Briefwechsel 1908-1938
Buy Now
By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.
Description
Jung war es auch, der im selben Jahr Binswanger nach Wien zu seinem ersten Besuch bei Freud mitnahm. Im Gegensatz zur stürmischen und tragisch endenden Beziehung mit Jung entstand aus der ersten Begegnung zwischen Freud und Binswanger eine sich langsam entfaltende lebenslange Freundschaft. Ohne Zweifel erhoffte sich Freud von Binswanger vor allem den Brückenschlag von seinem Lebenswerk zur akademischen und zur Anstaltspsychiatrie. Zwar hat Binswanger tatsächlich die psychoanalytische Behandlungstechnik angewandt und in seiner Klinik etabliert. Aber er wurde nie ein Parteigänger der psychoanalytischen Bewegung. In erkenntnistheoretischer und anthropologisch-philosophischer Hinsicht schien ihm Freuds Lehre ergänzungsbedürftig. In Anlehnung insbesondere an die Phänomenologie Husserls, die Hermeneutik Diltheys und die Daseinsanalytik Heideggers bemühte sich Binswanger darum, die Psychoanalyse auf ein philosophisches Fundament zu stellen, und entwickelte schließ-lich eine eigene psychotherapeutische Richtung, die sogenannte »Daseinsanalyse«.
Freud, der zu Beginn der Freundschaft schon in der Reife der Lebensmitte stand, begleitete die Verselbständigung des viel Jüngeren mit väterlicher Aufmerksamkeit, respektvoller Toleranz, zuweilen freundlicher Skepsis und Kritik. An Binswanger gefielen ihm wohl insbesondere dessen Gelehrsamkeit und Takt: »Ganz abweichend von so vielen anderen haben Sie nicht zugelassen, daß Ihre intellektuelle Entwicklung, die Sie meinem Einfluß immer mehr entrückte, auch unsere persönlichen Beziehungen zerstöre, und Sie wissen nicht, wie sehr eine solche Feinheit dem Menschen wohltut.« Absichtslos, weil ursprünglich nicht für die Veröffentlichung bestimmt, widerlegen diese Briefe also den immer wieder erhobenen Vorwurff, Freud sei intolerant und despotisch gewesen.
Doch handelt die Korrespondenz nicht nur von fesselnden theoretischen Auseinandersetzungen über die Beziehung von Psychoanalyse und Philosophie, vom Gedankenaustausch zweier Ärzte, die einander Patienten überweisen, von Rede und Widerrede zweier Autoren, die zum jeweils jüngsten Werk die Stimme des anderen hören wollen, Sie ist auch ein zärtliches menschliches Dokument; denn die Schicksale der Familien - Geburt, Krankheit, Tod, aber auch Reiseerfahrungen - bilden ein anderes, gleichberechtigtes Hauptthema.
Book Information
Author Description
Sigmund Freud, geb. 1856 in Freiberg (Mähren); Studium an der Wiener medizinischen Fakultät; 1885/86 Studienaufenthalt in Paris, unter dem Einfluss von J.-M. Charcot Hinwendung zur Psychopathologie; danach in der Wiener Privatpraxis Beschäftigung mit Hysterie und anderen Neurosenformen; Begründung und Fortentwicklung der Psychoanalyse als eigener Behandlungs- und Forschungsmethode sowie als allgemeiner, auch die Phänomene des normalen Seelenlebens umfassender Psychologie. 1938 emigrierte Freud nach London, wo er 1939 starb.
Description
Jung war es auch, der im selben Jahr Binswanger nach Wien zu seinem ersten Besuch bei Freud mitnahm. Im Gegensatz zur stürmischen und tragisch endenden Beziehung mit Jung entstand aus der ersten Begegnung zwischen Freud und Binswanger eine sich langsam entfaltende lebenslange Freundschaft. Ohne Zweifel erhoffte sich Freud von Binswanger vor allem den Brückenschlag von seinem Lebenswerk zur akademischen und zur Anstaltspsychiatrie. Zwar hat Binswanger tatsächlich die psychoanalytische Behandlungstechnik angewandt und in seiner Klinik etabliert. Aber er wurde nie ein Parteigänger der psychoanalytischen Bewegung. In erkenntnistheoretischer und anthropologisch-philosophischer Hinsicht schien ihm Freuds Lehre ergänzungsbedürftig. In Anlehnung insbesondere an die Phänomenologie Husserls, die Hermeneutik Diltheys und die Daseinsanalytik Heideggers bemühte sich Binswanger darum, die Psychoanalyse auf ein philosophisches Fundament zu stellen, und entwickelte schließ-lich eine eigene psychotherapeutische Richtung, die sogenannte »Daseinsanalyse«.
Freud, der zu Beginn der Freundschaft schon in der Reife der Lebensmitte stand, begleitete die Verselbständigung des viel Jüngeren mit väterlicher Aufmerksamkeit, respektvoller Toleranz, zuweilen freundlicher Skepsis und Kritik. An Binswanger gefielen ihm wohl insbesondere dessen Gelehrsamkeit und Takt: »Ganz abweichend von so vielen anderen haben Sie nicht zugelassen, daß Ihre intellektuelle Entwicklung, die Sie meinem Einfluß immer mehr entrückte, auch unsere persönlichen Beziehungen zerstöre, und Sie wissen nicht, wie sehr eine solche Feinheit dem Menschen wohltut.« Absichtslos, weil ursprünglich nicht für die Veröffentlichung bestimmt, widerlegen diese Briefe also den immer wieder erhobenen Vorwurff, Freud sei intolerant und despotisch gewesen.
Doch handelt die Korrespondenz nicht nur von fesselnden theoretischen Auseinandersetzungen über die Beziehung von Psychoanalyse und Philosophie, vom Gedankenaustausch zweier Ärzte, die einander Patienten überweisen, von Rede und Widerrede zweier Autoren, die zum jeweils jüngsten Werk die Stimme des anderen hören wollen, Sie ist auch ein zärtliches menschliches Dokument; denn die Schicksale der Familien - Geburt, Krankheit, Tod, aber auch Reiseerfahrungen - bilden ein anderes, gleichberechtigtes Hauptthema.
Book Information
Author Description
Sigmund Freud, geb. 1856 in Freiberg (Mähren); Studium an der Wiener medizinischen Fakultät; 1885/86 Studienaufenthalt in Paris, unter dem Einfluss von J.-M. Charcot Hinwendung zur Psychopathologie; danach in der Wiener Privatpraxis Beschäftigung mit Hysterie und anderen Neurosenformen; Begründung und Fortentwicklung der Psychoanalyse als eigener Behandlungs- und Forschungsmethode sowie als allgemeiner, auch die Phänomene des normalen Seelenlebens umfassender Psychologie. 1938 emigrierte Freud nach London, wo er 1939 starb.



