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Ein ganz wunderbares Buch. Auf jeden Fall eines der besten zeitgenössischen Bücher, die ich je gelesen habe. Ich kann es gar nicht recht glauben, dass Amos Oz so ein komplexes Werk mit unterschiedlichen zeitlichen Ebenen, unterschiedlichen Erzählformen, unterschiedlichen Meinungen und Entwicklungen, mit realen und fiktiven Personen schreiben konnte, und das Ganze auf gerade mal 350 Seiten. Diese Verdichtung wirkt aber nicht gehetzt, ganz im Gegenteil. Das Tempo des Buchs ist ruhig und bedächtig, die Sprache poetisch, die Beobachtungsgabe des Autors detailverliebt und die Komposition einfach genial vernetzt. Es geht in erster Linie um eine Dreiecksbeziehung im Winter 1959 zwischen dem naiven tollpatschigen Idealisten Schmuel (25 Jahre), dem greisen Gerschom Wald, dessen Pflege Schmuel übernimmt, nachdem er aus finanziellen Gründen sein Studium abbrechen musste(Magisterarbeit "Jesus aus der Sicht der Juden") und Walds verwitwete Schwiegertochter Atalja (45 Jahre), die mit dem Alten in dem heruntergekommen Haus in Jerusalem wohnt. Schmuel soll in erster Linie Gerschom unterhalten, ihm widersprechen und zu Diskussionen anregen. Und so entstehen lange Dialoge über Religion, Geschichte und Politik, bei denen sich die beiden so ungleichen Männer näher kommen und immer mehr zu schätzen wissen. Unnahbar erscheint dagegen Atalja, sowohl körperlich als auch geistig. Sie ist die Tochter eines Verräters an der zionistischen Bewegung, denn sie und ihr verstorbener Vater stehen für die Zwei-Staaten-Lösung bei der Juden-Palästinenser-Frage. Doch Schmuel fühlt sich immer näher zu dieser Frau hingezogen und am Ende wird aus dem Überzeugten ein Zweifler, der mit dem letzten Satz fragend in die Ferne schaute. Ein offenes Ende, welches mich erstmal verstörte, welches ich aber unter dem Gesichtspunkten des Wandels der Person Schmuel in den vier Monaten der Geschichte gut nachvollziehen konnte. Was mir unheimlich gut gefiel, ist die Art von Amos Oz, die verschiedenen Sichtweisen auf einen Sachverhalt darzustellen, ohne Wertung, so, dass man als Leser Pro und Contra in Form eines Romans präsentiert bekommt. Ich habe mich oft ertappt, dass ich gedacht habe, ich kann gerade beide Seiten gut verstehen. Und ich weiß gar nicht so recht, was der Autor jetzt denkt. Das ist das größte Lob, das man einem Roman geben kann. Er regt zum Nachdenken an, er beschäftigt sich mit ungeklärten Fragen und er lässt mir als Leser die Möglichkeit, mir meine eigene Meinung zu bilden ohne das ich tendenziös in eine Richtung vom Schriftsteller gelenkt werde. Der berühmteste Verrat in der Geschichte verbindet dabei alle Handlungs- und Beziehungsstränge des Buchs. Der Verrat Judas an Jesus. Amos Oz stellt durch die Reden seiner Protagonisten klar, dass der Verrat immer aus der Sicht einer bestimmten Gruppierung festgelegt wird. Hinter jedem Verrat steckt aber auch eine Geschichte und vielleicht ist dies auch eine Geschichte der Liebe und Zuneigung. Staufenberg wurde als Hochverräter verurteilt, aber für uns heute ist er ein Held. Der Vater Ataljas wurde als Verräter der Juden bezeichnet, aber im Grunde wollte er eine Versöhnung zwischen Juden und Arabern. Judas Iskariot wird oft als der Verräter interpretiert, der aus Geldgier für 30 Silberlinge Jesus mittels eines Kusses verraten hat. Amos Oz spielt aber die bereits von anderen Autoren genannte Idee fort, dass Judas den Verrat begangen hat, weil er am tiefsten überzeugt davon war, dass Jesus der Messias ist und es somit zum Gottesplan gehörte, dass Jesus das Wunder der Auferstehung im Herzen Jerusalems wirkte. Als er dann aber sah, dass Jesus am Kreuz starb, er auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut war, erhängte er sich. Es ist interessant zu sehen, wie der Verrat als Thema sich durch das Buch zieht. Unbedingte Leseempfehlung. Ein Buch für meinen Favoritenordner.
Apr 14, 2024
Ein ganz wunderbares Buch. Auf jeden Fall eines der besten zeitgenössischen Bücher, die ich je gelesen habe. Ich kann es gar nicht recht glauben, dass Amos Oz so ein komplexes Werk mit unterschiedlichen zeitlichen Ebenen, unterschiedlichen Erzählformen, unterschiedlichen Meinungen und Entwicklungen, mit realen und fiktiven Personen schreiben konnte, und das Ganze auf gerade mal 350 Seiten. Diese Verdichtung wirkt aber nicht gehetzt, ganz im Gegenteil. Das Tempo des Buchs ist ruhig und bedächtig, die Sprache poetisch, die Beobachtungsgabe des Autors detailverliebt und die Komposition einfach genial vernetzt. Es geht in erster Linie um eine Dreiecksbeziehung im Winter 1959 zwischen dem naiven tollpatschigen Idealisten Schmuel (25 Jahre), dem greisen Gerschom Wald, dessen Pflege Schmuel übernimmt, nachdem er aus finanziellen Gründen sein Studium abbrechen musste(Magisterarbeit "Jesus aus der Sicht der Juden") und Walds verwitwete Schwiegertochter Atalja (45 Jahre), die mit dem Alten in dem heruntergekommen Haus in Jerusalem wohnt. Schmuel soll in erster Linie Gerschom unterhalten, ihm widersprechen und zu Diskussionen anregen. Und so entstehen lange Dialoge über Religion, Geschichte und Politik, bei denen sich die beiden so ungleichen Männer näher kommen und immer mehr zu schätzen wissen. Unnahbar erscheint dagegen Atalja, sowohl körperlich als auch geistig. Sie ist die Tochter eines Verräters an der zionistischen Bewegung, denn sie und ihr verstorbener Vater stehen für die Zwei-Staaten-Lösung bei der Juden-Palästinenser-Frage. Doch Schmuel fühlt sich immer näher zu dieser Frau hingezogen und am Ende wird aus dem Überzeugten ein Zweifler, der mit dem letzten Satz fragend in die Ferne schaute. Ein offenes Ende, welches mich erstmal verstörte, welches ich aber unter dem Gesichtspunkten des Wandels der Person Schmuel in den vier Monaten der Geschichte gut nachvollziehen konnte. Was mir unheimlich gut gefiel, ist die Art von Amos Oz, die verschiedenen Sichtweisen auf einen Sachverhalt darzustellen, ohne Wertung, so, dass man als Leser Pro und Contra in Form eines Romans präsentiert bekommt. Ich habe mich oft ertappt, dass ich gedacht habe, ich kann gerade beide Seiten gut verstehen. Und ich weiß gar nicht so recht, was der Autor jetzt denkt. Das ist das größte Lob, das man einem Roman geben kann. Er regt zum Nachdenken an, er beschäftigt sich mit ungeklärten Fragen und er lässt mir als Leser die Möglichkeit, mir meine eigene Meinung zu bilden ohne das ich tendenziös in eine Richtung vom Schriftsteller gelenkt werde. Der berühmteste Verrat in der Geschichte verbindet dabei alle Handlungs- und Beziehungsstränge des Buchs. Der Verrat Judas an Jesus. Amos Oz stellt durch die Reden seiner Protagonisten klar, dass der Verrat immer aus der Sicht einer bestimmten Gruppierung festgelegt wird. Hinter jedem Verrat steckt aber auch eine Geschichte und vielleicht ist dies auch eine Geschichte der Liebe und Zuneigung. Staufenberg wurde als Hochverräter verurteilt, aber für uns heute ist er ein Held. Der Vater Ataljas wurde als Verräter der Juden bezeichnet, aber im Grunde wollte er eine Versöhnung zwischen Juden und Arabern. Judas Iskariot wird oft als der Verräter interpretiert, der aus Geldgier für 30 Silberlinge Jesus mittels eines Kusses verraten hat. Amos Oz spielt aber die bereits von anderen Autoren genannte Idee fort, dass Judas den Verrat begangen hat, weil er am tiefsten überzeugt davon war, dass Jesus der Messias ist und es somit zum Gottesplan gehörte, dass Jesus das Wunder der Auferstehung im Herzen Jerusalems wirkte. Als er dann aber sah, dass Jesus am Kreuz starb, er auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut war, erhängte er sich. Es ist interessant zu sehen, wie der Verrat als Thema sich durch das Buch zieht. Unbedingte Leseempfehlung. Ein Buch für meinen Favoritenordner.
Apr 14, 2024






