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Die Reise lohnt sich, aber Band 2 opfert die harte Dystopie für Magie und bequeme Schwarz-Weiß-Lösungen.
Vorweg eine kurze Anmerkung: Die deutsche Ausgabe teilt Swan Song in zwei Bände auf. Diese Rezension deckt also die zweite Hälfte ab – aber unweigerlich auch ein Stück das Gesamtwerk. Das scharlachrote Auge setzt sieben Jahre nach dem Fall der Bomben an, und dieser Zeitsprung zündet sofort. McCammon nutzt den zeitlichen Abstand geschickt: Die Welt hat sich in ihrer eigenen, düsteren Logik eingerichtet, Gemeinschaften sind aus dem Nichts entstanden, und das schiere Gewicht der verstrichenen Zeit verleiht allem eine Ernsthaftigkeit, die das unmittelbare Chaos des ersten Bandes so nicht bieten konnte. Ein wirklich gelungener Einstieg. Das Problem ist eher das, was passiert, wenn man erst einmal mittendrin steckt. Ungefähr ab der Hälfte lässt sich die Story zu offensichtlich in ihre Karten blicken – und ändert daran auch nichts mehr. Die Figuren treffen eher die Entscheidungen, die der Plot gerade braucht, als jene, die sich echt anfühlen. Die Guten strahlen praktisch vor Reinheit. Die Bösen entstellen sich im Laufe der Zeit buchstäblich selbst, sodass ihr Äußeres perfekt zu ihrem Inneren passt – nur für den Fall, dass man noch irgendwelche Zweifel daran hatte, auf wessen Seite sie stehen. Jede moralische Grauzone, die im ersten Band noch aufblitzte, ist hier weitgehend verschwunden. Der übernatürliche Erzählstrang – schon im ersten Band mein größter Kritikpunkt – nimmt hier noch mehr Raum ein. Swans Kräfte, der Mann ohne Gesicht, die finale Auflösung des Ganzen: Alles fügt sich am Ende so allzu glatt und sauber zusammen, dass es sich eher nach Autoren-Bequemlichkeit als nach einer verdienten Entwicklung anfühlt. Ecken und Kanten werden nach und nach weggeschliffen, bis das Finale schließlich näher an einem Märchen als an einem postapokalyptischen Thriller landet. Zusammengenommen ist Swan Song die Reise definitiv wert – besonders der erste Band. Aber der gesamte Handlungsbogen endet letztlich zahmer und vorhersehbarer, als es diese düstere, dystopische Welt verdient gehabt hätte.

Jun 1, 2026
Die Reise lohnt sich, aber Band 2 opfert die harte Dystopie für Magie und bequeme Schwarz-Weiß-Lösungen.
Vorweg eine kurze Anmerkung: Die deutsche Ausgabe teilt Swan Song in zwei Bände auf. Diese Rezension deckt also die zweite Hälfte ab – aber unweigerlich auch ein Stück das Gesamtwerk. Das scharlachrote Auge setzt sieben Jahre nach dem Fall der Bomben an, und dieser Zeitsprung zündet sofort. McCammon nutzt den zeitlichen Abstand geschickt: Die Welt hat sich in ihrer eigenen, düsteren Logik eingerichtet, Gemeinschaften sind aus dem Nichts entstanden, und das schiere Gewicht der verstrichenen Zeit verleiht allem eine Ernsthaftigkeit, die das unmittelbare Chaos des ersten Bandes so nicht bieten konnte. Ein wirklich gelungener Einstieg. Das Problem ist eher das, was passiert, wenn man erst einmal mittendrin steckt. Ungefähr ab der Hälfte lässt sich die Story zu offensichtlich in ihre Karten blicken – und ändert daran auch nichts mehr. Die Figuren treffen eher die Entscheidungen, die der Plot gerade braucht, als jene, die sich echt anfühlen. Die Guten strahlen praktisch vor Reinheit. Die Bösen entstellen sich im Laufe der Zeit buchstäblich selbst, sodass ihr Äußeres perfekt zu ihrem Inneren passt – nur für den Fall, dass man noch irgendwelche Zweifel daran hatte, auf wessen Seite sie stehen. Jede moralische Grauzone, die im ersten Band noch aufblitzte, ist hier weitgehend verschwunden. Der übernatürliche Erzählstrang – schon im ersten Band mein größter Kritikpunkt – nimmt hier noch mehr Raum ein. Swans Kräfte, der Mann ohne Gesicht, die finale Auflösung des Ganzen: Alles fügt sich am Ende so allzu glatt und sauber zusammen, dass es sich eher nach Autoren-Bequemlichkeit als nach einer verdienten Entwicklung anfühlt. Ecken und Kanten werden nach und nach weggeschliffen, bis das Finale schließlich näher an einem Märchen als an einem postapokalyptischen Thriller landet. Zusammengenommen ist Swan Song die Reise definitiv wert – besonders der erste Band. Aber der gesamte Handlungsbogen endet letztlich zahmer und vorhersehbarer, als es diese düstere, dystopische Welt verdient gehabt hätte.
Jun 1, 2026








