Kluge Wörter
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Für Sprachnerds sicher eine Quelle der Inspiration, aber der Untertitel verspricht mehr als das Buch dann hält.
In "Kluge Wörter" nimmt Matthias Heine genau solche unter die Lupe: Wörter, die "klug" klingen, gern verwendet werden, um den eigenen Bildungshintergrund gleich mit darzustellen. Bei der Auswahl dieser hat er sich an Lexika, die bereits zum Bildungswortschatz bestehen, orientiert, aber auch daran, wie bekannt Wörter schon sind - und sich bewusst für jene entschieden, deren Bedeutungen eher unbekannt sein dürften. Genau das bringt es dann aber (leider) mit sich, dass man manches geflügelte Bildungswort, über dessen Background man eventuell gern mal mehr erfahren hätte, vermissen und sich über die Anwesenheit manch anderer (wie etwa Astralleib, bramarbasieren oder Diadochenkämpfe) vielleicht etwas wundern kann. Natürlich gibt es dann aber auch jene Wörter, auf die man gehofft hat: gute alte Freunde oder vage Bekannte, über deren Herkunft und Verwendungen zu lesen oft nicht nur interessant, sondern auch sehr amüsant ist, weil der Autor den einen oder anderen augenzwinkernden Kommentar einbaut und so den ganzen Wörterbuch-Charakter auflockert. Im Eintrag zu abundant, in dem er den 1715 geäußerten Hinweis zum Genuss von Carfiol (Blumenkohl), dass dieser sehr nahrhaft, ergo potenz- bzw- vaginalflussanregend, sei, in einem Beispiel anführt, endet der Eintrag etwa ganz trocken mit "Dieser wichtige Ernährungshinweis ist natürlich keineswegs abundant." Es gab manche dieser Stellen, an denen ich das Gefühl hatte, dass Heine solch einen ironischen Blick auf die Verwendung von Bildungswörtern wirft oder durch die deutlich wird, dass er sich um die Auswahl besonders lustiger oder passender Beispiele bemüht hat, was seinem ganzen Unterfangen für mich persönlich Bonuspunkte auf dem Sympathiekonto einfährt. Andererseits zeigt das zitierte Beispiel auch etwas, womit ich große Probleme hatte: Dass nämlich diese Beispiele häufig von anno-Dazumal sind. Natürlich geht's um die Etymologie der Wörter und wenn sich eine Bedeutung gewandelt hat, ist ein Blick auf ältere Beispiele ja geradezu notwendig. Nur leider kommt es allzu oft vor, dass von Damals auf Heute geschlossen wird. Mit anderen Worten: Dass die Zitate hoffnungslos veraltet wirken, wodurch der ganze Eintrag eingestaubt wirkt und Zweifel aufkommen, ob das vorliegende Buch überhaupt tatsächlich den aktuellen Stand der Deutschen Bildungssprache abbildet. Zum Beispiel, wenn eine bis heute gebräuchliche Verwendung durch Zitate von Schiller und Karl May gestützt werden soll... Dass beispielsweise der Canossagang in einem 2015 getätigten Sportkommentar und das dann wiederum auch als Beispiel in diesem Buch auftaucht, zeigt, dass es auch anders geht und aktuelle Bezüge keineswegs komplett fehlen - nur leider zu oft hinter der sprachhistorischen Perspektive zurückbleiben. Mein zweites großes Problem war, dass ich den Untertitel allzu ernstgenommen hatte: "Wie wir den Bildungswortschatz nutzen können - und wo seine Tücken liegen". Ja, es gab sie, diese Anwendungshinweise und Warnungen vor Tücken (Beispiel: Man sollte "avisieren" und "anvisieren" nicht verwechseln, vgl. S. 46), auf die ich entsprechend gepokert hatte. Aber eher sporadisch und keineswegs in jedem und noch nicht mal in jedem zweiten Eintrag finden sie sich so konkret. Immer wieder musste ich feststellen, dass der Untertitel bei mir hier irgendwie falsche Erwartungen geschürt hatte. Ich wollte meinen eigenen Bildungswortschatz auf den Prüfstand stellen, meine Verwendungsweisen schärfen und eventuell das ein oder andere Wort hinzufügen. Und dafür bekam ich weniger Anregungen als erhofft, was zum einen an der erwähnten Auswahl gefühlt besonders unbekannter und deshalb vielleicht auch nur in veralteten Beispielen auftauchender Lexik lag und zum anderen daran, dass Matthias Heine hier zwar spannende Einblicke in die Welt kluger Wörter liefert, die das Herz jeder sprachinteressierten Person höherschlagen lassen können - aber eben weniger über falsche Verwendungen aufklärt als es der Untertitel suggerieren mag. Insgesamt eine bedingte Empfehlung für absolute Sprachnerds, sie werden ihre Freude mit diesen kleinen Sprachreisen haben - aber auch eine Warnung an jene, die sich vor allem Aufklärung und Anleitung erhoffen: Der Untertitel verspricht ein wenig zu viel.
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Für Sprachnerds sicher eine Quelle der Inspiration, aber der Untertitel verspricht mehr als das Buch dann hält.
In "Kluge Wörter" nimmt Matthias Heine genau solche unter die Lupe: Wörter, die "klug" klingen, gern verwendet werden, um den eigenen Bildungshintergrund gleich mit darzustellen. Bei der Auswahl dieser hat er sich an Lexika, die bereits zum Bildungswortschatz bestehen, orientiert, aber auch daran, wie bekannt Wörter schon sind - und sich bewusst für jene entschieden, deren Bedeutungen eher unbekannt sein dürften. Genau das bringt es dann aber (leider) mit sich, dass man manches geflügelte Bildungswort, über dessen Background man eventuell gern mal mehr erfahren hätte, vermissen und sich über die Anwesenheit manch anderer (wie etwa Astralleib, bramarbasieren oder Diadochenkämpfe) vielleicht etwas wundern kann. Natürlich gibt es dann aber auch jene Wörter, auf die man gehofft hat: gute alte Freunde oder vage Bekannte, über deren Herkunft und Verwendungen zu lesen oft nicht nur interessant, sondern auch sehr amüsant ist, weil der Autor den einen oder anderen augenzwinkernden Kommentar einbaut und so den ganzen Wörterbuch-Charakter auflockert. Im Eintrag zu abundant, in dem er den 1715 geäußerten Hinweis zum Genuss von Carfiol (Blumenkohl), dass dieser sehr nahrhaft, ergo potenz- bzw- vaginalflussanregend, sei, in einem Beispiel anführt, endet der Eintrag etwa ganz trocken mit "Dieser wichtige Ernährungshinweis ist natürlich keineswegs abundant." Es gab manche dieser Stellen, an denen ich das Gefühl hatte, dass Heine solch einen ironischen Blick auf die Verwendung von Bildungswörtern wirft oder durch die deutlich wird, dass er sich um die Auswahl besonders lustiger oder passender Beispiele bemüht hat, was seinem ganzen Unterfangen für mich persönlich Bonuspunkte auf dem Sympathiekonto einfährt. Andererseits zeigt das zitierte Beispiel auch etwas, womit ich große Probleme hatte: Dass nämlich diese Beispiele häufig von anno-Dazumal sind. Natürlich geht's um die Etymologie der Wörter und wenn sich eine Bedeutung gewandelt hat, ist ein Blick auf ältere Beispiele ja geradezu notwendig. Nur leider kommt es allzu oft vor, dass von Damals auf Heute geschlossen wird. Mit anderen Worten: Dass die Zitate hoffnungslos veraltet wirken, wodurch der ganze Eintrag eingestaubt wirkt und Zweifel aufkommen, ob das vorliegende Buch überhaupt tatsächlich den aktuellen Stand der Deutschen Bildungssprache abbildet. Zum Beispiel, wenn eine bis heute gebräuchliche Verwendung durch Zitate von Schiller und Karl May gestützt werden soll... Dass beispielsweise der Canossagang in einem 2015 getätigten Sportkommentar und das dann wiederum auch als Beispiel in diesem Buch auftaucht, zeigt, dass es auch anders geht und aktuelle Bezüge keineswegs komplett fehlen - nur leider zu oft hinter der sprachhistorischen Perspektive zurückbleiben. Mein zweites großes Problem war, dass ich den Untertitel allzu ernstgenommen hatte: "Wie wir den Bildungswortschatz nutzen können - und wo seine Tücken liegen". Ja, es gab sie, diese Anwendungshinweise und Warnungen vor Tücken (Beispiel: Man sollte "avisieren" und "anvisieren" nicht verwechseln, vgl. S. 46), auf die ich entsprechend gepokert hatte. Aber eher sporadisch und keineswegs in jedem und noch nicht mal in jedem zweiten Eintrag finden sie sich so konkret. Immer wieder musste ich feststellen, dass der Untertitel bei mir hier irgendwie falsche Erwartungen geschürt hatte. Ich wollte meinen eigenen Bildungswortschatz auf den Prüfstand stellen, meine Verwendungsweisen schärfen und eventuell das ein oder andere Wort hinzufügen. Und dafür bekam ich weniger Anregungen als erhofft, was zum einen an der erwähnten Auswahl gefühlt besonders unbekannter und deshalb vielleicht auch nur in veralteten Beispielen auftauchender Lexik lag und zum anderen daran, dass Matthias Heine hier zwar spannende Einblicke in die Welt kluger Wörter liefert, die das Herz jeder sprachinteressierten Person höherschlagen lassen können - aber eben weniger über falsche Verwendungen aufklärt als es der Untertitel suggerieren mag. Insgesamt eine bedingte Empfehlung für absolute Sprachnerds, sie werden ihre Freude mit diesen kleinen Sprachreisen haben - aber auch eine Warnung an jene, die sich vor allem Aufklärung und Anleitung erhoffen: Der Untertitel verspricht ein wenig zu viel.




