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Wahrheit, Glaube und Hoffnung – Philosophie als Brücke zwischen Wissenschaft und Weltanschauung

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About the book

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er ist ein denkendes Wesen. Sind seine materiellen Bedürfnisse ausreichend befriedigt, dann hat er die erforderliche Zeit, um über die Welt und sich selbst nachzudenken. Insofern meinten manche antiken Denker, Muße sei Voraussetzung für das Philosophieren über außerirdische und irdische Mächte. Leiden jedoch Menschen an einem Mangel an Nahrung, Obdach, Glück und Zufriedenheit, dann überlegen sie schon, wie das zu ändern sein könnte. Manche ergeben sich in ihr Schicksal, doch auch dafür suchen sie eine spirituelle Heimat, in der ihre Hoffnungslosigkeit thematisiert und vielleicht mit einem besseren Leben im Jenseits belohnt wird. Leidende Menschen brauchen Wissen über die Ursachen ihres Zustands, den Glauben an die mögliche Überwindung des Leids, die Liebe als Anteilnahme an ihrem Schicksal, verbunden mit solidarischer Hilfe und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So sind Muße und Mangel Grundlagen für die Wahrheitssuche als Situationsanalyse und zum Aufdecken von Entwicklungsgesetzen des Geschehens, um aus relativen Zielen wirklicher Vorgänge Zielsetzungen für aktives Handeln ableiten zu können. Da die Zukunft offen ist und nur Trends der weiteren Entwicklung ausgemacht werden können, gehen in die Zielsetzungen der Menschen Ideale und Visionen über eine gestaltbare Zukunft ein. Menschliches Denken als Grundlage für Entscheidungen und entsprechendes Handeln kreist so immer um die beiden Pole: Wahrheit und Hoffnung. Philosophie beschäftigt sich als Wissenschaft und Weltanschauung mit beiden Aspekten des Denkens. Sie analysiert wissenschaftliche Erkenntnisse in ihrer weltanschaulichen Relevanz, untersucht Argumente für Weltanschauungen soziokultureller Einheiten, sozialer Gruppen und Individuen und transformiert Ergebnisse ihres Denkens in Handlungsorientierungen, also Ist-Sätze in Soll-Sätze. Dabei offenbart Philosophie ihren weltanschaulichen Charakter. Sie stellt immer wieder neu die alten Fragen: Wie erkläre ich die Welt? Worin besteht der Sinn menschlichen Lebens? Was wissen wir über die Welt und uns? Was erwartet uns in der Zukunft, worauf wir unser Hoffen richten können? Wissen verbindet sich so mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Wahrheit als Übereinstimmung unserer Urteile und Theorien mit der Wirklichkeit ist das Ergebnis unserer Suche nach Erkenntnisssen über uns und die Welt. Daraus ergibt sich die unterschiedliche Hoffnung sozialer Gruppen auf die Veränderung bestehender Zustände, um die Lebensqualität zu erhalten und zu erhöhen. Philosophie ist so Brücke zwischen Wissenschaft und Weltanschauung. Wie ist das zu verstehen? Ein Philosoph ist, wenn man die griechische Wurzel des Wortes berücksichtigt, ein Liebhaber der Weisheit, denn philos bedeutet lieb und sophos weise. Philosophen werden als Denker, als Weltweise, geachtet, oder als weltfremde Illusionisten und abstrakte Spekulierer beschimpft. So verbinden sich Lust und Last im Wirken eines Philosophen. In langjährigen Studien als Forscher auf dem Gebiet der Philosophie und durch Erfahrungen als Lehrer und Vortragender bildeten sich bei mir bestimmte Strukturen eines Philosophieverständnisses heraus, die hier auf der Grundlage bisheriger Arbeiten in ihrem inneren Zusammenhang darzustellen sind. Sie bewegen sich um die immanenten Bestandteile der Philosophie, die sowohl Wissenschaft als auch Weltanschauung ist. Beide hängen zwar zusammen, doch es gibt wichtige Unterschiede. Als Wissenschaft sucht Philosophie nach neuen Erkenntnissen zur Erklärung der Welt, wirkt als Heuristik, d.h. erkenntnisfördernd, durch philosophische Hypothesen als wissenschaftlich begründeten Vermutungen über den möglichen Beitrag der speziellen Wissenschaften zur Philosophie, und ist als Ethik begründete Entscheidungshilfe. Zugleich haben bestimmte soziokulturelle Identitäten, soziale Gruppen, Individuen ihre Weltbilder, die nicht allein wissenschaftlich erklärt sind, sondern mit kulturellen Traditionen, religiösen und nicht-religiösen Wertvorstellungen und Lebensauffassungen verbunden sind. In philosophische Gedanken eingebettet führen sie zu Lebenshilfen, die sich aus der bestimmten Weltsicht und den Vorstellungen von der Zukunft ergeben. Sie bringen Erkenntnisse, soziale Erfahrungen, Zukunftsideale und Wünsche zum Ausdruck, was dann als systematische Weltanschauung bezeichnet werden kann, wenn es sich um ein System von Antworten auf die Fragen nach dem Ursprung, der Existenzweise und Entwicklung der Welt, nach der Quelle unseres Wissens, nach der Stellung der Menschen in der Welt, nach dem Sinn des Lebens und dem Charakter der gesellschaftlichen Entwicklung handelt. Mit Wahrheit als Erkenntnissuche und Hoffnung als weltanschaulicher Lebenshilfe werden die beiden Aspekte philosophischen Denkens und Wirkens zum Ausdruck gebracht. Hinzu kommt die erkenntnisfördernde Rolle der Philosophie, die ich als Heuristik bezeichne. Halten wir zum Doppelcharakter der Philosophie fest, was sich wie ein roter Faden durch die weiteren Darlegungen zu den verschiedenen Aspekten der Philosophie und ihren Beziehungen zu Ideologien und anderen Wissenschaften ziehen wird: Philosophie ist Wissenschaft als rationale Aneignung der Wirklichkeit, indem sie sich wissenschaftlicher Methoden bedient und sich den Rationalitätskriterien der Wissenschaft unterwirft. Als wissenschaftlich begründete systematische Weltanschauung gibt sie Antwort auf die oben genannten Fragen. Diese beantwortet sie, indem sie wissenschaftliche Ergebnisse in einem komplizierten Erkenntnisprozess verallgemeinert. Vorhandene philosophische Grundaussagen werden präzisiert und philosophische Hypothesen aufgestellt, die heuristisch, also erkenntnisfördernd, die Entwicklung der Wissenschaften durch das Aufspüren von Erkenntnislücken beeinflussen. (Hörz 1969, 1993) Dabei werden wissenschaftliche Erkenntnisse und darauf gegründete philosophische Aussagen interessengeleitet gewonnen und verwertet. Philosophie ist also als systematische Weltanschauung Wissenschaft, soweit sie rationale Aneignung der Wirklichkeit ist, doch Weltanschauung von Interessengruppen und Individuen, soweit sie deren Interessen in gesellschaftlichen Werten zum Ausdruck bringt. Das komplizierte Geflecht von Erkenntnis- und Wahrheitssuche sowie interessengeleiteten Wertvorstellungen, einschließlich der zwischen weltanschaulichen Richtungen auftretenden Interessenkonflikte, wird uns aus verschiedenen historischen und aktuellen Blickwinkeln immer wieder beschäftigen. Man kann die Frage stellen, ob nicht Wissenschaft und Weltanschauung sich in einer wissenschaftlichen Weltanschauung verbinden können. Ansätze dazu gab es im Positivismus und im dialektischen Materialismus. In solchen Bestrebungen lauert stets die Gefahr, dass Erkenntnisse zwar schon interessengeleitet in philosophischen Schulen gewonnen, be- und verwertet werden und doch als Bestandteil des Weltfundus der Wissenschaften ausgegeben werden. Es ist nicht leicht, Wissenschaft und Weltanschauung eines philosophischen Systems auseinanderzuhalten, denn es gibt zwar kein von Interessen freies Denken, doch die Resultate von Denkprozessen, unabhängig davon, mit welcher Motivation sie von Individuen gewonnen werden, haben den Rationalitätskriterien der Wissenschaft zu entsprechen, wenn sie als wissenschaftliche Einsichten ausgegeben werden. Situationsanalysen, Zukunftsprogrammatik und Entscheidungen als Handlungsgrundlage sind wissenschaftlich-philosophischer Analyse unterworfen. Zugleich gehen, wie wir sehen werden, in solche Denkprozesse von Philosophen, eigene Hoffnungen ein. Generell gilt: Die Zukunft ist offen, doch nach Wert- und Zielvorstellungen gestaltbar, wobei ständig Differenzen zwischen Plan und Resultat auftreten, die nicht nur ungenügender Einsicht, sondern auch gesellschaftlichen Kräften geschuldet sind, die dem Erreichen des gewollten Ziels entgegenwirken oder es durch Passivität zum Scheitern verurteilen. Philosophen sind Wahrheitssucher und Hoffnungsbringer. Sie erklären die Welt, wollen neue Ideen provozieren, um erkenntnisfördernd zu wirken, und dazu beitragen, das Leben zu meistern, indem sie Lebenshilfe leisten. Sie denken über die Zukunft nach. Dabei verwerten sie wissenschaftliche Erkenntnisse und soziale Erfahrungen, um die Hoffnung auf ein besseres Leben wachzuhalten.
ISBN9783896266965
Publishertrafo
Publication Date07/25/13
Pages476

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