Stadt von Rechts

Stadt von Rechts

Softcover
4.02

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Description

Das Land wählt rechts, die Rechte zieht es aufs Land. Bis heute scheint diese Geographie vielen Betrachter*innen einleuchtend. Aus dem Blick gerät die Stadt. Und damit die vielfältigen Hinweise auf eine ausgeprägte rechte Lust an der zynischen und euphorischen Auseinandersetzung mit diesem Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. »Stadt von Rechts« verfolgt diese ambivalente Auseinandersetzung bis in die Gegenwart. Sichtbar wird zynischer Hass auf die Dichte und Widersprüchlichkeit städtischer Räume, wie auch das rechte Verlangen nach Disziplinierung und Identifikation. Dabei scheint beides elementar für die rechte Beschreibung von Gegenwart und Zukunft.

Book Information

Main Genre
Specialized Books
Sub Genre
Society & Social Sciences
Format
Softcover
Pages
280
Price
26.80 €

Posts

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Brauns Dissertation ist mit Blick auf sich nach rechts verschiebende, gesellschaftliche Prozesse ein Zugewinn für das Verständnis rechter Diskurse. Er bietet mit seiner Analyse Anhaltspunkte für politische Akteur*innen rechte Deutungen von „Stadt“ zu enttarnen und diesen etwas entgegenzusetzen.

„Die der politischen Rechten allgemeine Problematisierung der Gegenwart sowie die Fluchtpunkte dieser Problematisierung in Normalitätsvorstellungen, der Dualismus von ‘Untergang und Rettung’ (Weiß 2017a: 135), rechte Identitätskonstruktionen und Politiken von Differenz und Ungleichwertigkeit werden über räumliche Bezüge, konkrete Orte, multiskalare Verweise konstituiert.“ (Braun 2024, S. 240f.) Verkürzt politische Diskurse beschränken sich in ihren Betrachtungen oft darauf, ausschließlich den ländlichen Raum und ihre Anwohner*innen als rechts zu markieren. Dabei gerät der Blick für den urbanen, städtischen Raum meist aus dem Blick und die Rolle der Stadt in gerade rechten Diskursen - also welche Funktion besitzt „Stadt“ für rechte Narrative, rechte Politiken - verbleibt als Leerstelle. Johann Braun widmet sich in seiner humangeographischen Dissertation „Stadt von Rechts. Über Brennpunkte und Ordnungsversuche” genau dieser Thematik und versucht mithilfe der wissenssoziologischen Diskursanalyse nach Reinhard Keller einen gegenwartsbezogenen, rechten Blick auf „Stadt“ sichtbar zu machen. Beginnend mit einer historischen Nachzeichnung der Entwicklungslinien der politischen Rechten nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der alten Bundesrepublik bis in die jüngere Vergangenheit (sich stützend auf die Identifizierung einer Neuen Rechten nach Volker Weiß) hebt der Autor die gesonderte Stellung von Publikationen und Zeitschriften hervor. Diese dienen primär den sich um Profilierung bemühten, rechten Persönlichkeiten in der Auseinandersetzung um Deutungshoheit im Diskurs. In einem zweiten Schritt rekonstruiert der Autor die sich mit der Industrialisierung entwickelnde Städtefeindschaft (bis in die Weimarer Republik hinein) und bezieht sich hierbei insbesondere auf Wilhelm Heinrich Riehls Agrar-Romantisierung der ständischen Gesellschaft, Ottos Ammons und Ludwig Heitmanns rassentheoretisches und Moral zersetzendes Verstädterungsmodell sowie Oswald Spenglers kulturpessimistischer Untergang des Abendlandes. Die sich daran anschließende wissenschaftliche Betrachtung nimmt sieben Magazine aus drei verschiedenen Spektren der letzten ca. 20 Jahre in den Blick: Volk in Bewegung / Umwelt & Aktiv (Neonazismus), Sezession / CATO / Arcadi (kulturpolitisches Spektrum), Tichys Einblick / Tumult (Rechtskonservatismus) (vgl. S. 97ff.). Braun stellt schon nach erster Sichtung des Materials fest: „Die untersuchten Ausgaben rechter Zeitschriften beschäftigen sich nie ausschließlich mit Stadt“ (S. 147). Jedoch, und das trifft Spektren übergreifend zu, herrscht in rechten Stadtdiskursen „der Eindruck einer relativen Einigkeit in den Gegenwartsbeschreibungen und Normalitätsvorstellungen.“ (S. 221). Die „Stadt“ in ihrer derzeitigen Konstitution dient Rechten als „Brennpunkt, der die baulichen, sozialen und politischen Verfehlungen einer Gesellschaft versammelt“ (S. 225). Polarisierend, moralistisch und emotionalisierend bedienen sich Rechte dabei dreier Kategorien: Städtebau, Stadtgesellschaft und Stadtpolitik. Städtebau zeichne sich als ein „elitäres Hegemonieprojekt“ aus, das Rationalität über Natur sowie Neues über Tradition stelle. Städter*innen seien einerseits „entgrenzte Subjekte“ und „Nomaden“, die ein künstliches, identitär beliebiges Leben führen und so Werte wie Familie und Heimat gefährdeten, und andererseits „fremde“, als „handlungsmächtiger Kollektivakteur“ imaginierte Subjekte, die die Gesellschaft „überfremden“ und „islamisieren“ würden (vgl. S. 226f.). Daraus resultierend wird die Stadt als „rechtsfreier Raum erklärt, den Chaos und Verteilungskämpfe bestimmen“ (S. 228). Städte sehen sich mit einem internationalen Ausverkauf konfrontiert, der von einem „staatspolitischen Kontrollverlust“ geprägt sei (ebd.). Vorausgreifend kann gesagt werden: Die politische Rechte knüpft an den stadtkritischen Überlegungen der vornationalsozialistischen Zeit an, ohne in eine komplette Städtefeindschaft zu verfallen. Relativ naheliegend projiziert sie alles Schlechte in Stadt hinein und entwickelt für sich eine Wunschvorstellung von Stadt, die gewissermaßen einzelne landromantische Momente aufweist, sich jedoch durch die Gegenüberstellung zu den oben aufgezeigten Tendenzen auszeichnet. Ziel rechter Akteur*innen ist es, eine Normalität eines möglichst „reparierten, homogenisierten und diszipilinierten [Zustands]“ (S. 238) herzustellen. Für eine detaillierte Ausführung möchte ich euch unbedingt die Kapitel 6 und 7 ans Herz legen, weil sie das inhaltliche Herzstück der Dissertation darstellen und Brauns zentrale Erkenntnisse zusammenfassen. Diese sind zwar meiner Meinung nach teilweise stark redundant, jedoch zeichnet sie eine gute Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit aus. Brauns Dissertation ist mit Blick auf sich nach rechts verschiebende, gesellschaftliche Prozesse ein Zugewinn für das Verständnis rechter Diskurse. Er bietet mit seiner Analyse Anhaltspunkte für politische Akteur*innen rechte Deutungen von „Stadt“ zu enttarnen und diesen etwas entgegenzusetzen. Gleichwohl kann die Schrift als Aufforderung an all jene verstanden werden, in einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs neu über Beziehungen und Ambivalenzen von Stadt-Land nachzudenken und die daraus resultierenden Ableitungen, Forderungen und Erzählungen für viele nachvollziehbar und erfahrbar zu machen. Literaturnachweis aus Zitat: Weiß, Volker (2017a): Die autoritäre Revolte: Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart: Klett-Cotta.

Brauns Dissertation ist mit Blick auf sich nach rechts verschiebende, gesellschaftliche Prozesse ein Zugewinn für das Verständnis rechter Diskurse. Er bietet mit seiner Analyse Anhaltspunkte für politische Akteur*innen rechte Deutungen von „Stadt“ zu enttarnen und diesen etwas entgegenzusetzen.
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In “Stadt von Rechts” (2024) schreibt Johann Braun darüber, wie die politische Rechte Stadt verhandelt. Braun geht von der verbreiteten Gegenüberstellung von progressiv-liberaler Stadt und regressiv-konservativem Land aus. In diesem Sinne werden etwa die Wahlerfolge der AfD als Backlash ländlicher Regionen gegen die liberale Stadt interpretiert. Diese Dichotomie ist nach Braun aber falsch, da es rechte Mobilisierung im städtischen Raum schon immer gegeben habe. Anhand einer Analyse rechter Zeitschriften identifiziert Braun drei zentrale Themenfelder: Städtebau, Stadtgesellschaft und Stadtpolitik. Städtebaulich bezeichnen Rechte die moderne Stadt als anonym, traditions- und geschichtslos. Als Gegenbild steht das Ideal einer vermeintlich natürlichen vorindustriellen “Stadt der Ordnung, Schönheit und Harmonie” (S. 176 f.). Braun identifiziert zwei rechte Prototypen des modernen Stadtmenschen: Das „entgrenzte Subjekt” ist unsozial, kultur- und geschichtsvergessen. Als „fremdes Subjekt” werden Geflüchtete und (Post-)Migrant*innen konstruiert, die sich den städtischen Raum angeblich gewaltsam aneignen. Stadtpolitisch sehen Rechte einen Kontrollverlust des Staates. Die Rede ist von „rechtsfreien Räumen” und einer „Parallelgesellschaft”; Kriminalität wird ethnisiert. Eine Lösung wird in repressiver Gesetzgebung und permanenter Polizeipräsenz gesehen. Das Buch basiert auf einer Dissertation und ist daher recht akademisch geschrieben. Wer sich nicht im Detail mit Foucaultscher Diskursanalyse und den organisatorischen Strukturen rechter Medien befassen möchte, wird das Buch eventuell nur in Ausschnitten lesen. Interessant waren für mich vor allem die allgemeinen Beobachtungen zur Entwicklung der politischen Rechten. So zeigt Braun Parallelen zwischen heute und den 1980er Jahren auf, als programmatische Kernbereiche der Rechten in die politische Mitte übernommen und insbesondere die Debatten um Flucht und Migration rassistisch instrumentalisiert wurden. Vor diesem Hintergrund sind die Erfolge der AfD nicht überraschend, sondern müssen als strukturelles Ergebnis gesellschaftshistorischer Veränderungen angesehen werden.

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