Ein literarisch beeindruckender, harter Roman über Identität, Migration und die Sehnsucht, einfach zu sein
Eine Odyssee durch Europa – und durch alle möglichen Identitäten Inhaltswarnung vorweg: Das Buch behandelt sexualisierte Gewalt, Prostitution, Migration, Trauma und die Verletzlichkeit queerer Identitäten. Wer dabei empfindlich reagiert, sollte das im Hinterkopf behalten. Tirana, 1990er Jahre. Albanien stürzt nach dem Ende der jahrzehntelangen Diktatur ins Chaos. Bujar wächst in dieser zerfallenden Welt auf. Sein Vater stirbt, die Mutter ist überfordert, die Schwester verschwindet aus der Erzählung. Übrig bleibt Bujar und seine Freundin Agim, ein Junge, der weiß, dass er eigentlich ein Mädchen ist. Gemeinsam beschließen sie, die Heimat zu verlassen. Was nach Albanien folgt, ist eine Odyssee durch Europa und Amerika. Statovci verschränkt zwei Erzählstränge: Bujars Kindheit und Jugend in Albanien einerseits, seine Wanderung als Erwachsener von Italien über Berlin, Madrid, New York bis nach Helsinki andererseits. Auf dieser Wanderung erfindet er sich immer neu, mit neuen Namen, neuen Biografien, neuen Geschlechtern. Aus jedem Ort, an dem er auftaucht, geht er anders heraus. Es geht ihm irgendwann nicht mehr ums Ankommen. Es geht ihm darum, alles sein zu dürfen. Pajtim Statovci schreibt mit einer Wucht, die selten ist. Seine Sätze können brutal sein, dann wieder von einer beinahe poetischen Zärtlichkeit. Was mich besonders fasziniert: Er erzählt eine zerklüftete Geschichte in einer Sprache, die ihr formal entspricht – fragmentarisch, sprunghaft, mit plötzlichen emotionalen Tiefen. Bemerkenswert: Statovci ist mit zwei Jahren aus dem Kosovo nach Finnland gekommen und schreibt auf Finnisch, nicht in seiner ersten Muttersprache. Die deutsche Übersetzung von Stefan Moster ist eine echte Leistung, denn sie überträgt diese sprachliche Doppelung aus finnischer Strenge und balkanischer Atmosphäre erstaunlich präzise. Wer skandinavische Literatur in guter Übersetzung liebt – Karl Ove Knausgård, Sara Stridsberg, Jonas Hassen Khemiri – wird auch hier abgeholt. Statovci verschränkt zwei Zeitebenen: Bujars albanische Vergangenheit als Kind und Jugendlicher mit seiner erwachsenen Wanderung durch Europa und die USA. Diese Verschränkung funktioniert hervorragend, weil sie eine literarische Form für ein psychologisches Phänomen findet: Trauma ist nie linear. Es bricht ein, kehrt wieder, überlagert die Gegenwart. Was mich besonders beeindruckt hat: Die Kindheitskapitel sind so atmosphärisch dicht, dass man Albanien der 90er Jahre fast riechen kann. Statovci beschreibt das chaotische Land in einer Mischung aus Volksmärchen, politischer Realität und kindlicher Wahrnehmung. Das ist literarisch ungewöhnlich und sehr stark. Wer Aleksandar Hemon oder Saša Stanišić mag, wird hier verwandte Töne finden. Hier liegt die thematische Stärke des Romans: Statovci stellt die Frage nach Identität auf einer Tiefe, die selten erreicht wird. Wer sind wir, wenn wir uns ständig neu erfinden müssen, um überleben zu können? Bujar ist Mann und Frau, ist Albaner und Migrant, ist Liebender und Verstoßener. Statovci weigert sich, ihn in eine Schublade zu stecken, und genau das macht die Figur so unvergesslich. Was ich besonders schätze: Statovci behandelt queere Identität, fluide Geschlechtsidentität und Sexualität ohne pädagogische Lehrhaftigkeit. Er zeigt, was Bujar erlebt – Angst, Begehren, Verletzung, gewaltsame Übergriffe, kurze Momente von Zärtlichkeit – ohne diese Erfahrungen zu erklären oder zu rechtfertigen. Das ist literarisch reif und politisch ohne Pathos. Ehrlich gesagt: Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen. Statovci verschont seine Leser:innen nicht. Bujars Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, mit Prostitution, mit Übergriffen, mit dem ständigen Gefühl, nicht sicher zu sein – das alles wird in einer Direktheit beschrieben, die unter die Haut geht. Manche Szenen sind so verstörend, dass ich das Buch zwischendurch weglegen musste. Aber: Diese Härte ist nie selbstzweckhaft. Statovci romantisiert nichts, er zeigt aber auch nicht aus reinem Sensationsbedürfnis. Er erzählt von Erfahrungen, die viele queere Menschen, viele Migrant:innen, viele Geflüchtete machen – nur dass sie selten so klar literarisch verarbeitet werden. Wer mit solchen Inhalten umgehen kann, wird ein wichtiges Buch in den Händen halten. Das Buch ist mit 317 Seiten kein Schnellleseroman. Die Sprünge zwischen den Erzählebenen, die wechselnden Schauplätze, die unzuverlässige Erzählweise – all das verlangt Konzentration. Wer sich auf das Buch einlässt, bekommt eine intensive Erfahrung. Wer es zwischendurch liest, wird vermutlich den Faden verlieren. Mein Tipp: Lest das Buch in größeren Abschnitten und gebt euch Zeit für Pausen zwischen den Kapiteln. Statovcis Sprache ist dicht, sie braucht Raum, um wirken zu können. Ein Stern Abzug für eine bestimmte Schwierigkeit: Bujar bleibt teilweise schwer greifbar. Das ist Programm – Statovci will, dass wir spüren, wie es ist, wenn Identität immer im Fluss ist, wenn man niemand und alles ist. Aber als Leserin habe ich an manchen Stellen die Verbindung zu Bujar verloren. Wenn jemand sich ständig neu erfindet, wird es schwer, mit ihm mitzufühlen. Außerdem hat mich die Wendung im letzten Romandrittel literarisch beeindruckt, aber emotional etwas verloren. Wer den Roman gelesen hat, weiß, was ich meine. Es ist ein mutiger Move des Autors, aber er macht das Buch nicht zugänglicher. Mein Fazit: „Grenzgänge“ ist ein wichtiges, ein hartes, ein literarisch beeindruckendes Buch. Pajtim Statovci hat hier eine Stimme gefunden, die europäische Gegenwartsliteratur bereichert und gleichzeitig Themen aufgreift, die viel zu selten so kompromisslos verhandelt werden. Migration, Queerness, Identität, Trauma – all das wird hier nicht nur thematisch berührt, sondern literarisch durchgearbeitet. Ein Stern Abzug für die Stellen, an denen ich emotional verloren war, aber sehr starke 4 Sterne für ein Buch, das mich nicht losgelassen hat. Sein Debütroman „Meine Katze Jugoslawien“ steht jetzt auch auf meiner Leseliste. Empfehlenswert für Fans literarisch anspruchsvoller Gegenwartsliteratur wie Aleksandar Hemon, Saša Stanišić, Jonas Hassen Khemiri oder Olga Tokarczuk. Für alle, die sich mit Themen wie Migration, Identität, Queerness und Trauma literarisch auseinandersetzen wollen. Auch wichtige Lektüre für Lesekreise, die sich mit gesellschaftlich aktuellen Stoffen beschäftigen. Eher nichts für Leser:innen, die bei detaillierten Beschreibungen von sexualisierter Gewalt oder Übergriffen empfindlich reagieren oder klassische Erzählbögen mit klaren Auflösungen suchen – Statovci wagt formal viel, das verlangt Lesegeduld.


