Reisst die Knospen ab...
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Eine düstere Parabel über die Gewalt und Abscheulichkeit, die dem Menschen innewohnt, gleichermaßen poetisch und brutal erzählt. Ein Stoff, nichts für schwache Nerven - und den man auch nicht viel länger als über diese unglaublich dichten, nervenzerreißenden 221 Selten aushalten würde. Das Buch ist so sensationell geschrieben, dass man nicht glauben kann, dass es 1958 das Debüt des späteren Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe war. Von Seite 1 an ist man mitten unter ihnen, unter den Heranwachsenden aus einer japanischen Besserungsanstalt, die während des zweiten Weltkriegs in die Berge evakuiert und unter unmenschlichen Bedingungen in einem Bergdorf untergebracht und von dessen Einwohnern brutal schickaniert und terrorisiert werden - bis diese aus Angst vor einer Seuche plötzlich verschwinden und den auf sich gestellten Jugendlichen jeden Ausweg aus dem Bergdorf versperren. Wie klar, poetisch und hart der Überlebenskampf der Jugendlichen, wie auch die Bildung einer Zwangsgemeinschaft beschrieben wird, habe ich in dieser, oft auch emotionalen, schonungslosen Wucht selten zuvor gelesen. Zwar habe ich auch hier, wie bei vielen männlichen japanischen Autoren (allen voran der beinahe misogyne Haruki Murakami), ein Problem mit dem Frauenbild - die einzige wirklich ansatzweise relevante Frauenfigur wird eher als lustbringendes Objekt für testosterongesteuerte Teenager denn als eigenständige Person geschildert. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob sich dies - wie bei Murakami - auch durch das weitere Werk Oes zieht oder ob sich dies in folgenden Texten von ihm ändert. Zum anderen ist Japan ja bis heute eine zutiefst patriarchische Gesellschaft, und das hier Dargestellte möglicherweise zwar moralisch in Frage zu stellen, in der Realität aber gerade 1958 in dem Köpfen heranwachsender Männer durchaus so gewesen, weswegen ich diesem Buch vorerst keinen Stern dafür abziehe. Davon abgesehen: Sprachlich ist es sowieso auf einer ganz anderen Ebene, einer, von der ein Murakami etliche Universen entfernt ist. Jeder Satz in diesem kleinen Roman pulsiert. Man riecht, schmeckt, fühlt, hört all das mit, was die Figuren riechen, schmecken, hören und fühlen. Nicht selten packt einen der Ekel, nicht selten muss man zwischendurch einige Minuten verschnaufen, bevor man weiterlesen kann. Was für ein großer, wilder, archaischer Roman! Ich kann nur sagen: dieses Buch macht etwas mit den Lesenden. Es kriecht mit jeder Zeile tief in uns hinein. Und das ist für mich wirklich, wirklich große Literatur - und zurecht Nobelpreis-gewürdigt. Schade, dass ich erst nach Oes Tod im März 2023 auf sein Werk gestoßen bin. Ich werde definitiv bald noch mehr von ihm lesen. Leseempfehlung: ein Muss! Mein bisheriges Jahreshighlight! 5 Sterne!
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Eine düstere Parabel über die Gewalt und Abscheulichkeit, die dem Menschen innewohnt, gleichermaßen poetisch und brutal erzählt. Ein Stoff, nichts für schwache Nerven - und den man auch nicht viel länger als über diese unglaublich dichten, nervenzerreißenden 221 Selten aushalten würde. Das Buch ist so sensationell geschrieben, dass man nicht glauben kann, dass es 1958 das Debüt des späteren Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe war. Von Seite 1 an ist man mitten unter ihnen, unter den Heranwachsenden aus einer japanischen Besserungsanstalt, die während des zweiten Weltkriegs in die Berge evakuiert und unter unmenschlichen Bedingungen in einem Bergdorf untergebracht und von dessen Einwohnern brutal schickaniert und terrorisiert werden - bis diese aus Angst vor einer Seuche plötzlich verschwinden und den auf sich gestellten Jugendlichen jeden Ausweg aus dem Bergdorf versperren. Wie klar, poetisch und hart der Überlebenskampf der Jugendlichen, wie auch die Bildung einer Zwangsgemeinschaft beschrieben wird, habe ich in dieser, oft auch emotionalen, schonungslosen Wucht selten zuvor gelesen. Zwar habe ich auch hier, wie bei vielen männlichen japanischen Autoren (allen voran der beinahe misogyne Haruki Murakami), ein Problem mit dem Frauenbild - die einzige wirklich ansatzweise relevante Frauenfigur wird eher als lustbringendes Objekt für testosterongesteuerte Teenager denn als eigenständige Person geschildert. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob sich dies - wie bei Murakami - auch durch das weitere Werk Oes zieht oder ob sich dies in folgenden Texten von ihm ändert. Zum anderen ist Japan ja bis heute eine zutiefst patriarchische Gesellschaft, und das hier Dargestellte möglicherweise zwar moralisch in Frage zu stellen, in der Realität aber gerade 1958 in dem Köpfen heranwachsender Männer durchaus so gewesen, weswegen ich diesem Buch vorerst keinen Stern dafür abziehe. Davon abgesehen: Sprachlich ist es sowieso auf einer ganz anderen Ebene, einer, von der ein Murakami etliche Universen entfernt ist. Jeder Satz in diesem kleinen Roman pulsiert. Man riecht, schmeckt, fühlt, hört all das mit, was die Figuren riechen, schmecken, hören und fühlen. Nicht selten packt einen der Ekel, nicht selten muss man zwischendurch einige Minuten verschnaufen, bevor man weiterlesen kann. Was für ein großer, wilder, archaischer Roman! Ich kann nur sagen: dieses Buch macht etwas mit den Lesenden. Es kriecht mit jeder Zeile tief in uns hinein. Und das ist für mich wirklich, wirklich große Literatur - und zurecht Nobelpreis-gewürdigt. Schade, dass ich erst nach Oes Tod im März 2023 auf sein Werk gestoßen bin. Ich werde definitiv bald noch mehr von ihm lesen. Leseempfehlung: ein Muss! Mein bisheriges Jahreshighlight! 5 Sterne!




