düster und depressiv? Dann hast du recht, denn „Wenn ich euch verraten könnte“ ist dunkel und wenig hoffnungsvoll. Ich kann beim Lesen die Last spüren, die die Erzählerin auf sich fühlt, die Einsamkeit und die Verlorenheit. Und doch ist der Roman nicht ganz ohne eine Aussicht auf Veränderung. Denn hat die junge Erzählerin mit ihrer Geschichte nicht doch das Schweigen gebrochen und das Leben der Frauen vor ihr erzählt? Sie hat Worte gefunden, auch wenn sie die Sprache der Mutter nicht mehr verstand.

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