Am Ende der Kleinigkeiten

Am Ende der Kleinigkeiten

Hardback
4.310

By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.

Description

Irma will raus aus den Rollen, die andere ihr zuschreiben – ein warmherziger, emotionaler und kraftvoller Roman über den Mut zum Neuanfang, kämpferische Mutterschaft und die Suche nach der eigenen Stimme.

Vor ihrer Mutter nach Berlin geflüchtet, strandet die junge Irma vor dem Theater. Dass sie bald schon auf der Bühne steht, hat sie nicht zu hoffen gewagt. Der Alltag am Theater ist weniger glamourös als erwartet, und doch aufregend anders als die alternative Siedlungsgemeinschaft, in der die vaterlose Irma aufgewachsen ist. Da ist die Star-Schauspielerin Blanda, Helene, die Irma bei sich aufnimmt, und der exzentrische Regisseur Taron Capla, der ihr eine wichtige Chance gibt. Irma stolpert durch die Dramen auf und hinter der Bühne, während sie von ihren Erinnerungen eingeholt wird. Die schmerzlichste ist jene an ihre Mutter, ihr warmes Strahlen, ihre kalte Verachtung. Als Irma ihre Rolle so zu sprechen beginnt, wie ihre Mutter sie gesprochen hätte, erntet sie von allen Seiten Applaus. Und doch wird klar: Sie muss aufhören, ihr Leben nur zu spielen, und den Fluch brechen.

Franziska Hauser schreibt über das, was Mütter und Töchter, Freiheit und Abhängigkeit, den Einzelnen und die Gemeinschaft verbindet und abstößt – und über all die schönen und schrecklichen Kleinigkeiten dazwischen. Mit viel Witz und in direktem Ton umarmt sie ihre Figuren und fordert sie heraus, sich zu zeigen. Ein Roman über Wunden, die nie heilen, und Wunder, die trotzdem passieren.

»Hier werden keine Kleinigkeiten verhandelt. Hier wird von Gewalt und Mutterschaft, von Hingabe und Demütigung erzählt. Und dabei gelingt Franziska Hauser etwas Unglaubliches: Zwischen all das setzt sie behutsam ein Mädchen, das zur Frau wird. So durchlässig, dass sie mir das Herz öffnet. Ich darf mit Irma wachsen und heilen. Ich liebe diese Irma. Ich liebe dieses Buch!« Maren Wurster

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
352
Price
26.80 €

Author Description

Franziska Hauser, 1975 in Berlin-Pankow geboren, studierte an der Kunsthochschule Weißensee und an der Ostkreuzschule für Fotografie. Auf ihren Debütroman »Sommerdreieck« folgte 2018 »Die Gewitterschwimmerin«, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Nach ihren Romanen »Die Glasschwestern« und »Keine von ihnen« gab sie zusammen mit Maren Wurster die im Frühjahr 2025 in der FVA erschienene und viel beachtete Anthologie »Ost*West*frau*« heraus. Franziska Hauser hat zwei Kinder und lebt teilweise in Berlin.

Posts

4
All
5

Sternebewertung fiktiv

Irma wächst als Kind in einer Art Kommune auf, ein freies Leben auf einem Hof, geprägt von wechselnden Partnern ihrer Mutter und einem Alltag ohne feste Strukturen. Während ihre Tante ein klassisches Familienleben führt, bleibt Irma lange ohne klare Wurzeln. Sie weiß nicht einmal, wer ihr Vater ist, doch zwei Männer aus dem Umfeld ihrer Mutter, Roland und Bert, geben ihr zumindest ein Gefühl von Zugehörigkeit. Noch keine fünfzehn Jahre alt, verlässt Irma den Hof und geht in die Stadt. Dort findet sie zunächst Unterschlupf bei einer Theaterarbeiterin und beginnt früh, ihr eigenes Leben aufzubauen. Die Arbeit am Theater wird zu einem neuen Kapitel –und zugleich zu einer Suche nach sich selbst. Beziehungen entstehen, Gefühle werden kompliziert, und bald findet sich Irma in einer nicht wirklich harmonischen Beziehung wieder. Als sie schwanger wird, entscheidet sie sich bewusst für das Kind, auch ohne dass der Vater bleibt. Mit ihrem Sohn Kolja wächst in ihr die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einem Ort, der sich wie Familie anfühlt. Die Rückkehr aufs Land bringt keine einfache Lösung. Vieles hat sich verändert, die Mutter ist nicht mehr da, doch Roland und Bert nehmen sie wieder auf. Irma erkennt, dass nicht der Ort über Zugehörigkeit entscheidet, sondern die Menschen, die man zu seiner Familie macht. Ich habe schon „Gewitter schwimmen“ von Franziska Hauser sehr gern gelesen, ein Buch, das mir lange im Gedächtnis geblieben ist. Auch „Am Ende der Kleinigkeiten“ hat mich überzeugt: realistisch, ehrlich und nah am Leben erzählt. Die Figuren wirken greifbar, die Situationen könnten jedem von uns begegnen. Genau diese Echtheit macht den Roman für mich so besonders. Ein stiller, intensiver Roman über Aufbruch, Mutterschaft, Zugehörigkeit und die Suche nach einem Platz im Leben, leise erzählt und doch lange nachwirkend.

4

Das Theater, die Bühne - was für eine fremde Welt. Irma verschlägt es vielleicht aus Zufall, vielleicht weil es so kommen musste, an diesen Ort, der für Jahre ihre neue Heimat werden soll. Nicht weniger fremd ist mir der Ort, an dem Irma ihre Kindheit verbracht hat. Ihre Mutter ist als junge Frau in entgegengesetzte Richtung aus der Stadt aufs Land geflüchtet, um dort mit Gleichgesinnten eine Kommune zu gründen. Irma ist das erste Kind, das dort geboren wurde. All das bildete einen breiten und spannenden Rahmen für ein toxische Mutter-Tochter-Beziehung. Eine Beziehung aus der Irma, die Tochter bereits als Teenager flieht und deren Folgen sie sich doch nicht so leicht entziehen kann. Denn diese Beziehung wird nicht die einzige toxische in ihrem Leben bleiben. Es tut an manchen Stellen regelrecht weh, Irma zuzuschauen, sie ratlos und leidend zu sehen. Andererseits geht einem das Herz auf, wenn sie sich wieder ein Stück frei strampelt und langsam ihren Weg findet. Obwohl die beiden Lebenswelten der Hauptprotagonistin mir so fremd sind, kommt sie mir nahe, bleibt mir nicht fremd. Hauser erzählt ihre Figuren ohne großen Pathos. Selbst die herrische Mutter bekommt das Ruder nie ganz in die Hand und die schillerndsten Theatermenschen stehen nie ganz im Licht. Wie liebevoll sie viele Charaktere erzählt, ist mir besonders bei Irmas Eventualvätern aufgefallen. Unter dem Erzählten verbergen sich hier und da unauffällig allegorische Bezüge, die zwar durchschimmern, sich aber nicht aufdrängen. Ich finde, man kann diese mitdenken, muss es aber nicht. Auch ohne über zusätzliche Deutungsebenen nachzudenken, gibt der Roman eine runde Lektüre ab. Mir persönlich waren sie nicht wichtig. Ich habe bereits zwei andere Romane der Autorin sehr gerne gelesen und auch hier trifft sie wieder einen Erzählton, dem ich gerne zugehört habe. Ich mag, wie sie das Fremde nah erzählt.

4.5

Ein Leben zwischen Hof und Bühne

Hätten meine Eltern mich gelassen, wäre ich auf eine Schauspielschule gegangen. Doch sie wollten für ihre Tochter lieber etwas mit mehr Sicherheit und da eine Theaterakademie bezahlt werden muss und mir die Mittel dazu fehlten ist dieser Traum geplatzt. Nach der Lektüre dieses Buches bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich traurig darüber sein sollte. Irma wächst in „Zeugland“ auf, einem Bauernhof auf dem Allen alles und Niemandem etwas gehört. Ihre Mutter ist total durchgeknallt. Sie behandelt ihre Tochter, wie das größte Hassobjekt das ihr im Leben begegnet ist. Sie beschimpft sie, macht sie verantwortlich für Dinge, die sie getan und die sie definitiv nicht getan hat. Sie kritisiert ihre Äußerlichkeiten und lässt ungefiltert Mutmaßungen auf das Kind los. Gaslighting, Verwahrlosung und das Erziehungsprinzip „Liebesentzug“ sind hier an der Tagesordnung. Irma reagiert wie Kinder es oft tun, sie fügt sich in ihr Schicksal. Wären da nicht Roland und Bernd, potentielle Väter, so wäre ihre Kindheit sehr lieblos gewesen. So ist sie knapp 15, als die Mutter sie herauskomplimentiert. Irma landet am Theater, sie rutscht da irgendwie so rein. Genauso rutscht sie in eine Wohngemeinschaft mit einem älteren Mann, der ihr Agent wird, sie rutscht in die nächste Beziehung mit einem Regisseur, und sie rutscht in eine Schwangerschaft. Anders kann man das nicht beschreiben – irgendwie ist es irgendwann einfach so. Nur die Freundschaft zu Blanda scheint in ihr Gefühle auszulösen, die tiefer gehen als alles andere. Ihr Leben aber bleibt prekär, sowohl sozial, mental als auch finanziell. Das Theatermilieu ist ein hartes Pflaster. Ich habe das schon immer geahnt. Berufliche Unsicherheit geht einher mit psychischer Labilität. Wer sich auf der Bühne so verausgabt, braucht nach der Show etwas, um runterzukommen oder das Level zu halten. Das zerrt an Geist und Körper. Irma hat mir imponiert, denn obwohl sie sozial extrem abrutschen könnte, schafft sie es irgendwie das Level zu halten. Ausgenutzt und am Rande des Existenzminimums hat sie sich ausreichend Resilienz erhalten, ein Kind auf die Welt zu bringen, zu lieben und dafür sorgen zu wollen. Dass sie dabei manchmal auf bürokratische Hürden stößt, hat mich wirklich wütend gemacht. Wie kann man Menschen nur so alleine lassen! Fassungslos war ich über die Mutter und ich kann nur hoffen, dass diese Geschichte erfunden ist. Ich befürchte aber, dass es ein Vorbild dafür gab. Franziska Hauser hat einen sehr besonderen Erzählstil, der mich in seinen Bann geschlagen hat. Seite um Seite baut sich eine, auf mehreren Ebenen erzählte, Geschichte auf, die besonders ist und mich in eine Welt entführt hat, die mich fasziniert und gleichzeitig abstößt. Es gibt schon Liebe in diesem Buch, aber in letzter Konsequenz wird sie nicht gelebt. Es gab aber auch sehr anrührende Szenen, die mir die Kehle zu geschnürt haben. Die Autorin hat mit ihrem Roman starke Emotionen bei mir hervorgerufen. Ein Buch, das so etwas kann, muss empfohlen werden und so tue ich das, vor allem den Leser*innen, die es auf oder vor die Bühnen der Welt zieht und die auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff sind.

4

„Ich würde das Muttersein für Kolja lernen müssen, weil in mir kein Vorbild dafür angelegt war.“ (S. 23) Irma kennt ihre Mutter nur wütend, zynisch, ungeduldig und voller Kritik. Jeden Satz bekommt sie um die Ohren gehauen: falsche Worte, zu viele Worte, dumme Fragen, dumme Antworten. Wie sie es auch macht, ihrer Mutter kann Irma es nie recht machen. Mit ihr lebt sie in einer großen Kommune – einem Ort, an dem die Grenzen zwischen Gemeinschaft und Privatsphäre fließend bis nicht existent sind, zwischen ideellen Ansprüchen und gelebter Enge. Als sie fünfzehn ist, findet Irma einen Weg hinaus aus diesem Leben, hinein in die große Stadt. Mit ihren sieben Sachen und einem Pfund Naivität im Gepäck landet sie vor dem Theater. Auf den Brettern der Bühne findet Irma nicht nur Zuspruch und Applaus, sondern auch ein bislang unbekanntes Selbstbewusstsein. All ihre Verachtung, die Wut über ihre Mutter, die Sprachlosigkeit ihrer Kindheit – sie in eine Rolle zu legen, wird zu einem beinahe therapeutischen Akt. Das Theater wird zum Experimentierfeld für Identität: Wer bin ich, wenn ich jemand anderes spiele? Und wer bleibt übrig, wenn der Vorhang fällt? Doch erneut wird Irma Teil einer Gemeinschaft. Wieder gibt es Rollen, Hierarchien, unausgesprochene Erwartungen. Was zunächst wie Befreiung wirkt, entpuppt sich als ambivalentes Geflecht aus Nähe und Abhängigkeit. Auch hier scheint die Währung, mit der Freundschaften, Partnerschaften und Zugehörigkeit bezahlt werden, eher einem Tauschgeschäft zu gleichen – ohne Vertrag, ohne echte Verbindlichkeit. Für Irma wird klar, dass Abgrenzung nicht automatisch Autarkie bedeutet. Es geht nicht darum, Brücken abzubrechen, sondern die eigenen Mauern einzureißen. Eine Mauer, die wir vielleicht alle kennen: „Auf der Mauer stand: Ich kann alles alleine.“ (S. 340) Als Irma selbst Mutter wird, verschiebt sich der Fokus noch einmal. Was bedeutet Mutterschaft, wenn das eigene Mutterbild von Kälte und Kritik geprägt ist? Kann man anders handeln, als man es erfahren hat? Und vor allem: Können wir Rollen einfach ablegen und in neue schlüpfen – oder tragen wir sie immer in uns weiter? "Am Ende der Kleinigkeiten" von Franziska Hauser ist ein hoch emotionaler Roman über Mutter-Tochter-Verstrickungen, über das Erbe von Verletzungen und über die Suche nach einer eigenen Identität. Dabei zeichnet die Autorin ein Ensemble, das reichlich Wiedererkennungspotenzial bietet – nicht nur in familiären Konstellationen, sondern auch in den Dynamiken von Wahlverwandtschaften.

Create Post