Was bleibt
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Description
Book Information
Author Description
Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb am 1. Dezember 2011 in Berlin.
Posts
Reflexiv und essayistisch, poetisch und hochpolitisch
Wie beeinflusst ständige Überwachung das menschliche Denken? Welche Folgen hat die innere Spannung auf den Freigeist und das (intellektuelle) Schreiben? Die Erzählung schildert einen einzigen Tag im Leben einer Schriftstellerin, die in der DDR lebt und vom Staat überwacht wird. Vor ihrem Haus stehen ständig Männer, die sie beobachten - implizit Mitarbeiter der Staatssicherheit. Insgesamt passiert nicht viel, die ausschlaggebende Handlung vollzieht sich im Bewusstsein der Schriftstellerin, die ihre Beobachtungen verarbeitet und reflektiert, was diese in ihr auslösen. Ständig fragt sie sich, was eigentlich noch sagbar ist, wem sie noch trauen kann. Und einsam ist sie, so greifbar wie nur selten in einem Text zu lesen. Ein sehr poetischer Text, der sich - trotz Kürze - nicht einfach wegliest, sondern Zeit zur Verarbeitung benötigt. Nicht für jeden, aber definitiv lesenswert. Dieses Buch zeigt auch, dass es nicht immer monumentale Seitenzahlen benötigt, um Denkprozesse anzustoßen. Christa Wolf hat dieses Werk erst 1990 veröffentlicht, obwohl sie es bereits 1979 schrieb, also noch während der DDR-Zeit, und sich damit verheerender Kritik stellen müssen. Doch war sie „feige“? Ich finde diesen Vorwurf, wie schon ein paar vorher hier geschrieben haben, sehr unfair. Denn später ist es immer leicht zu sagen, man hätte anders gehandelt. Doch hätten wir das? Ist es nicht zur heutigen Zeit offensichtlich, dass viele Menschen eben nicht mutig aufstehen, um Meinungsfreiheit und Demokratie zu verteidigen?
Welche Rolle würde ich in einem totalitären Überwachungsstaat einnehmen? Wäre ich Angepasster, Mitläufer, treuer Ergebener oder Revolutionär? Wäre ich Opfer, Täter oder Zuschauer? Ich habe mir diese Fragen oft gestellt, wenn ich die Verwandtschaft in der DDR besuchte, die ganz sicher nicht zu den Opfern zählte. Wie hätte ich reagiert, wenn ich auf ein Spitzeltätigkeit angesprochen wäre, mit einem eventuellen Versprechen auf den erhofften Studienplatz? Zu sagen, ich hätte die Rolle des Widerständler eingenommen, wäre einfach und schön. Ich würde es mal hoffen, dass ich den Mut gehabt hätte. Christa Wolf hatte den Mut offensichtlich nicht. In den Nachrufen nach ihrem Tod 2011 gab es immer wieder Hinweise auf die Ambivalenzen in ihrem Lebenslauf. Von kraftvoller Autorin bis" DDR-Staatsschreiberin" (MRR) war die ganze Bandbreite dabei. Ich kann mich erinnern, wie sie kurz nach der Wende vor Tausenden auf dem Alex stand und für einen erneuerten Sozialstaat warb. Sie wurde nicht gehört. 1990 veröffentlichte sie dann die Erzählung WAS BLEIBT, die sie größtenteils bereits 1979 geschrieben hatte. Darin geht es um den Tag einer Schriftstellerin in Ost-Berlin, die unter ständiger offener Überwachung durch das MfS zu leiden hat. Während sie in ihrer Wohnung sich auf eine Lesung am Abend im Kulturzentrum vorbereitet, stehen die jungen Herren im Wartburg vor ihrer Wohnung und beobachten sie. Die Stasi-Leute wissen, dass die Autorin von der Bespitzelung weiß und auch die Autorin winkt ihren Beobachtern scherzhaft zu. Ihre Wohnung wurde durchwühlt, Spiegel zerbrochen, sie kann nur noch in Codes mit Freunden reden. Alles wirkt wahnsinnig bedrückend. Am Abend bei der Lesung setzten sich die Spitzel ganz offen ins Publikum und ihre eigentlichen Fans werden draußen vor der Tür von der Polizei verjagt. Die Erzählung als solches fand ich hervorragend. Das Gefühl der Überwachung und der Einengung wurde wunderbar in Worte gefasst. Unter diesen Gesichtspunkten ist es sogar fünf Sterne wert. Im Gegensatz zu dem von mir wenig geschätzten KINDHEITSMUSTER, wo Wolf sich ausschließlich in Erinnerungen, also in der Vergangenheit bewegt, spielt die vorliegende Erzählung im Hier und Jetzt. Das kann sie besser. Nach der Veröffentlichung entstand ein deutsch-deutscher Literaturstreit um die Verantwortung der Intellektuellen in der DDR. Warum hat Christa Wolf nicht den Mut aufgebracht, diese Erzählung schon früher zu publizieren? Der Text wäre 1979 wichtiger gewesen als 11 Jahre später. Stellt sie sich zurecht als Opfer dar, wo sie doch ein Jahr später ihre IM-Tätigkeit auf Druck der Gauck-Behörde veröffentlichte. "In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden. Heute, das wußte ich, wäre es noch zu früh. Aber würde ich spüren, wenn es an der Zeit ist?" , schreibt sie in der Erzählung. Sie will irgendwann mutiger sein, doch 1990 war wohl nicht mehr der richtige Zeitpunkt dafür. Da wirkte es nachtragend und feige für viele Kritiker. Ich habe meine 4-Sterne-Bewertung ganz alleine auf den Text bezogen, ohne die Hintergrundgeschichte zu bewerten. Denn wie schon am Anfang gesagt: Wer bin ich, dass ich Frau Wolf für ihr Verhalten kritisieren kann? Ich wüsste ja selbst nicht, ob ich mutig gewesen wäre.
„Wenn Grün wirklich die Farbe der Hoffnung ist, ihr grüner Pullover signalisierte alles mögliche, Hoffnung nicht.” Gutes Buch. Ich liebe es wenn der Titel wirklich zum Buch passt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es mag, dass man zu den Charakteren im Buch schlecht eine Bindung aufbauen kann. Man kennt sie alle nicht, und niemand hat Namen (nur „Tochter“, „Frau K.“…). Aber Schreibstil und Handlung gefallen mir. Vor allem der rote Faden ist sehr durchgängig und lässt das Werk als Ganzes erscheinen.
Welche Rolle würde ich in einem totalitären Überwachungsstaat einnehmen? Wäre ich Angepasster, Mitläufer, treuer Ergebener oder Revolutionär? Wäre ich Opfer, Täter oder Zuschauer? Ich habe mir diese Fragen oft gestellt, wenn ich die Verwandtschaft in der DDR besuchte, die ganz sicher nicht zu den Opfern zählte. Wie hätte ich reagiert, wenn ich auf ein Spitzeltätigkeit angesprochen wäre, mit einem eventuellen Versprechen auf den erhofften Studienplatz? Zu sagen, ich hätte die Rolle des Widerständler eingenommen, wäre einfach und schön. Ich würde es mal hoffen, dass ich den Mut gehabt hätte. Christa Wolf hatte den Mut offensichtlich nicht. In den Nachrufen nach ihrem Tod 2011 gab es immer wieder Hinweise auf die Ambivalenzen in ihrem Lebenslauf. Von kraftvoller Autorin bis" DDR-Staatsschreiberin" (MRR) war die ganze Bandbreite dabei. Ich kann mich erinnern, wie sie kurz nach der Wende vor Tausenden auf dem Alex stand und für einen erneuerten Sozialstaat warb. Sie wurde nicht gehört. 1990 veröffentlichte sie dann die Erzählung WAS BLEIBT, die sie größtenteils bereits 1979 geschrieben hatte. Darin geht es um den Tag einer Schriftstellerin in Ost-Berlin, die unter ständiger offener Überwachung durch das MfS zu leiden hat. Während sie in ihrer Wohnung sich auf eine Lesung am Abend im Kulturzentrum vorbereitet, stehen die jungen Herren im Wartburg vor ihrer Wohnung und beobachten sie. Die Stasi-Leute wissen, dass die Autorin von der Bespitzelung weiß und auch die Autorin winkt ihren Beobachtern scherzhaft zu. Ihre Wohnung wurde durchwühlt, Spiegel zerbrochen, sie kann nur noch in Codes mit Freunden reden. Alles wirkt wahnsinnig bedrückend. Am Abend bei der Lesung setzten sich die Spitzel ganz offen ins Publikum und ihre eigentlichen Fans werden draußen vor der Tür von der Polizei verjagt. Die Erzählung als solches fand ich hervorragend. Das Gefühl der Überwachung und der Einengung wurde wunderbar in Worte gefasst. Unter diesen Gesichtspunkten ist es sogar fünf Sterne wert. Im Gegensatz zu dem von mir wenig geschätzten KINDHEITSMUSTER, wo Wolf sich ausschließlich in Erinnerungen, also in der Vergangenheit bewegt, spielt die vorliegende Erzählung im Hier und Jetzt. Das kann sie besser. Nach der Veröffentlichung entstand ein deutsch-deutscher Literaturstreit um die Verantwortung der Intellektuellen in der DDR. Warum hat Christa Wolf nicht den Mut aufgebracht, diese Erzählung schon früher zu publizieren? Der Text wäre 1979 wichtiger gewesen als 11 Jahre später. Stellt sie sich zurecht als Opfer dar, wo sie doch ein Jahr später ihre IM-Tätigkeit auf Druck der Gauck-Behörde veröffentlichte. "In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden. Heute, das wußte ich, wäre es noch zu früh. Aber würde ich spüren, wenn es an der Zeit ist?" , schreibt sie in der Erzählung. Sie will irgendwann mutiger sein, doch 1990 war wohl nicht mehr der richtige Zeitpunkt dafür. Da wirkte es nachtragend und feige für viele Kritiker. Ich habe meine 4-Sterne-Bewertung ganz alleine auf den Text bezogen, ohne die Hintergrundgeschichte zu bewerten. Denn wie schon am Anfang gesagt: Wer bin ich, dass ich Frau Wolf für ihr Verhalten kritisieren kann? Ich wüsste ja selbst nicht, ob ich mutig gewesen wäre.
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Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb am 1. Dezember 2011 in Berlin.
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Reflexiv und essayistisch, poetisch und hochpolitisch
Wie beeinflusst ständige Überwachung das menschliche Denken? Welche Folgen hat die innere Spannung auf den Freigeist und das (intellektuelle) Schreiben? Die Erzählung schildert einen einzigen Tag im Leben einer Schriftstellerin, die in der DDR lebt und vom Staat überwacht wird. Vor ihrem Haus stehen ständig Männer, die sie beobachten - implizit Mitarbeiter der Staatssicherheit. Insgesamt passiert nicht viel, die ausschlaggebende Handlung vollzieht sich im Bewusstsein der Schriftstellerin, die ihre Beobachtungen verarbeitet und reflektiert, was diese in ihr auslösen. Ständig fragt sie sich, was eigentlich noch sagbar ist, wem sie noch trauen kann. Und einsam ist sie, so greifbar wie nur selten in einem Text zu lesen. Ein sehr poetischer Text, der sich - trotz Kürze - nicht einfach wegliest, sondern Zeit zur Verarbeitung benötigt. Nicht für jeden, aber definitiv lesenswert. Dieses Buch zeigt auch, dass es nicht immer monumentale Seitenzahlen benötigt, um Denkprozesse anzustoßen. Christa Wolf hat dieses Werk erst 1990 veröffentlicht, obwohl sie es bereits 1979 schrieb, also noch während der DDR-Zeit, und sich damit verheerender Kritik stellen müssen. Doch war sie „feige“? Ich finde diesen Vorwurf, wie schon ein paar vorher hier geschrieben haben, sehr unfair. Denn später ist es immer leicht zu sagen, man hätte anders gehandelt. Doch hätten wir das? Ist es nicht zur heutigen Zeit offensichtlich, dass viele Menschen eben nicht mutig aufstehen, um Meinungsfreiheit und Demokratie zu verteidigen?
Welche Rolle würde ich in einem totalitären Überwachungsstaat einnehmen? Wäre ich Angepasster, Mitläufer, treuer Ergebener oder Revolutionär? Wäre ich Opfer, Täter oder Zuschauer? Ich habe mir diese Fragen oft gestellt, wenn ich die Verwandtschaft in der DDR besuchte, die ganz sicher nicht zu den Opfern zählte. Wie hätte ich reagiert, wenn ich auf ein Spitzeltätigkeit angesprochen wäre, mit einem eventuellen Versprechen auf den erhofften Studienplatz? Zu sagen, ich hätte die Rolle des Widerständler eingenommen, wäre einfach und schön. Ich würde es mal hoffen, dass ich den Mut gehabt hätte. Christa Wolf hatte den Mut offensichtlich nicht. In den Nachrufen nach ihrem Tod 2011 gab es immer wieder Hinweise auf die Ambivalenzen in ihrem Lebenslauf. Von kraftvoller Autorin bis" DDR-Staatsschreiberin" (MRR) war die ganze Bandbreite dabei. Ich kann mich erinnern, wie sie kurz nach der Wende vor Tausenden auf dem Alex stand und für einen erneuerten Sozialstaat warb. Sie wurde nicht gehört. 1990 veröffentlichte sie dann die Erzählung WAS BLEIBT, die sie größtenteils bereits 1979 geschrieben hatte. Darin geht es um den Tag einer Schriftstellerin in Ost-Berlin, die unter ständiger offener Überwachung durch das MfS zu leiden hat. Während sie in ihrer Wohnung sich auf eine Lesung am Abend im Kulturzentrum vorbereitet, stehen die jungen Herren im Wartburg vor ihrer Wohnung und beobachten sie. Die Stasi-Leute wissen, dass die Autorin von der Bespitzelung weiß und auch die Autorin winkt ihren Beobachtern scherzhaft zu. Ihre Wohnung wurde durchwühlt, Spiegel zerbrochen, sie kann nur noch in Codes mit Freunden reden. Alles wirkt wahnsinnig bedrückend. Am Abend bei der Lesung setzten sich die Spitzel ganz offen ins Publikum und ihre eigentlichen Fans werden draußen vor der Tür von der Polizei verjagt. Die Erzählung als solches fand ich hervorragend. Das Gefühl der Überwachung und der Einengung wurde wunderbar in Worte gefasst. Unter diesen Gesichtspunkten ist es sogar fünf Sterne wert. Im Gegensatz zu dem von mir wenig geschätzten KINDHEITSMUSTER, wo Wolf sich ausschließlich in Erinnerungen, also in der Vergangenheit bewegt, spielt die vorliegende Erzählung im Hier und Jetzt. Das kann sie besser. Nach der Veröffentlichung entstand ein deutsch-deutscher Literaturstreit um die Verantwortung der Intellektuellen in der DDR. Warum hat Christa Wolf nicht den Mut aufgebracht, diese Erzählung schon früher zu publizieren? Der Text wäre 1979 wichtiger gewesen als 11 Jahre später. Stellt sie sich zurecht als Opfer dar, wo sie doch ein Jahr später ihre IM-Tätigkeit auf Druck der Gauck-Behörde veröffentlichte. "In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden. Heute, das wußte ich, wäre es noch zu früh. Aber würde ich spüren, wenn es an der Zeit ist?" , schreibt sie in der Erzählung. Sie will irgendwann mutiger sein, doch 1990 war wohl nicht mehr der richtige Zeitpunkt dafür. Da wirkte es nachtragend und feige für viele Kritiker. Ich habe meine 4-Sterne-Bewertung ganz alleine auf den Text bezogen, ohne die Hintergrundgeschichte zu bewerten. Denn wie schon am Anfang gesagt: Wer bin ich, dass ich Frau Wolf für ihr Verhalten kritisieren kann? Ich wüsste ja selbst nicht, ob ich mutig gewesen wäre.
„Wenn Grün wirklich die Farbe der Hoffnung ist, ihr grüner Pullover signalisierte alles mögliche, Hoffnung nicht.” Gutes Buch. Ich liebe es wenn der Titel wirklich zum Buch passt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es mag, dass man zu den Charakteren im Buch schlecht eine Bindung aufbauen kann. Man kennt sie alle nicht, und niemand hat Namen (nur „Tochter“, „Frau K.“…). Aber Schreibstil und Handlung gefallen mir. Vor allem der rote Faden ist sehr durchgängig und lässt das Werk als Ganzes erscheinen.
Welche Rolle würde ich in einem totalitären Überwachungsstaat einnehmen? Wäre ich Angepasster, Mitläufer, treuer Ergebener oder Revolutionär? Wäre ich Opfer, Täter oder Zuschauer? Ich habe mir diese Fragen oft gestellt, wenn ich die Verwandtschaft in der DDR besuchte, die ganz sicher nicht zu den Opfern zählte. Wie hätte ich reagiert, wenn ich auf ein Spitzeltätigkeit angesprochen wäre, mit einem eventuellen Versprechen auf den erhofften Studienplatz? Zu sagen, ich hätte die Rolle des Widerständler eingenommen, wäre einfach und schön. Ich würde es mal hoffen, dass ich den Mut gehabt hätte. Christa Wolf hatte den Mut offensichtlich nicht. In den Nachrufen nach ihrem Tod 2011 gab es immer wieder Hinweise auf die Ambivalenzen in ihrem Lebenslauf. Von kraftvoller Autorin bis" DDR-Staatsschreiberin" (MRR) war die ganze Bandbreite dabei. Ich kann mich erinnern, wie sie kurz nach der Wende vor Tausenden auf dem Alex stand und für einen erneuerten Sozialstaat warb. Sie wurde nicht gehört. 1990 veröffentlichte sie dann die Erzählung WAS BLEIBT, die sie größtenteils bereits 1979 geschrieben hatte. Darin geht es um den Tag einer Schriftstellerin in Ost-Berlin, die unter ständiger offener Überwachung durch das MfS zu leiden hat. Während sie in ihrer Wohnung sich auf eine Lesung am Abend im Kulturzentrum vorbereitet, stehen die jungen Herren im Wartburg vor ihrer Wohnung und beobachten sie. Die Stasi-Leute wissen, dass die Autorin von der Bespitzelung weiß und auch die Autorin winkt ihren Beobachtern scherzhaft zu. Ihre Wohnung wurde durchwühlt, Spiegel zerbrochen, sie kann nur noch in Codes mit Freunden reden. Alles wirkt wahnsinnig bedrückend. Am Abend bei der Lesung setzten sich die Spitzel ganz offen ins Publikum und ihre eigentlichen Fans werden draußen vor der Tür von der Polizei verjagt. Die Erzählung als solches fand ich hervorragend. Das Gefühl der Überwachung und der Einengung wurde wunderbar in Worte gefasst. Unter diesen Gesichtspunkten ist es sogar fünf Sterne wert. Im Gegensatz zu dem von mir wenig geschätzten KINDHEITSMUSTER, wo Wolf sich ausschließlich in Erinnerungen, also in der Vergangenheit bewegt, spielt die vorliegende Erzählung im Hier und Jetzt. Das kann sie besser. Nach der Veröffentlichung entstand ein deutsch-deutscher Literaturstreit um die Verantwortung der Intellektuellen in der DDR. Warum hat Christa Wolf nicht den Mut aufgebracht, diese Erzählung schon früher zu publizieren? Der Text wäre 1979 wichtiger gewesen als 11 Jahre später. Stellt sie sich zurecht als Opfer dar, wo sie doch ein Jahr später ihre IM-Tätigkeit auf Druck der Gauck-Behörde veröffentlichte. "In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden. Heute, das wußte ich, wäre es noch zu früh. Aber würde ich spüren, wenn es an der Zeit ist?" , schreibt sie in der Erzählung. Sie will irgendwann mutiger sein, doch 1990 war wohl nicht mehr der richtige Zeitpunkt dafür. Da wirkte es nachtragend und feige für viele Kritiker. Ich habe meine 4-Sterne-Bewertung ganz alleine auf den Text bezogen, ohne die Hintergrundgeschichte zu bewerten. Denn wie schon am Anfang gesagt: Wer bin ich, dass ich Frau Wolf für ihr Verhalten kritisieren kann? Ich wüsste ja selbst nicht, ob ich mutig gewesen wäre.










