Kritik des Familismus
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In "Kritik des Familismus" (2015) untersucht Gisela Notz, warum das Idealbild der bürgerlichen Kleinfamilie in Deutschland immer noch so wirkmächtig ist, obwohl ein Großteil der Menschen es in der Realität nicht lebt. Notz greift den soziologischen Begriff "Familismus" auf. Dieser meint eine Sozialstruktur, in der die Familie als zentrale gesellschaftliche Instanz angesehen wird. Andere Lebensformen (WGs, Patchworkfamilien etc.) stellen Abweichungen oder - etwa im Fall Alleinerziehender - unvollständige Kleinfamilien dar. Unterstellt wird, dass alle Menschen danach streben, früher oder später Teil einer traditionellen familiären Ordnung zu sein. Gemeint ist der heterosexuelle, monogame, auf Ehe und Blutsverwandtschaft beruhende Zusammenschluss von Vater, Mutter und Kindern. Notz gibt einen historischen Überblick über die Entwicklung des Familismus. Das heutige Idealbild der Kleinfamilie ist nicht einmal 300 Jahre alt. Die Familie war schon immer mehr Ideal als soziale Realität. Familienpolitik war stets auch Bevölkerungspolitik. Wenn der Geburtenrückgang in Deutschland beklagt wird, geht es nicht um "irgendwelche", sondern um die "richtigen" deutschen, weißen Kinder aus finanziell abgesicherten Familien. Häufig sind familistische Ansätze mit rechtskonservativen Tendenzen verknüpft. Anhand des Familismus zeigt sich, wie sich gesellschaftliche Ideale je nach wirtschaftlicher und historischer Lage ändern: Erwerbsarbeit von Frauen etwa wurde immer dann gefördert, wenn es einen Arbeitskräftemangel gab, während in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Anreize für eine traditionelle Rollenverteilung geschaffen wurden. Auch die geringe Wertschätzung für Care-Tätigkeiten und die Unterfinanzierung sozialer Einrichtungen sind so nach Notz zumindest teilweise politisches Kalkül. Dass Alte, Kranke und Kinder zu Hause gepflegt werden, entlastet den Staat finanziell. Das Buch ist recht akademisch geschrieben, enthält viele historische Fakten und Statistiken. Das macht es streckenweise sperrig zu lesen. Es ist aber sehr interessant und vielleicht ist das Wissen um die historischen Entwicklungen wichtige Grundlage dafür, unsere heutige Gesellschaft besser zu verstehen.
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In "Kritik des Familismus" (2015) untersucht Gisela Notz, warum das Idealbild der bürgerlichen Kleinfamilie in Deutschland immer noch so wirkmächtig ist, obwohl ein Großteil der Menschen es in der Realität nicht lebt. Notz greift den soziologischen Begriff "Familismus" auf. Dieser meint eine Sozialstruktur, in der die Familie als zentrale gesellschaftliche Instanz angesehen wird. Andere Lebensformen (WGs, Patchworkfamilien etc.) stellen Abweichungen oder - etwa im Fall Alleinerziehender - unvollständige Kleinfamilien dar. Unterstellt wird, dass alle Menschen danach streben, früher oder später Teil einer traditionellen familiären Ordnung zu sein. Gemeint ist der heterosexuelle, monogame, auf Ehe und Blutsverwandtschaft beruhende Zusammenschluss von Vater, Mutter und Kindern. Notz gibt einen historischen Überblick über die Entwicklung des Familismus. Das heutige Idealbild der Kleinfamilie ist nicht einmal 300 Jahre alt. Die Familie war schon immer mehr Ideal als soziale Realität. Familienpolitik war stets auch Bevölkerungspolitik. Wenn der Geburtenrückgang in Deutschland beklagt wird, geht es nicht um "irgendwelche", sondern um die "richtigen" deutschen, weißen Kinder aus finanziell abgesicherten Familien. Häufig sind familistische Ansätze mit rechtskonservativen Tendenzen verknüpft. Anhand des Familismus zeigt sich, wie sich gesellschaftliche Ideale je nach wirtschaftlicher und historischer Lage ändern: Erwerbsarbeit von Frauen etwa wurde immer dann gefördert, wenn es einen Arbeitskräftemangel gab, während in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Anreize für eine traditionelle Rollenverteilung geschaffen wurden. Auch die geringe Wertschätzung für Care-Tätigkeiten und die Unterfinanzierung sozialer Einrichtungen sind so nach Notz zumindest teilweise politisches Kalkül. Dass Alte, Kranke und Kinder zu Hause gepflegt werden, entlastet den Staat finanziell. Das Buch ist recht akademisch geschrieben, enthält viele historische Fakten und Statistiken. Das macht es streckenweise sperrig zu lesen. Es ist aber sehr interessant und vielleicht ist das Wissen um die historischen Entwicklungen wichtige Grundlage dafür, unsere heutige Gesellschaft besser zu verstehen.




