Grenzgänge

Grenzgänge

Hardback
4.26
Shootingstar Internationale LiteraturIdentitätSasa StanisicFreiheit

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Description

Von Anfang an hasst er das, was er nicht sein kann. Im politischen Chaos Tiranas aufgewachsen, treibt Bujar nach dem Tod des Vaters durch eine Welt sich auflösender Grenzen: Auf seiner Odyssee quer durch Europa über New York bis nach Helsinki geht es ihm irgendwann nicht mehr um das Ankommen. Es geht ihm um die Freiheit, alles zu sein. Bujar ist Mann, ist Frau. Er liebt Frauen, er liebt Männer. Bujar verwandelt sich, er wird verletzt und verstoßen. Nur im Erzählen scheint er einen Ort zu finden, an dem alles gleichzeitig sein darf: in einer Geschichte, die keine Grenzen kennt, überbordet und ausufert. In einer Geschichte von Liebe und Verlangen, von den Möglichkeiten der Scham, des Schmerzes und des Sterbens – mythenreich, brutal und von intensiver Schönheit.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
320
Price
22.70 €

Author Description

Pajtim Statovci, geboren 1990, ist ein finnisch-kosovarischer Schriftsteller. Mit zwei Jahren zog er mit den albanischen Eltern aus dem Kosovo nach Finnland. Er lebt in Helsinki und hat Vergleichende Literaturwissenschaft studiert. Statovci wird als Shootingstar und großer europäischer Autor von der internationalen Kritik euphorisch gefeiert, sein Werk ist vielfach ausgezeichnet. Für den Roman »Meine Katze Jugoslawien« erhielt er gemeinsam mit seinem Übersetzer Stefan Moster den Internationalen Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität von Helsinki.

Posts

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All
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Literarisches Meisterwerk

Ich liebe die Bücher von Pajtim Statovci. Man lernt super viel über Albanien und Kosovo. In Grenzgänge geht es um eine genderfluide Person, die ihren Platz in der Welt finden will. Keine leichte Kost und keine einfachen Antworten. Regt zum Nachdenken an.

4

Ein literarisch beeindruckender, harter Roman über Identität, Migration und die Sehnsucht, einfach zu sein

Eine Odyssee durch Europa – und durch alle möglichen Identitäten Inhaltswarnung vorweg: Das Buch behandelt sexualisierte Gewalt, Prostitution, Migration, Trauma und die Verletzlichkeit queerer Identitäten. Wer dabei empfindlich reagiert, sollte das im Hinterkopf behalten. Tirana, 1990er Jahre. Albanien stürzt nach dem Ende der jahrzehntelangen Diktatur ins Chaos. Bujar wächst in dieser zerfallenden Welt auf. Sein Vater stirbt, die Mutter ist überfordert, die Schwester verschwindet aus der Erzählung. Übrig bleibt Bujar und seine Freundin Agim, ein Junge, der weiß, dass er eigentlich ein Mädchen ist. Gemeinsam beschließen sie, die Heimat zu verlassen. Was nach Albanien folgt, ist eine Odyssee durch Europa und Amerika. Statovci verschränkt zwei Erzählstränge: Bujars Kindheit und Jugend in Albanien einerseits, seine Wanderung als Erwachsener von Italien über Berlin, Madrid, New York bis nach Helsinki andererseits. Auf dieser Wanderung erfindet er sich immer neu, mit neuen Namen, neuen Biografien, neuen Geschlechtern. Aus jedem Ort, an dem er auftaucht, geht er anders heraus. Es geht ihm irgendwann nicht mehr ums Ankommen. Es geht ihm darum, alles sein zu dürfen. Pajtim Statovci schreibt mit einer Wucht, die selten ist. Seine Sätze können brutal sein, dann wieder von einer beinahe poetischen Zärtlichkeit. Was mich besonders fasziniert: Er erzählt eine zerklüftete Geschichte in einer Sprache, die ihr formal entspricht – fragmentarisch, sprunghaft, mit plötzlichen emotionalen Tiefen. Bemerkenswert: Statovci ist mit zwei Jahren aus dem Kosovo nach Finnland gekommen und schreibt auf Finnisch, nicht in seiner ersten Muttersprache. Die deutsche Übersetzung von Stefan Moster ist eine echte Leistung, denn sie überträgt diese sprachliche Doppelung aus finnischer Strenge und balkanischer Atmosphäre erstaunlich präzise. Wer skandinavische Literatur in guter Übersetzung liebt – Karl Ove Knausgård, Sara Stridsberg, Jonas Hassen Khemiri – wird auch hier abgeholt. Statovci verschränkt zwei Zeitebenen: Bujars albanische Vergangenheit als Kind und Jugendlicher mit seiner erwachsenen Wanderung durch Europa und die USA. Diese Verschränkung funktioniert hervorragend, weil sie eine literarische Form für ein psychologisches Phänomen findet: Trauma ist nie linear. Es bricht ein, kehrt wieder, überlagert die Gegenwart. Was mich besonders beeindruckt hat: Die Kindheitskapitel sind so atmosphärisch dicht, dass man Albanien der 90er Jahre fast riechen kann. Statovci beschreibt das chaotische Land in einer Mischung aus Volksmärchen, politischer Realität und kindlicher Wahrnehmung. Das ist literarisch ungewöhnlich und sehr stark. Wer Aleksandar Hemon oder Saša Stanišić mag, wird hier verwandte Töne finden. Hier liegt die thematische Stärke des Romans: Statovci stellt die Frage nach Identität auf einer Tiefe, die selten erreicht wird. Wer sind wir, wenn wir uns ständig neu erfinden müssen, um überleben zu können? Bujar ist Mann und Frau, ist Albaner und Migrant, ist Liebender und Verstoßener. Statovci weigert sich, ihn in eine Schublade zu stecken, und genau das macht die Figur so unvergesslich. Was ich besonders schätze: Statovci behandelt queere Identität, fluide Geschlechtsidentität und Sexualität ohne pädagogische Lehrhaftigkeit. Er zeigt, was Bujar erlebt – Angst, Begehren, Verletzung, gewaltsame Übergriffe, kurze Momente von Zärtlichkeit – ohne diese Erfahrungen zu erklären oder zu rechtfertigen. Das ist literarisch reif und politisch ohne Pathos. Ehrlich gesagt: Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen. Statovci verschont seine Leser:innen nicht. Bujars Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, mit Prostitution, mit Übergriffen, mit dem ständigen Gefühl, nicht sicher zu sein – das alles wird in einer Direktheit beschrieben, die unter die Haut geht. Manche Szenen sind so verstörend, dass ich das Buch zwischendurch weglegen musste. Aber: Diese Härte ist nie selbstzweckhaft. Statovci romantisiert nichts, er zeigt aber auch nicht aus reinem Sensationsbedürfnis. Er erzählt von Erfahrungen, die viele queere Menschen, viele Migrant:innen, viele Geflüchtete machen – nur dass sie selten so klar literarisch verarbeitet werden. Wer mit solchen Inhalten umgehen kann, wird ein wichtiges Buch in den Händen halten. Das Buch ist mit 317 Seiten kein Schnellleseroman. Die Sprünge zwischen den Erzählebenen, die wechselnden Schauplätze, die unzuverlässige Erzählweise – all das verlangt Konzentration. Wer sich auf das Buch einlässt, bekommt eine intensive Erfahrung. Wer es zwischendurch liest, wird vermutlich den Faden verlieren. Mein Tipp: Lest das Buch in größeren Abschnitten und gebt euch Zeit für Pausen zwischen den Kapiteln. Statovcis Sprache ist dicht, sie braucht Raum, um wirken zu können. Ein Stern Abzug für eine bestimmte Schwierigkeit: Bujar bleibt teilweise schwer greifbar. Das ist Programm – Statovci will, dass wir spüren, wie es ist, wenn Identität immer im Fluss ist, wenn man niemand und alles ist. Aber als Leserin habe ich an manchen Stellen die Verbindung zu Bujar verloren. Wenn jemand sich ständig neu erfindet, wird es schwer, mit ihm mitzufühlen. Außerdem hat mich die Wendung im letzten Romandrittel literarisch beeindruckt, aber emotional etwas verloren. Wer den Roman gelesen hat, weiß, was ich meine. Es ist ein mutiger Move des Autors, aber er macht das Buch nicht zugänglicher. Mein Fazit: „Grenzgänge“ ist ein wichtiges, ein hartes, ein literarisch beeindruckendes Buch. Pajtim Statovci hat hier eine Stimme gefunden, die europäische Gegenwartsliteratur bereichert und gleichzeitig Themen aufgreift, die viel zu selten so kompromisslos verhandelt werden. Migration, Queerness, Identität, Trauma – all das wird hier nicht nur thematisch berührt, sondern literarisch durchgearbeitet. Ein Stern Abzug für die Stellen, an denen ich emotional verloren war, aber sehr starke 4 Sterne für ein Buch, das mich nicht losgelassen hat. Sein Debütroman „Meine Katze Jugoslawien“ steht jetzt auch auf meiner Leseliste. Empfehlenswert für Fans literarisch anspruchsvoller Gegenwartsliteratur wie Aleksandar Hemon, Saša Stanišić, Jonas Hassen Khemiri oder Olga Tokarczuk. Für alle, die sich mit Themen wie Migration, Identität, Queerness und Trauma literarisch auseinandersetzen wollen. Auch wichtige Lektüre für Lesekreise, die sich mit gesellschaftlich aktuellen Stoffen beschäftigen. Eher nichts für Leser:innen, die bei detaillierten Beschreibungen von sexualisierter Gewalt oder Übergriffen empfindlich reagieren oder klassische Erzählbögen mit klaren Auflösungen suchen – Statovci wagt formal viel, das verlangt Lesegeduld.

3

3,5⭐️ Das Buch beginnt mit Szenen aus Rom 1998, die mich völlig verunsichert haben-hinsichtlich des Motiv's des Autors und des Stils, den er nutzt. Die abschätzigen, verurteilenden Gedanken des Protagonisten gegenüber Italienern, die in unsäglichen Kalenderspruch Weisheiten münden. Die sehr einfache Sprache, die permanent mit Ich beginnt. Soll das Ironie sein? Ist das irgendeine Art von Humor die ich nicht verstehe? Das Buch springt dann zurück in die Kindheit bzw. Jugend von Bujar in Albanien. Auch hier weiterhin: seichte, ichbezogene Sprache. Dann kommen die ersten Hammer: Hunger, Armut, Krebserkrankung des Vaters. Buja macht sich mit seinem Kumpel aus dem Staub, sie wollen nach Europa. Zwischendurch wieder ein paar Jahre in der Zukunft - Buja allein in Europa und den USA. Diese Episoden werden so knackig erzählt, dass man da nicht sonderlich tief rein kommt. Zusammenfassend kann man bei allen Stationen sagen: Er ändert seine Identität (mal Frau mal Mann), lügt sich eine Familiengeschichte zusammen und gerät in unangenehme Situationen. Die Geschichte springt zwischendurch wieder in Vergangenheitssequenzen, die Ereignisse mit seinem bestem Kumpel offenbaren, bzw. unter welchen krassen Umständen sie sich durchgeschlagen haben. Es passieren einige wirklich üble, heftige Dinge. Das ganze Konglumerat an diesen Geschehnissen, macht das Buch für mich extrem unglaubwürdig. Mag sein, dass dies gewollt ist. Der Autor arbeitet schließlich immer wieder Gleichnisse, märchenartigen Erzählungen und Fabeln ein. Letztendlich macht die ichbezogene Schreibweise, die in der ersten Hälfte viel verwendet wird, gegen Ende immer mehr Sinn. Die zweite Hälfte arbeitet er dann ehr mit der Interaktion zwischen Buja und diversen Personen und zeigt mir auf, wie wenig empathisch er ist und sich der Menschen die er trifft bedient. Irgendwann habe ich dann auch den Beginn des Buches einordnen können, der im Gesamtkontext nicht mehr so schräg rüberkommt. Zu all diesen schwierigen Vorzeichen, kommt noch die Thematik der Sexualität bzw. fluiden Identität hinzu (Nationalität und/oder Geschlecht). Diese fluide Identität wird in seinem Fall auf Lügen aufgebaut, die er aber nicht, wie in Umberto Ecos Baudolino, verinnerlicht und zur Wahrheit werden lässt. Er kann es auch gar nicht, weil er sich selbst überhaupt nicht spürt (er flieht vor sich selbst) und seine Identitätsbestimmung häufig an anderen Menschen ausgerichtet ist, als dass sie aus ihm selbst kommt. Insofern ist das Buch wirklich gut, weil es uns einen unglaublich komplexen Charakter auftischt, der wahnsinnig schwer zu greifen ist, mit vielen Grautönen ,der mir extrem unsympathisch war, obwohl ich so viel mit ihm gelitten habe. Allerdings ist die Frage, ob man mit einer fluiden Identität glücklich werden kann, an diesem Beispiel für mich nicht zu beantworten. Der Autor hat dem Protagonisten in dem Fall so viele Persönlichkeitsmerkmale (Unterwürfigkeit, geringe Selbstachtung, Empathielosigkeit, Bindungsunfähigkeit etc.) und Nackenschläge verpasst - da fehlt die gesamte Basis und die Bereitschaft sich mit den Widersprüchen in sich und der Umwelt auseinander setzen zu können und zu wollen. Das Buch war definitiv eine spezielle Herangehensweise an diverse Themen und rüttelt einen durch. Es kommt für mich mit "Im Menschen muss alles herrlich sein" in die Kategorie gut und anregend, trifft vom Stil und der Umsetzung nicht ganz meinen Geschmack.

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