Die kalten Nächte der Kindheit
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Description
Eine große literarische Wiederentdeckung
Die kalten Nächte der Kindheit erzählt vom Heranwachsen einer Frau, von ihrem Begehren, ihren Träumen, ihrer Widerständigkeit. Und wirkt darin heute so aktuell wie damals.
»1949. In einer Provinzstadt in Anatolien mit 4000 Einwohnern lerne ich die Welt sehen. Bin 6 Jahre alt. … Ich empfinde die maßlose Größe der Welt und weiß, dass ich fort und weit weg gehen werde.« So schreibt Tezer Özlü 1981 an den Deutschen Akademischen Austauschdienst über das prägende Gefühl ihrer Kindheit.
Erwachsen geworden, wird sie nach Berlin, Paris und Zürich reisen, fort und weit weg von der Türkei und den »Menschen in Uniform«, dem lauernden Wahnsinn. Sie tauscht die heimischen Obstgärten und Klassenzimmer der Nonnenschule ein gegen die Straßen und Cafés europäischer Hauptstädte – und gegen das Schreiben. Um eine Welt zu erfinden, die ihr entspricht. Indes wird sie über Jahre in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Doch selbst das kann ihren Willen nicht brechen.
Book Information
Author Description
Tezer Özlü, geboren 1943 in Anatolien, war eine türkische literarische Übersetzerin und Schriftstellerin, die auch in Deutschland gewirkt hat. Sie besuchte in Istanbul das katholische, österreichische St. Georgs-Kolleg und übersetzte u. a. Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Franz Kafka und Cesare Pavese. Sie lebte in Paris, Ankara, Istanbul, Berlin und Zürich, wo sie 1986 starb.
Posts
Fragmente eines Lebens, auf die man sich einlassen muss ohne unbedingt verstehen zu wollen.
Man darf bei dem Buch nicht erwarten, eine strukturierte Geschichte zu bekommen. Das habe ich ziemlich schnell gemerkt, da sich immer mehr Fragezeichen aufgetan haben. Ich habe nach den ersten paar Seiten ganz bis zum Ende geblättert und zunächst den Text "Tragende Zungen" gelesen, um etwas mehr über die Autorin und ihren Schreibstil zu erfahren. So konnte ich alles besser einordnen - und für mich war das gut so! Ich fand es etwas schade, dass die Kindheit im Buch nur einen kleinen Teil ausmacht - wobei diese natürlich nachwirkt. Besonders eindrücklich fand ich den Teil "Das Konzert von Lé Ferreé", wo die Autorin von ihrer Psychiatrie-Erfahrung erzählt. Sicher kein Buch für jeden, ich empfehle auf jeden Fall einige Seiten probezulesen.
Fragmente einer verletzten Innenwelt
„Die kalten Hände meiner Kindheit“ ist weniger eine autobiografische Erzählung als vielmehr eine literarische innere Auseinandersetzung, in der Erinnerungen, Gedanken und Gefühle untrennbar ineinanderfließen. Özlü verzichtet auf eine lineare Handlung und entwirft stattdessen ein intensives psychologisches Porträt einer Erzählerin, deren Leben von emotionaler Kälte, Einsamkeit und Unruhe geprägt ist. Zentral ist das Motiv der Kälte, das sowohl konkret als auch metaphorisch zu verstehen ist. Die „kalten Hände“ stehen für fehlende Geborgenheit, emotionale Distanz innerhalb der Familie und ein früh entwickeltes Gefühl des Fremdseins. Eine wesentliche Bedeutung nehmen die wiederholten Aufenthalte der Erzählerin in psychiatrischen Einrichtungen ein. Diese werden nicht als schützende oder heilende Räume dargestellt, sondern als Orte institutioneller Macht und Gewalt. Die Erzählerin erlebt dort Entmündigung, Zwangsmaßnahmen sowie körperliche und psychische Übergriffe. Statt Halt zu geben, reproduziert die Psychiatrie jene Strukturen von Kälte, Kontrolle und Ausgeliefertsein. Die Erfahrung, über den eigenen Körper und Willen hinweg behandelt zu werden, vertieft das Gefühl des Nicht-Gesehen-Werdens und verstärkt ihre Isolation. Aus dieser Leere und den traumatisierenden Erfahrungen heraus entsteht eine unablässige Suche nach Nähe, Identität und Selbstbestimmung, die sich besonders im Umgang mit Sexualität manifestiert. Das Erwachen und Ausleben der Sexualität wird bei Özlü nicht romantisiert, sondern als ambivalenter Versuch dargestellt, Wärme, Intensität und Lebendigkeit zu erfahren. Der eigene Körper wird zu einem Raum möglicher Nähe, während emotionale Verbundenheit weiterhin unerreichbar bleibt. Sexualität fungiert somit als Gegenpol zur inneren Kälte der Kindheit, ohne diese dauerhaft überwinden zu können. Auffällig ist dabei die offene, tabubrechende Darstellung weiblicher Sexualität. Özlü schildert sexuelle Erfahrungen nüchtern und direkt, ohne Beschönigung oder moralische Bewertung. Vor dem gesellschaftlichen Hintergrund ihrer Zeit stellt dies einen Akt der Selbstbehauptung dar. Sexualität wird sowohl zum Mittel der Auflehnung gegen patriarchale Normen und starre Rollenvorstellungen als auch zum Ausdruck innerer Zerrissenheit. Intimität führt nicht zu Geborgenheit, sondern verstärkt mitunter das Gefühl der Einsamkeit. Stilistisch zeichnet sich das Werk durch eine reduzierte, präzise Sprache aus. Kurze Sätze, Wiederholungen und fragmentarische Bilder spiegeln den seelischen Zustand der Erzählerin wider. Gerade diese sprachliche Knappheit verleiht dem Text eine hohe emotionale Dichte und Intensität. Insgesamt ist „Die kalten Hände meiner Kindheit“ ein eindrucksvolles Werk, das weniger Antworten liefert als Fragen aufwirft.
„Immer wenn ich tue, was ich will, lande ich hinter Gittern. Dabei habe ich diesen Mann geheiratet, damit er mich nicht den Ärzten und Kliniken ausliefert.“ In ihrem Roman erzählt Tezer Özlü die Geschichte einer Protagonistin, die bereits als Kind von kalten, einsamen Nächten heimgesucht wird. Später, als junge Erwachsene, sind diese Nächte noch immer präsent. So präsent, dass sie regelmäßig Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen fordern, die für die Protagonistin zu traumatischen Erfahrungen werden. Mich hat das Buch sehr berührt, da der Schmerz und das Unverständnis der Protagonistin darüber, was mit ihr passiert, so greifbar sind. Zahllose Male wird sie Elektroschocktherapien unterzogen, die ihren Körper jedes Mal aufs Neue „töten“, wie sie es beschreibt. Der Text springt immer wieder zwischen den Zeitebenen, mal befindet man sich kurz in der Gegenwart, dann wiederum in unterschiedlichen Vergangenheiten. Zudem weiß man als Leser:in nie, welche Handlungen tatsächlich passieren und was bloß in der Vorstellung der unzuverlässigen Erzählerin geschieht. Was jedoch deutlich wird, ist eines: Die Protagonistin wird von ihren Ehemännern, Freund:innen und vom medizinischen Personal als wahnhaft und nicht ernst genommen. Der Grund dafür liegt in ihrer Selbstbestimmtheit und ihrer Sexualität. In der Türkei (und nicht nur dort) der 1970er Jahre ein Tabu; bestraft wird sie mit Klinikaufenthalten und Misshandlungen, die sie fügsam machen sollen. Alles Umstände, die die unheimlich bedrückende Atmosphäre des Buches etablieren und einen Schmerz ausdrücken, den man als Lesende kaum aushält. Vielleicht genau deshalb ist „Die kalten Nächte der Kindheit“ ein so lesenswertes Buch: Es holt einen aus der Komfortzone, konfrontiert Lesende mit physischem und mentalem Schmerz, der nahe geht. Ergänzt wird das Ganze von Deniz Utlus Nachwort, das den Text interpretiert und historisch einordnet.
Description
Eine große literarische Wiederentdeckung
Die kalten Nächte der Kindheit erzählt vom Heranwachsen einer Frau, von ihrem Begehren, ihren Träumen, ihrer Widerständigkeit. Und wirkt darin heute so aktuell wie damals.
»1949. In einer Provinzstadt in Anatolien mit 4000 Einwohnern lerne ich die Welt sehen. Bin 6 Jahre alt. … Ich empfinde die maßlose Größe der Welt und weiß, dass ich fort und weit weg gehen werde.« So schreibt Tezer Özlü 1981 an den Deutschen Akademischen Austauschdienst über das prägende Gefühl ihrer Kindheit.
Erwachsen geworden, wird sie nach Berlin, Paris und Zürich reisen, fort und weit weg von der Türkei und den »Menschen in Uniform«, dem lauernden Wahnsinn. Sie tauscht die heimischen Obstgärten und Klassenzimmer der Nonnenschule ein gegen die Straßen und Cafés europäischer Hauptstädte – und gegen das Schreiben. Um eine Welt zu erfinden, die ihr entspricht. Indes wird sie über Jahre in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Doch selbst das kann ihren Willen nicht brechen.
Book Information
Author Description
Tezer Özlü, geboren 1943 in Anatolien, war eine türkische literarische Übersetzerin und Schriftstellerin, die auch in Deutschland gewirkt hat. Sie besuchte in Istanbul das katholische, österreichische St. Georgs-Kolleg und übersetzte u. a. Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Franz Kafka und Cesare Pavese. Sie lebte in Paris, Ankara, Istanbul, Berlin und Zürich, wo sie 1986 starb.
Posts
Fragmente eines Lebens, auf die man sich einlassen muss ohne unbedingt verstehen zu wollen.
Man darf bei dem Buch nicht erwarten, eine strukturierte Geschichte zu bekommen. Das habe ich ziemlich schnell gemerkt, da sich immer mehr Fragezeichen aufgetan haben. Ich habe nach den ersten paar Seiten ganz bis zum Ende geblättert und zunächst den Text "Tragende Zungen" gelesen, um etwas mehr über die Autorin und ihren Schreibstil zu erfahren. So konnte ich alles besser einordnen - und für mich war das gut so! Ich fand es etwas schade, dass die Kindheit im Buch nur einen kleinen Teil ausmacht - wobei diese natürlich nachwirkt. Besonders eindrücklich fand ich den Teil "Das Konzert von Lé Ferreé", wo die Autorin von ihrer Psychiatrie-Erfahrung erzählt. Sicher kein Buch für jeden, ich empfehle auf jeden Fall einige Seiten probezulesen.
Fragmente einer verletzten Innenwelt
„Die kalten Hände meiner Kindheit“ ist weniger eine autobiografische Erzählung als vielmehr eine literarische innere Auseinandersetzung, in der Erinnerungen, Gedanken und Gefühle untrennbar ineinanderfließen. Özlü verzichtet auf eine lineare Handlung und entwirft stattdessen ein intensives psychologisches Porträt einer Erzählerin, deren Leben von emotionaler Kälte, Einsamkeit und Unruhe geprägt ist. Zentral ist das Motiv der Kälte, das sowohl konkret als auch metaphorisch zu verstehen ist. Die „kalten Hände“ stehen für fehlende Geborgenheit, emotionale Distanz innerhalb der Familie und ein früh entwickeltes Gefühl des Fremdseins. Eine wesentliche Bedeutung nehmen die wiederholten Aufenthalte der Erzählerin in psychiatrischen Einrichtungen ein. Diese werden nicht als schützende oder heilende Räume dargestellt, sondern als Orte institutioneller Macht und Gewalt. Die Erzählerin erlebt dort Entmündigung, Zwangsmaßnahmen sowie körperliche und psychische Übergriffe. Statt Halt zu geben, reproduziert die Psychiatrie jene Strukturen von Kälte, Kontrolle und Ausgeliefertsein. Die Erfahrung, über den eigenen Körper und Willen hinweg behandelt zu werden, vertieft das Gefühl des Nicht-Gesehen-Werdens und verstärkt ihre Isolation. Aus dieser Leere und den traumatisierenden Erfahrungen heraus entsteht eine unablässige Suche nach Nähe, Identität und Selbstbestimmung, die sich besonders im Umgang mit Sexualität manifestiert. Das Erwachen und Ausleben der Sexualität wird bei Özlü nicht romantisiert, sondern als ambivalenter Versuch dargestellt, Wärme, Intensität und Lebendigkeit zu erfahren. Der eigene Körper wird zu einem Raum möglicher Nähe, während emotionale Verbundenheit weiterhin unerreichbar bleibt. Sexualität fungiert somit als Gegenpol zur inneren Kälte der Kindheit, ohne diese dauerhaft überwinden zu können. Auffällig ist dabei die offene, tabubrechende Darstellung weiblicher Sexualität. Özlü schildert sexuelle Erfahrungen nüchtern und direkt, ohne Beschönigung oder moralische Bewertung. Vor dem gesellschaftlichen Hintergrund ihrer Zeit stellt dies einen Akt der Selbstbehauptung dar. Sexualität wird sowohl zum Mittel der Auflehnung gegen patriarchale Normen und starre Rollenvorstellungen als auch zum Ausdruck innerer Zerrissenheit. Intimität führt nicht zu Geborgenheit, sondern verstärkt mitunter das Gefühl der Einsamkeit. Stilistisch zeichnet sich das Werk durch eine reduzierte, präzise Sprache aus. Kurze Sätze, Wiederholungen und fragmentarische Bilder spiegeln den seelischen Zustand der Erzählerin wider. Gerade diese sprachliche Knappheit verleiht dem Text eine hohe emotionale Dichte und Intensität. Insgesamt ist „Die kalten Hände meiner Kindheit“ ein eindrucksvolles Werk, das weniger Antworten liefert als Fragen aufwirft.
„Immer wenn ich tue, was ich will, lande ich hinter Gittern. Dabei habe ich diesen Mann geheiratet, damit er mich nicht den Ärzten und Kliniken ausliefert.“ In ihrem Roman erzählt Tezer Özlü die Geschichte einer Protagonistin, die bereits als Kind von kalten, einsamen Nächten heimgesucht wird. Später, als junge Erwachsene, sind diese Nächte noch immer präsent. So präsent, dass sie regelmäßig Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen fordern, die für die Protagonistin zu traumatischen Erfahrungen werden. Mich hat das Buch sehr berührt, da der Schmerz und das Unverständnis der Protagonistin darüber, was mit ihr passiert, so greifbar sind. Zahllose Male wird sie Elektroschocktherapien unterzogen, die ihren Körper jedes Mal aufs Neue „töten“, wie sie es beschreibt. Der Text springt immer wieder zwischen den Zeitebenen, mal befindet man sich kurz in der Gegenwart, dann wiederum in unterschiedlichen Vergangenheiten. Zudem weiß man als Leser:in nie, welche Handlungen tatsächlich passieren und was bloß in der Vorstellung der unzuverlässigen Erzählerin geschieht. Was jedoch deutlich wird, ist eines: Die Protagonistin wird von ihren Ehemännern, Freund:innen und vom medizinischen Personal als wahnhaft und nicht ernst genommen. Der Grund dafür liegt in ihrer Selbstbestimmtheit und ihrer Sexualität. In der Türkei (und nicht nur dort) der 1970er Jahre ein Tabu; bestraft wird sie mit Klinikaufenthalten und Misshandlungen, die sie fügsam machen sollen. Alles Umstände, die die unheimlich bedrückende Atmosphäre des Buches etablieren und einen Schmerz ausdrücken, den man als Lesende kaum aushält. Vielleicht genau deshalb ist „Die kalten Nächte der Kindheit“ ein so lesenswertes Buch: Es holt einen aus der Komfortzone, konfrontiert Lesende mit physischem und mentalem Schmerz, der nahe geht. Ergänzt wird das Ganze von Deniz Utlus Nachwort, das den Text interpretiert und historisch einordnet.







