Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist

Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist

Hardback
3.85
ErinnerungDdr-FluchtWesternAufwachsen

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Description

Für Karsten Leiser ist es nicht Sommer, wenn es nicht nach Kamille riecht, sind Pappeln keine Pappeln, wenn sie nicht an einem Kanal stehen, sind Straßen keine richtigen Straßen, wenn es keine Chausseen sind. In einer schlaflosen Nacht erzählt er seiner Freundin Vera, warum das so ist: Seine Landschaft ist immer die Landschaft seiner Kindheit geblieben, die er eines Morgens für immer verlassen musste. »Sieh dir alles genau an, weil du es nicht wiedersiehst«, sagt die Mutter am Vorabend ihrer Flucht aus der DDR zu dem Jungen. Und Karsten prägt sich alles ein und kehrt nun jedes Mal, wenn sich der besagte Tag jährt, zu seinen Erinnerungen zurück. Ganz gleich, wie weit er als Reisejournalist reist, in wie vielen Hotels er übernachtet, um die entscheidende erste Nacht im Hotel ungeschehen zu machen, die Vergangenheit holt ihn immer wieder ein, wie jener lederne Koffer von damals, den er einfach nicht loswird. In dem schlanken, überaus kunstvollen Roman »Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist« legt Gert Loschütz, der große Vergangenheitsergründer der deutschen Gegenwartsliteratur, unerschrocken die Wut und Verzweiflung eines Mannes frei, dem jeder Mittelpunkt genommen wurde.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
208
Price
22.70 €

Author Description

Gert Loschütz, 1946 in Genthin geboren, hat Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Theaterstücke und Filmdrehbücher geschrieben und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ernst-Reuter-Preis und dem Rheingau Literatur Preis. Mit Dunkle Gesellschaft stand er 2005 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, und seine Romane Ein schönes Paar (2018) und Besichtigung eines Unglücks (2021) wurden ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert. Besichtigung eines Unglücks wurde mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2021 ausgezeichnet. 2025 erhielt er den Günter Grass-Preis der Stadt Lübeck für sein Lebenswerk. Der Autor lebt mit seiner Familie in Berlin.

Posts

3
All
5

Das Buch weckte in mir eine tiefe, altbekannte Sehnsucht nach den vertrauten Orten der Kindheit. Wunderbar poetisch geschrieben, ich habe es sehr genossen.

4

Gert Loschütz gelingt mit seiner „Ballade, vom Tag, der nicht vorüber ist“ ein kleines Kabinettsstückchen. Er legt einen Roman vor, der in seinen Deutungsmöglichkeiten so komplex wie ein Gedicht ist, spielt in seiner Erzählführung immer wieder auf die im Titel geführte Balladenstruktur an und fordert den Leser so unablässig zu Interpretation und Mitdenken auf. Die Geschichte ist kurz skizziert: der Protagonist Karsten floh als Kind mit seiner Mutter aus der DDR in den Westen. Der Tag der Flucht hat sich als lebensveränderndes Moment in seine Erinnerung eingebrannt, mehr Trauma als Befreiung, sodass der Erzähler unfähig ist, sich dieses Ereignisses zu entledigen, es emotional loszulassen und sich der Zukunft zuzuwenden. Stattdessen wird sein Leben von Rückblenden, Heimatverlust, Heimatsehnsucht und Unrast geprägt – ein glückliches, erfülltes, konstantes Dasein ist im langen Schatten der unerreichbaren geliebten und auch glorifizierten Heimat nicht möglich. Inhaltlich sollte man keine allzu hohen Erwartungen haben: der Roman bietet keinen spannenden Plot, die sich auf verschiedene Schauplätze aufspaltende Handlung gleicht eher fragmentarischen Episoden, deren Zusammenhang durch das Motiv des Heimatverlusts hergestellt wird. Damit man sich zwischen den unterschiedlichen Settings nicht verliert, nimmt Loschütz bei Orts- und Zeitwechseln den Faden des letzten vorangegangenen Moments in dieser Umgebung wieder auf. Dies gelingt ihm ausgezeichnet, denn es entsteht nicht der Eindruck von Wiederholung, sondern eher von spiralenhaftem Erzählen mit deutlichen Reminiszenzen an den Refrain, den man von Balladen kennt. Auch mit den Figuren kann man sich in der „Ballade“ schwertun: der Protagonist ist ein unzuverlässiger, inaktiver, leidender Erzähler, dem man in seinem ganzen Weltschmerz nicht allzu viel Sympathie entgegenzubringen vermag. So wie er nicht fähig ist, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen, gelingt es ihm auch nicht in Bezug auf den Leser. Tatsächlich schwebt man immer wieder am Rand des Überdrusses im Angesicht dieser konsequenten Rückwärtsausrichtung. Allerdings ist der Roman trotzdem ein sehr lohnenswerter, denn Loschütz spielt virtuos mit Andeutungen, Anspielungen, Hinweisen, Motiven und Symbolen. In fast jeder Passage verbirgt sich ein Subtext, der das Konzept „Heimat“ umreißt und Ansichten zu „Heimatverlust“ transportiert. Sprachlich ist der Roman außerordentlich gelungen, atmosphärisch auf den Punkt mit zahlreichen treffenden Formulierungen. So entsteht ein sehr anspruchsvoller, höchst fordernder und sehr dichter Text, der in seinen Deutungsmöglichkeiten der Lyrik gleichkommt. Wer Freude am Spiel der Interpretation hat, kommt hier voll auf seine Kosten.

5

Lebenstrauma Flucht „Nur der Flüchtende kann den Schwindel der Freiheit aufspüren.“ (Reiner Klüting) Ehrlicherweise habe ich bei dem Titel „Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist“ von Gert Loschütz (Erstveröffentlichung: 1990, damals unter dem Titel „Flucht“, jetzt Neuauflage im Verlag Schöffling & Co.) zunächst an eine Art literarisches „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gedacht. Nun – damit würde ich (nach der Lektüre) aber niemandem einen Gefallen tun, darum sei mir mein kleiner Gedanken-Faux Pas schnell verziehen und vergessen *g*. Gert Loschütz lässt den Ich-Erzähler Karsten die Geschichte (s)einer Flucht – zunächst von einen Tag auf den anderen aus der DDR – und dann von seiner (lebenslangen) Flucht vor den Jahrestagen ebenjener erzählen. „Sie brachten uns in ein Hotel. Ich habe dir erzählt, daß es das erste Hotel war, in dem ich übernachtet habe, und daß vielleicht alle anderen, die unzähligen, die ihm später gefolgt sind, nur dem einen Zweck gedient haben, dieses erste ungeschehen zu machen, wie auch die Reisen, ja, mein Beruf diesem einen Zweck gedient haben mochten, die erste Reise über die Grenze durch unendliche Wiederholung auszulöschen.“ (S. 66) Dabei geht der Autor nicht unbedingt stringent vor; zunächst sind es Schlaglichter von Dingen, die Karsten (von Beruf Reisereporter) an diesem Tag erlebt, gelesen etc. hat. Erst später wird daraus eine erkennbare Struktur von Rückblicken, Anekdoten (manche der Geschichte zuträglich und weiter ausgebaut, manche „sich im Sande verlaufend“) und Selbstreflektion – wenn auch (für Außenstehende) eher unkritisch, was ihm (zum Ende hin) auch von seiner (Ex-)Freundin zum Vorwurf gemacht wird „Dieses Rückwärtsgucken, dieses Nichtdrüberwegkommenwollen […]. Neigte dazu, sich abzukapseln, fremd zu tun, der Nebendirmensch. Was ich sagte, drehte er rückwärts. Wußte: so verlier ich ihn, wie vor mir andere, an eine Chimäre, der er den Namen seiner Geburtsstadt gegeben hat, an eine Verbitterung, die grundlos ist, an den Maulwurf, den er Erinnerung nennt. (S. 192/ 193). Nun, grundlos ist für den Erzähler die Verbitterung bestimmt nicht, aber für Außenstehende, die nicht Teil einer Flucht waren bzw. sind, ist es leicht zu sagen „Irgendwann ist auch mal gut mit Trauma, man muss auch loslassen können.“ Das als kleinen Denkanstoß zwischendrin. Sprachlich agiert Gert Loschütz auf einem überragend hohen Niveau – ich habe schon lange nicht mehr so viele Stellen, die von Metaphern, Wortspielereien und –neuschöpfungen strotzen, markiert. Das Ganze ist von einer intensiven und tiefen Melancholie durchzogen, die dem ein oder der anderen evtl. auch zu viel des Guten sein kann. Wie gut, dass Geschmäcker und Empfindungen verschieden sind! Für mich steht fest, dass ich nach diesem überaus gelungenen Erstkontakt mit dem Autor alle weiteren Werke von Gert Loschütz lesen werde, um mich wieder von der Sprache be- und verzaubern zu lassen. Ganz klare 5* und eine absolute Leseempfehlung! ©kingofmusic

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