Der Dschungel
Buy Now
By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.
Book Information
Posts
Sinclair beschreibt gut die schrecklichen Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen. Die letzten 150 Seiten waren für mich nicht mehr so interessant, da es nur noch um Jurgis ging. Mich hat mehr das Schicksal der ganzen Familie interessiert.
Der Litauer Jurgis wandert mit seiner Verlobten und deren Familie nach Amerika aus. Statt dem erhofften Reichtum findet die Familie nur Ausbeutung und Elend in den Schlachthöfen von Chicago. Der Roman verursachte 1906 einen Skandal und führte zur Einführung von Gesetzen von Lebensmittelreinheit. Jedoch gab es keine neuen Gesetze gegen die Ausbeutung der Arbeiter/innen. Was den Autor enttäuschte.

Es ist gar nicht so einfach diesen Text zu beginnen, die Gedanken zu „Der Dschungel“ von Upton Sinclair, ein Buch, dass mir von einer Kollegin empfohlen wurde und dass mich - basierend auf ihren Erzählungen - an die Buddenbrooks oder Hundert Jahre Einsamkeit erinnerte. Nach dem Lesen kann man sagen: Es ist kein Niedergang einer Familie in dem Sinne. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher, was es eigentlich ist. Nach den ersten 200 Seiten dachte ich an den Begriff „Torture-Porn“ von Parul Seghal. Der Fokus auf Leid und Schlimmem. Und damit spart Sinclair nun wirklich nicht. Nicht nur, was der Familie geschieht, sie werden über den Tisch gezogen, der Vater der Hauptfigur Jurgis verstirbt, Verletzungen und Ungerechtigkeiten geschehen, nein, im Prinzip ist jede Szene im Schlachthof ein Torture-Porn. Rinder die an Tuberkulose oder Cholera leiden, werden weiterverarbeitet, der Dreck vom Boden wird zusammengefegt und in irgendwelche Dosen gepackt, der bestialische Gestank und das unendliche Leid dieser Tiere. Die Arbeiter bekommen Erfrierungen, sie sterben an Blutvergiftungen, ihnen wird der Lohn gestrichen und sie sind der Willkür von Vorarbeitern ausgesetzt. Darüber hinaus geraten sie in eine Gesellschaft der Korruption und werden von allen Seiten in den Alkoholismus gedrängt. Es ist kaum auszuhalten. Und diese seitenlangen Beschreibungen erhalten ihren Höhepunkt, wenn Sinclair davon schreibt, dass all dies ja noch ertragbar gewesen wäre, wenn es nicht dieses oder jenes gegeben hätte und eine weitere Grausamkeit folgt. Lebe und lese ich also, um die Familie leiden zu sehen? Ich würde sagen nein. Ich lese ihren Überlebensversuch und hoffe mit ihnen, wobei ich gleichzeitig auch weiß, dass es vergeblich ist, zu eindeutig sind die Zeichen. Das familiäre Glück durch die Hochzeit von Ona und Jurgis geht vor die Hunde oder es kann sich gar nicht erst entwickeln wie bei Marija und einem Geiger, der sich in sie verliebt. „Aber er hatte sich verliebt und damit dem Schicksal einen Angriffspunkt geboten, auch ihn mit ins Unglück zu stürzen.“ Die beiden sparen auf eine Hochzeit hin, aber es passiert dieses und jenes, sodass das Unglück mit voller Kraft über sie hereinbricht. Der Geiger verliert einen Finger und kann seinem Beruf nicht mehr nachgehen und Marija arbeitet in einem Bordell und ist drogenabhängig. Es ist die Liebe zwischen Jurgis und Ona, die einen gewissen Ausbruch bietet. Daneben gibt es auch die Momente, in denen er trotz eines Problems beispielsweise seinen Sohn betrachten und glücklich sein kann. Aber keiner davon ist von Dauer. Am Ende an Omas Totenbett muss man selbst schlucken und kann genauso wenig weinen wie Jurgis. Ich war schon zu taub geworden. Das ist erst die Hälfte des Romans. Danach nimmt es an Tempo auf (Leben auf dem Land, Leben im Gefängnis, Arbeit in der Politik, das Stadtleben außerhalb der Fabriken), es geschieht vielmehr und trotzdem scheint die Luft auszugehen. Die inhärente politische Färbung tritt vollkommen zutage, als Jurgis den Sozialisten beitritt. Spätestens hier liest sich der Roman fast nur noch wie ein Flugblatt, man ergeht sich in Theorien und entfernt sich von der eigentlichen Geschichte. Zum Schluss ist es ein Pamphlet für den Sozialismus. Und jetzt? Was bleibt davon? Sicherlich der Schrecken und der Ekel. Die Hoffnung, auch wenn man weiß, dass sie vergebens war. Eigentlich könnte man auch sagen eine sozialistische Hoffnung, doch davon bin ich in meiner Zeit so weit entfernt, dass es sich wie ein Geschichtsbuch liest. Man bleibt etwas ratlos zurück, denn die Geschichte bleibt offen, ohne dass man sich weiter mit ihr beschäftigen wollen würde, man weiß nicht wohin mit seiner Trauer und man trägt zwar dieses oder jenes Zitat im Herzen, aber weiß nicht genau wieso. Immerhin ist man froh, dass dieser Roman in der Tat die realen Verhältnisse in solchen Schlachthöfen verbessert hat.
Book Information
Posts
Sinclair beschreibt gut die schrecklichen Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen. Die letzten 150 Seiten waren für mich nicht mehr so interessant, da es nur noch um Jurgis ging. Mich hat mehr das Schicksal der ganzen Familie interessiert.
Der Litauer Jurgis wandert mit seiner Verlobten und deren Familie nach Amerika aus. Statt dem erhofften Reichtum findet die Familie nur Ausbeutung und Elend in den Schlachthöfen von Chicago. Der Roman verursachte 1906 einen Skandal und führte zur Einführung von Gesetzen von Lebensmittelreinheit. Jedoch gab es keine neuen Gesetze gegen die Ausbeutung der Arbeiter/innen. Was den Autor enttäuschte.

Es ist gar nicht so einfach diesen Text zu beginnen, die Gedanken zu „Der Dschungel“ von Upton Sinclair, ein Buch, dass mir von einer Kollegin empfohlen wurde und dass mich - basierend auf ihren Erzählungen - an die Buddenbrooks oder Hundert Jahre Einsamkeit erinnerte. Nach dem Lesen kann man sagen: Es ist kein Niedergang einer Familie in dem Sinne. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher, was es eigentlich ist. Nach den ersten 200 Seiten dachte ich an den Begriff „Torture-Porn“ von Parul Seghal. Der Fokus auf Leid und Schlimmem. Und damit spart Sinclair nun wirklich nicht. Nicht nur, was der Familie geschieht, sie werden über den Tisch gezogen, der Vater der Hauptfigur Jurgis verstirbt, Verletzungen und Ungerechtigkeiten geschehen, nein, im Prinzip ist jede Szene im Schlachthof ein Torture-Porn. Rinder die an Tuberkulose oder Cholera leiden, werden weiterverarbeitet, der Dreck vom Boden wird zusammengefegt und in irgendwelche Dosen gepackt, der bestialische Gestank und das unendliche Leid dieser Tiere. Die Arbeiter bekommen Erfrierungen, sie sterben an Blutvergiftungen, ihnen wird der Lohn gestrichen und sie sind der Willkür von Vorarbeitern ausgesetzt. Darüber hinaus geraten sie in eine Gesellschaft der Korruption und werden von allen Seiten in den Alkoholismus gedrängt. Es ist kaum auszuhalten. Und diese seitenlangen Beschreibungen erhalten ihren Höhepunkt, wenn Sinclair davon schreibt, dass all dies ja noch ertragbar gewesen wäre, wenn es nicht dieses oder jenes gegeben hätte und eine weitere Grausamkeit folgt. Lebe und lese ich also, um die Familie leiden zu sehen? Ich würde sagen nein. Ich lese ihren Überlebensversuch und hoffe mit ihnen, wobei ich gleichzeitig auch weiß, dass es vergeblich ist, zu eindeutig sind die Zeichen. Das familiäre Glück durch die Hochzeit von Ona und Jurgis geht vor die Hunde oder es kann sich gar nicht erst entwickeln wie bei Marija und einem Geiger, der sich in sie verliebt. „Aber er hatte sich verliebt und damit dem Schicksal einen Angriffspunkt geboten, auch ihn mit ins Unglück zu stürzen.“ Die beiden sparen auf eine Hochzeit hin, aber es passiert dieses und jenes, sodass das Unglück mit voller Kraft über sie hereinbricht. Der Geiger verliert einen Finger und kann seinem Beruf nicht mehr nachgehen und Marija arbeitet in einem Bordell und ist drogenabhängig. Es ist die Liebe zwischen Jurgis und Ona, die einen gewissen Ausbruch bietet. Daneben gibt es auch die Momente, in denen er trotz eines Problems beispielsweise seinen Sohn betrachten und glücklich sein kann. Aber keiner davon ist von Dauer. Am Ende an Omas Totenbett muss man selbst schlucken und kann genauso wenig weinen wie Jurgis. Ich war schon zu taub geworden. Das ist erst die Hälfte des Romans. Danach nimmt es an Tempo auf (Leben auf dem Land, Leben im Gefängnis, Arbeit in der Politik, das Stadtleben außerhalb der Fabriken), es geschieht vielmehr und trotzdem scheint die Luft auszugehen. Die inhärente politische Färbung tritt vollkommen zutage, als Jurgis den Sozialisten beitritt. Spätestens hier liest sich der Roman fast nur noch wie ein Flugblatt, man ergeht sich in Theorien und entfernt sich von der eigentlichen Geschichte. Zum Schluss ist es ein Pamphlet für den Sozialismus. Und jetzt? Was bleibt davon? Sicherlich der Schrecken und der Ekel. Die Hoffnung, auch wenn man weiß, dass sie vergebens war. Eigentlich könnte man auch sagen eine sozialistische Hoffnung, doch davon bin ich in meiner Zeit so weit entfernt, dass es sich wie ein Geschichtsbuch liest. Man bleibt etwas ratlos zurück, denn die Geschichte bleibt offen, ohne dass man sich weiter mit ihr beschäftigen wollen würde, man weiß nicht wohin mit seiner Trauer und man trägt zwar dieses oder jenes Zitat im Herzen, aber weiß nicht genau wieso. Immerhin ist man froh, dass dieser Roman in der Tat die realen Verhältnisse in solchen Schlachthöfen verbessert hat.





