Berliner Kommunistische Jugend

Berliner Kommunistische Jugend

Hardback
3.813

By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.

Description

Aus dem Russischen von Kristine Listau Mit einem Nachwort von Anita Leocádia Prestes „Es ist bereits halb elf. Jemand schlägt vor, ‚zusammen Eis essen zu gehen!‘ Alle sind einverstanden. Auf der Bergstraße gibt es ein kleines Café, wo eine Portion Eis zehn Pfennig kostet. Dorthin macht sich die ganze Bande auf. Das Eis ist herrlich! Doch es zieht ein Unwetter auf. Der Inhaber des Cafés bezahlt seine Angestellten zu niedrigeren Sätzen als nach Tarif. Als wir davon Wind bekommen, entscheiden wir, es zu boykottieren. Der Boykott dauert eine Woche, bis der Unternehmer aufgibt, weil er Angst hat, mit uns seine wichtigsten Kunden zu verlieren. Die Angestellten erhalten ihren Lohn nach Tarif, und wir suchen das Lokal wieder auf.“ Mit 21 Jahren schreibt dies Olga Benario in Moskau, wohin sie nach der aufsehenerregenden Befreiung von Otto Braun geflohen ist. Ihr Buch, das den Alltag der Kommunistischen Jugend Berlins beschreibt, erscheint 1929 in Moskau auf Russisch. Da es sehr wenig Literatur zur Organisation und Arbeitsweise des KJVD gibt und Olga Benarios Erzählungen über nächtliches Plakatieren, Spendensammlungen oder die Parteibüros so schön wie erkenntnisreich sind, ist dieses Buch ein wichtiges Zeugnis. Und nicht zuletzt wird der ganz eigene Ton Benarios, der zwischen Stolz und Selbstironie changiert, alle Leser*innen begeistern.

Book Information

Main Genre
Specialized Books
Sub Genre
History & Archaeology
Format
Hardback
Pages
120
Price
18.50 €

Author Description

Olga Benario wurde 1908 als jüngstes Kind einer jüdisch-sozialdemokratischen Anwaltsfamilie in München geboren. Mit 15 Jahren schloss sie sich der Kommunistischen Jugend an, 1925 ging sie mit Otto Braun nach Berlin, wo sie für den KJVD in Berlin-Neukölln und für die KPD arbeitete. Braun, wegen Hochverrat angeklagt, wurde von Benario und Genossen aus dem Moabiter Gericht befreit. Sie flüchteten nach Moskau, wo sie eine militärische Ausbildung bekam, infolge derer sie als Komintern-Agentin tätig war. 1936 wurde sie in Brasilien mit Luís Carlos Prestes verhaftet und, obwohl schwanger, nach Nazi-Deutschland ausgeliefert. In der Haft kam ihre Tochter Anita Leocádia Prestes zur Welt, die – nach einer weltweiten Kampagne für ihre Befreiung – 1938 an die Schwiegermutter übergeben wurde. Olga Benario wurde 1942 in der NS-Tötungsanstalt Bernburg ermordet.

Posts

4
All
3.5

Engagierte Jugend mit radikaler Gesinnung

Olga Benario war eine kämpferische Natur. Nachdem ihr Vater, ein sozialdemokratischer Anwalt, ihr Anwaltsakten über verurteilte Linke zu lesen gab, prägte das ihre politische Weltanschauung maßgeblich. Sie zog später mit ihrem Lebensgefährten von München nach Berlin und arbeitet dort für die kommunistische Jugend und die KP. Sie wurde später des Hochverrats angeklagt, kam mehrfach ins Gefängnis und wurde 1936 hochschwanger später in Brasilien verhaftet und nach Deutschland überführt. Sie starb 1942 in der Tötunganstalt Bernburg Ihre Notizen über die Arbeit der kommunistischen Jugend Berlins verfasste sie in der Sowjetunion. Ihr war es wichtig, dass die Kommunisten erfuhren, wie engagiert junge Leute mit roter Gesinnung in Berlin arbeiten. Die kleinen Kapitel sind im Plauderton gehalten und beschreiben sehr plastisch wie Agitation und Strukturen der KJ funktionierten. Die revolutionäre Haltung kommt dabei sehr deutlich zum vor Stein. Mit großem Ernst haben die jungen Leute Plakate geklebt, Versammlungen abgehalten oder gesprengt, Demonstrationen organisiert. Gegenüber Sozialdemokraten und Faschisten grenzt man sich klar ab. Die Sowjetunion hingegen wird als großes Vorbild schützenswert dargestellt Neben der Ernsthaftigkeit sind die Texte mit einem kämpferischen und bisweilen ironischen Humor gespickt. Sie wirken oft Tagebuch ähnlich. Olga Benario war vom Kommunismus überzeugt, das merkt man in jedem Satz. Das Büchlein ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das die Tatkraft junger Menschen für eine gerechtere Gesellschaft festhält, aber auch deutlich macht, dass diese vor gewaltsamen Mitteln nicht zurückgeschrecken. Die zahlreichen Abbildung verleihen ihnen ein Gesicht. Es erschien erstmals 1929 in russischer Übersetzung. Das Original Manuskript ging verloren und wurde jetzt wieder ins Deutsche übersetzt. Das Vorwort stammt von Olga Binario Tochter Anita Leocàdia Prestes die in Brasilien lebt

3

An sich nicht besonders spannend, aber als Zeitzeugnis sehr interessant 👌🏻

4

Benarios kurzweilige Erfahrungsberichte sind ein wichtiges, persönlich-historisches Zeitzeugnis und man muss dem Verbrecher Verlag und der Übersetzerin Kristine Listau sehr dafür danken, dass diese nun erstmals in deutscher Fassung veröffentlicht wurden. Sie geben einen seltenen Einblick in das Wesen und die Kämpfe der kommunistischen Jugend in Berlin in den 1920er Jahren.

“Es ist rührend zu sehen, wie klapprige alte Damen mit zitternder Hand eine Münze [in unsere Geldbüchse] hineinwerfen. Ihr ganzes Leben haben sie an Gott geglaubt, ihnen geholfen hat er allerdings nicht. Jetzt folgen sie den Kommunisten, sie sind ihre letzte Hoffnung.” (Benario 2024, S. 41) Nach der Befreiung von Otto Braun aus der Haft in Moabit und ihrer Flucht nach Moskau, hat Olga Benario 1929 mit gerade einmal 21 Jahren, ihre Erfahrungen über Alltag und Organisation der Berliner kommunistischen Jugend, insbesondere die des Jugendverbands der KPD in Berlin-Neukölln, niedergeschrieben. Diese wurden im selbigen Jahr ins Russische übersetzt und sollten den Sowjets Einblick in die Arbeit deutscher Kommunist*innen geben, die in der Weimarer Republik mit staatlichen Repressionen und Widerständen zu kämpfen hatten: Durch Faschisten, durch das Bürger*innentum, durch Verwaltungen, durch sozialdemokratisch geführte Gewerkschaften, aber auch schlussendlich durch staatliche Exekutivorgane, namentlich durch den Berliner Polizeipräsident Karl Zörgiebel (SPD) und durch die Berliner Polizei, die zur brutalen Niederschlagung von Arbeiter*innen-Proteste gegen Polizeigewalt am 02. Mai 1929 führten - bekannt als “Blutmai”. Damit enden Benarios Schilderungen, ihre Erlebnisse sind also sehr unmittelbar danach schon veröffentlicht worden. Es ist nicht die einzige Perspektive, die in den Berichten aufgemacht wird. In meist agitatorischer Art erfahren Leser*innen, wie Plakatierungen, wie Mobilisierungen, wie Demonstrationen, wie Solidarität mit politischen Gefangenen, aber auch wie die Abwerbung von unzufriedenen Oppositionellen in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SPD-naher Jugendverband) funktionieren. Benarios Beschreibungen über Veranstaltungen, Aktionen und Organe der KPD sind kurzweilig und locker und ich hab mich immer wieder dabei erwischt, wie ich über einzelne Passagen schmunzeln musste. Mein persönliches Highlight war das zweiseitige Kapitel “Rote Radler”: Genauso schnell wie die Kommunist*innen im Block für Verteilung von Flugblättern und kollektiven Skandierungen und Gesängen da waren, waren sie auch schon wieder weg - bevor die Polizei überhaupt etwas gegen diese verbotene Agitation unternehmen konnte. In der abschließenden editorischen Notiz des Verlags zum Buch wird darauf verwiesen, dass die Besonderheit in Benarios Werk auch darin liegt, dass es aus der kommunistischen Jugend generell wenige Erfahrungsberichte gebe. Das ergibt sich tragischerweise auch daraus, dass viele, die in den 1920er Jahren in kommunistischen Jugendbewegungen aktiv waren, die Zeit danach nicht überlebt haben, da sie entweder von den Nazis oder zur Zeit Stalins verfolgt und ermordet worden sind (vgl. Benario 2024, S. 124f.). Benario wurde 1942 in der NS-Tötungsanstalt Bernburg ermordet, blieb bis zuletzt aber widerständig. Benarios Erfahrungsberichte sind ein wichtiges, persönlich-historisches Zeitzeugnis und man muss dem Verbrecher Verlag und der Übersetzerin Kristine Listau sehr dafür danken, dass diese nun erstmals in deutscher Fassung veröffentlicht wurden. Auch wenn natürlich klar ist, dass linke und kommunistische Strömungen mitnichten ein harmonisches Mit- und Nebeneinander in der Weimarer Republik pflegten, wie man es vielleicht aus dem Buch herauslesen könnte.

4.5

Extrem Interessant und sowohl historisch beeindruckend als auch aktuell

Create Post