Alle_Zeit
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Description
Soziale Gerechtigkeit bedeutet gerechte Verteilung von Zeit.
Zeit ist die zentrale Ressource unserer Gesellschaft. Doch sie steht nicht allen gleichermaßen zur Verfügung. Teresa Bücker, eine der einflussreichsten Journalistinnen in Deutschland, macht konkrete Vorschläge, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann, die für mehr Gerechtigkeit, Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgt.
Ausgezeichnet mit dem NDR Sachbuchpreis 2023
Book Information
Author Description
Teresa Bücker, geboren 1984, ist Publizistin und Vordenkerin im Bereich Feminismus, Arbeit und Gesellschaft. Seit 2019 ist sie Kolumnistin des SZ-Magazins. Von 2014 bis 2019 war sie Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins EDITION F. Als Expertin wird sie regelmäßig zu Konferenzen und in politische Talk-Sendungen geladen. https://teresabuecker.de/
Posts
"Zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt."
In 7 Kapiteln: 1 Warum die Zeit niemals reicht 2 Arbeits_Zeit 3 Zeit für Care 4 Freie Zeiten 5 Zeit und Macht mit Kindern teilen 6 Zeit für Politik (K)eine Utopie hat Teresa Bücker mich auf eine ganz besondere Reise zum Nachdenken über Zeit mitgenommen. Sehr oft habe ich das Gefühl einfach keine Zeit oder nie genug Zeit zu haben. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich liebend gern noch viele weitere Projekte angehen wollen. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die "zu viel wollen" (vgl. S. 20). "Zeitknappheit zu empfinden kann ein Klassenphänomen sein. Diejenigen, die im Job busy sind, sind es oft auch in ihrer freien Zeit" (S.29). Dieses Buch hat mich sehr viel zum Denken angeregt. Ich find's super spannend, wie relevant Zeitpolitik und Zeitverteilung für eine demokratische Gesellschaft ist. Ich hatte diese Brücke zuvor gar nicht so genau auf dem Schirm gehabt. Schon lange war für mich klar, dass eine Vollzeitarbeit für mich nicht in Frage kommt. Zu wichtig sind mir ehrenamtliches Engagement, Zeit für Freund*innen, sportliche Aktivitäten, Aktivismus und Momente der Ruhe. Manchmal ist mir bewusst, in welcher priviligierten Situation ich mich mit dieser Entscheidungsfreiheit befinde. Ich habe keine Kinder, pflege keine Angehörigen, habe wenig ganz konkrete Verpflichtungen im Alltag und bin an "wenig" Geld gewohnt und strebe keinen finanziellen Wohlstand an. Die verschiedenen Modelle zu Arbeitstagen finde ich auch sehr spannen! Z.B. Frigga Haugs 16-Stunden-Tag: "vier Stunden Lohnarbeit, vier Stunden Care-Arbeit (die neben der Sorge für andere auch die Sorge für sich selbst einschließt), vier Stunden kulturelle Arbeit (zum Beispiel die eigene Weiterbildung) sowie vier Stunden politische Arbeit" (S. 107). Der Exkurs zu Care-Arbeit und Zeit und Macht mit Kindern teilen hat mir nochmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, füreinander Sorge zu tragen und sich nicht zu sehr auf me-time Momente zu fokussieren. "Care kann erst dann zu einer Gesellschaftsaufgabe werden, wenn alle sich an ihr beteiligen können und dafür von den immensen zeitlichen Anforderungen ihrer Vollzeitjobs entlastet werden" (S. 174). Insbesondere Kinder sind der Zeitgestaltung der Erwachsenen ausgeliefert. "Kinder nerven nicht, weil sie Kinder sind, sondern weil sie in einer zeitknappen Welt diejenigen sind, die den sogenannten reibungslosen Ablauf am meisten stören. Ihre Bedürfnisse sind unberechenbar, zeitintensiv, sie können nicht warten. Als Erwachsene haben wir jedoch die Möglichkeit, Zeit - und Sorgestrukturen zu schaffen, in denen Kinder kein Zeitproblem mehr darstellen. Wir sind nicht machtlos. Doch absurderweise sehen wir das Problem meist in den Kindern, und manche Menschen bereuen es sogar, Eltern geworden zu sein. Dabei sollten wir eigentlich bereuen, dass wir bisher an unserer jetzigen Zeitkultur zu wenig gerüttelt haben. Vielleicht nerven uns gar nicht der Schlafmangel und das Geschrei, sondern dass wir uns ohnmächtig fühlen, die politischen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass es keine Überforderung mehr bedeutet, mit Kindern und Pflegebedürftigen zu leben" (S. 264). "Es ist ein Missverständnis, kinderfrei leben zu können. Denn wir alle leben mit Kindern, sie sind Teil der Gesellschaft. Daher sollten wir alle uns für Kinder und ihre Interessen mit verantwortlich fühlen, ganz unabhängig davon, ob wir selbst Eltern werden (wollen) oder nicht. In demokratischen Gesellschaften müssen wir Kinder als Menschen mit vollen Rechten in unser politisches Denken und Handeln einschließen" (S. 265). Ebenso die Analyse zu den unterschiedlichen Quantitäten und Qualitäten freier Zeit von Menschen find ich sehr interessant, um einen weiteren Blick für Lebensrealitäten andere Menschen zu erhalten. Einerseits weisen Zeitbudgeterhebungen darauf hin, dass Menschen durchaus viele freie Stunden haben, doch diese sind bei vielen wie "Zeitkonfetti" zwischen verschiedenen Verpflichtungen verteilt, sodass eine längere Beschäftigung kaum umsetzbar wäre. Im Kapitel zu Zeit für Politik wird auch nochmal deutlich, wie Machtverhältnisse verteilt sind. Wer sich in welchem Umfang engagieren kann, wessen Stimmen Gehör finden und wer sich schon lange nicht mehr oder noch nie mitgedacht fühlt. Wir benötigen viel mehr gemeinsame Zeiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen. "Denn erst, indem wir unser immenses Wissen mit Absichten und Gemeinschaft verknüpfen, geben wir ihm eine kollektive Bedeutung, aus der Veränderung erwachsen kann" (S.285). Ach Leute, ich empfehle diese Buch auf jeden Fall! Von mir bekommt es jedoch eher 4,5 statt 5 Sterne, da es sich teilweise doch leider etwas zieht, trotz der vielen wichtigen Inhalte! Ein gutes Futter für mehr Infragestellen von den scheinbar starren Gegebenheiten von gesellschaftlicher Organisation und (Lohn-)Arbeit.
Viele Menschen klagen über Zeit-Not, zu wenig freie Zeit und zu wenig Zeit, um all das zu schaffen, was am Tag geschafft werden muss. Doch woher rührt die Zeit-Not? Wo hat Sie ihren Ursprung, wie hat sich dieses Empfinden bei Menschen entwickelt und wie wirkt sich diese Zeit-Not auf unseren Alltag und unser gesamtes Leben aus? Teresa Bücker geht in ihrem Buch diesen und noch vielen weiteren Fragen auf den Grund und (er-)öffnet dem/der Hörer*innen/Leser*innen die Augen für ein immens wichtiges Thema, welches uns alle betrifft – Alleinerziehende, Singles, Familien, Jung und Alt, Akademiker*in, die Mittelschicht und von Armut betroffene Menschen. Alle haben wir nur ein begrenztes Kontingent an Zeit zur Verfügung und können diese uns zur Verfügung stehende Zeit nicht aufschieben, nicht bündeln und uns nicht für einen anderen Lebensabschnitt aufheben. In den Kapiteln wird die Zeit in unterschiedlichsten Themenblöcken analysiert und die Erkenntnisse oftmals durch Studien belegt. So wird ein großer Fokus auf die (unbezahlte und nicht ausreichend gewürdigte) Care-Arbeit(szeit), die bezahlte (Erwerbs-)Arbeitszeit und die Freizeit, von der zu viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen zu wenig haben, gelegt. („Dass Menschen spontane Entscheidungen vermissen, zeigt, dass sie es als Einschränkung erleben, freie Zeiten planen zu müssen. Wir haben Sehnsucht nach Ungeplantem.“) Auch die Wünsche von Kinder und Jugendlichen zum Thema Zeitgestaltung erhalten hier eine Stimme und das Thema Politik zieht sich durch fast das gesamte (Hör-)Buch, welches auf vielen Ebenen vielschichtig, gut argumentiert und nachvollziehbar ist. Wir erhalten einen guten und strukturierten Einblick in das Thema Zeit und die Not der Menschen, die über zu wenig Zeit verfügen. Ein großes Lob muss ich der Sprecherin Abak Safaei-Rad aussprechen, denn sie hat mit ihrer angenehmen Stimme wundervoll durch das Hörbuch geführt.
Zeit ist höchst politisch: Gerade in Zeiten von unserem Bundeskanzler Merz, der vorschlägt, die Arbeit von Gewerkschaften pretty much zu revidieren und die 40 Stunden-Woche "zu flexibilisieren", um mehr Arbeitsstunden am Tag zu erlauben - um eine ohnehin bereits veraltetes Zeitordnung nochmal menschenfeindlicher zu gestalten... Und das nur, um mehr Geld für die Wirtschaft einzuheimsen. Teresa Bücker widmet in ihrem Buch alle Zeit daher unserem Verständnis von und Umgang mit Zeit und beleuchtet das Thema aus politischer Perspektive.
Wie könnte eine Welt aussehen, in der unser Leben nicht nach der Uhr ausgerichtet ist? Wo wir statt Lohnarbeit eher Care-Arbeit, Community-Care sowie Self-Care in den Mittelpunkt stellen? Wenn allen Menschen genug Geld und vor allem Zeit zur Verfügung stehen würde, um ihr Leben so zu gestalten, wie es sich für sie richtig anfühlt? Bücker regt zum Nach- und Überdenken an, fordert uns auf, das bestehende System nicht einfach hinzunehmen, sondern genau hinzuschauen, wer davon profitiert, wenn wir schon als Kinder lernen, Zeitdruck zu empfinden - als Übergang ins Erwachsenenalter, wenn man so will. Während es auf jeden Fall ein empfehlenswerter und wichtiger intersektionaler Read ist (!), bezieht sie sich natürlich (berechtigterweise) sehr viel auf Menschen mit Kindern und teilweise pflegebedürftigen Familienmitgliedern. Es wiederholt sich zudem auch viel durch das Buch hinweg, was das Ganze etwas langatmiger (und leider auch langweiliger bzw. weniger engaging) macht. Ich denke, das Buch hätte ein wenig von Kürzung und Präzisierung profitiert und natürlich auch von mehr Fokus auf Menschen und Themen, die sich nicht um Care-Arbeit drehen. Generell hatte das Werk einen eher belehrenden Ton, was gerade in Bezug auf (fehlenden) Kinderwunsch teilweise übergriffig ankam (scheinbar ist keine Kinder haben zu wollen, nur eine Phase, wie sie an ihrem eigenen Beispiel darstellt, und viel mehr würden welche kriegen, wenn unser bestehendes Zeitsystem anders aussehe). Wer darüber hinwegsehen kann und ein generelles Interesse (und vor allem Zeit lol) mitbringt, dem kann ich dieses Werk ans Herz legen. Ich habe das Ganze als Hörbuch gehört, da ich es zum Lesen als zu trocken empfand und langsamtig empfand.
Ihr lest das jetzt bitte alle!
„Wer die gesamte Gesellschaft und ihr Wohlergehen im Blick hat, muss ein Ende der 40-Stunden-Woche fordern.“ (Seite 95) Unaufgeregt sachlich und vollgepackt mit wertvollen, klugen Gedanken lässt mich dieses Buch mit dem tiefen Wunsch zurück, es auswendig zitieren zu können. Es ist eine feministische Waffe und Totschlagargument gegen jedes spätkapitalistische, liberale Narrativ von Wachstum und Demokratie. Ich habe es verschlungen und werde es sowohl weiterverschenken, empfehlen und es selbst noch ein zweites und drittes Mal lesen. „Auszeiten, Nachdenkteiten, Zeit für Freund_innen, Care-Zeiten oder Familienzeiten, Zeit, um Gefühle zu spüren und auszuhalten, Zeit für Genesung, Zeit für Kultur, Ehrenämter und politisches Engagement, offene, unverplante Zeiten - all das sind produktive Zeiten, nur nicht im Sinne direkter wirtschaftlicher Wertschöpfung. Sie bringen Dinge hervor. Sie sind der Stoff, aus dem unsere Freiheit besteht. Sie müssen nicht verdient werden, sie stehen uns zu.“ (Seite 189)
In Alle_Zeit (2022) behandelt Teresa Bücker viele klassische feministische Fragen aus einer neuen Perspektive: unter dem Aspekt der Zeit. Gerechtigkeitsfragen sind häufig nicht über eine gerechtere Verteilung von Geld, sondern von Zeit zu lösen. Unmittelbar einleuchtend wird diese Erkenntnis mit Blick auf die care chains, wenn Mittelschichts-Paare sich Zeit "erkaufen", indem sie Care-Arbeit an weniger Privilegierte (meist Frauen) auslagern. Anders als andere Ressourcen kann Zeit nicht vermehrt, sondern nur umverteilt werden. Das macht sie kostbar und wichtig als Anknüpfungspunkt für Umverteilungsdebatten. Teresa Bücker befasst sich intensiv mit vielen Ansätzen. Insbesondere bin ich an der Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug hängen geblieben. Sie schlägt vor, den Tag - neben 8 Stunden Schlaf - in vier gleich große Bereiche einzuteilen: 4 Stunden Lohnarbeit, 4 Stunden Care-Arbeit (wozu auch Selbstsorge zählt), 4 Stunden kulturelle Arbeit (etwa auch die eigene Weiterbildung) und 4 Stunden politische Arbeit. Dabei geht es nicht so sehr um eine Richtschnur, an die sich jede*r Einzelne halten müsste. Vielmehr will die Vier-in-einem-Perspektive dazu anregen, unsere Vorstellung von Normalität zu hinterfragen und zu überdenken, wie die derzeitige Erwerbsarbeitszentrierung zugunsten einer menschlicheren Zeitgestaltung aufgelöst werden könnte. Klar ist natürlich auch, dass die wenigsten Menschen so frei über ihre Zeit verfügen können wie sie das gerne würden. Das liegt zum Beispiel an dem Phänomen von "Zeitkonfetti" (S. 193), d. h. dass wir häufig kleinere Zeitspannen zwischendurch haben, die wir nicht wirklich frei gestalten können. Deshalb lese ich Alle_Zeit primär als Anregung für ein politisches und gesellschaftliches Umdenken. Gleichzeitig finde ich es aber auch auf individueller Ebene entlastend, die eigene Zeitarmut nicht als persönliches Versagen zu denken, sondern zu erkennen, dass sie systemisch bedingt ist. Wut und Forderungen nach Veränderung sind besser als Selbstvorwürfe und Resignation.
Leben im Zeitkonfetti
Kann Zeit eine Kapitalanlage sein? Ja, sagt uns unser kapitalistisch geprägter Lebenssinn, der sich in Redewendungen wie „Zeit ist Geld“ widerspiegelt. Nein, sagt Teresa Bücker und argumentiert für ein neues Verständnis dafür, wie wir allein und gemeinschaftlich mit unserer Lebenszeit umgehen. Dabei geht es nicht nur um den absurd hohen Zeitabschnitt, die wir mit Arbeit verbringen, sondern auch um die Frage, warum Kinder mehr Macht über ihre Zeit haben sollten und warum Zeit eine gemeinschaftliche Ressource ist, die wir nicht als etwas „zu Verbrauchendes“, sondern etwas „Füllbares“ begreifen sollten. An Bückers Text begeistert hat mich, dass sie alle Bereiche unseres Lebens in einen Zusammenhang stellt und die Verbindungen scheinbar federleicht zieht und erläutert. Erst dadurch wurde mir klar, woher das Gefühl der inneren Zerrissenheit zwischen den vielen Anforderungen des Lebens kommt; das Gefühl, oft nicht genügend Zeit für mich selbst zu haben, obwohl rein rechnerisch genug Zeit bleiben müsste. Bücker hat diesem Gefühl den Namen „Zeitkonfetti“ gegeben oder ihn aufgegriffen und schon dafür bin ich dem Buch dankbar. Trotzdem bin ich häufig nicht so durch die Seiten geflogen wie erwartet, habe die Zeit oft nicht vergessen können - deswegen leider kein Highlight aber eine tolle Leseerfahrung!
„Wir alle werden nach der Uhr erzogen: Sobald wir Zeit bewusst wahrnehmen können, begegnen wir ihr als Instrument der Begrenzung, nicht als der Raum für unsere Bedürfnisse.“ In ihrem neuen Buch „Alle_Zeit“ geht die Autorin Teresa Bücker der Frage nach der Zeitgerechtigkeit auf den Grund. Immer mehr Menschen erleben und verspüren die Zeitknappheit. Nicht nur durch die Reduzierung der Erwerbsarbeit könnte die Zeitgerechtigkeit gewährleistet werden, sondern „erst wenn Care-Verantwortung gesellschaftlich respektiert und finanziell unterstützt werde, (…), werde sie für alle Geschlechter attraktiv.“ Sieben spannende Kapitel in 400 Seiten (davon 60 Seiten Quellenangaben) versucht Teresa Bücker die Zeitungerechtigkeit zu belegen. „Denn zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt.“ Schon sehr früh in der Schule lernen wir Zeit als Knappheit wahrzunehmen. Als Beispiel nennt Teresa den „(…) Wunsch eines Kindes, einen besonders schönen Aufsatz zu schreiben, wird beschnitten durch die Erwartungen der Lehrkraft, dass alle Schüler_innen den Aufsatz in 45 Minuten fertigstellen. Zeitknappheit kann also nicht nur von innen im Kontext der eigenen Ansprüche entstehen, sondern auch von außen über die Ansprüche anderer Menschen an uns.“ Außerdem lernen wir schon sehr früh, „dass Schnelligkeit belohnt und Langsamkeit bestraft wird“, was wiederum unsere Zeitknappheit und die Ungerechtigkeit darstellt. Demzufolge müssen neue Strukturen in den Schulen etabliert werden. Wir sind oft davon besessen jede freie Minute mit Bedeutung zu stopfen, damit wir uns im nach hinein ja nicht schlecht fühlen sollen, weil „die Nutzung unserer Zeit soll etwas produzieren, sie soll ein Ergebnis hervorbringen, auf das man sich später beziehen kann.“ Ständig kontrollieren wir, wie wir die Zeit im Alltag erschöpfend nutzen können - das sich auch als Zeitkonfetti versteht. Erschreckend ist, wie wir als Gesellschaft die Arbeit als Priorität setzen und dabei die soziologischen Aspekte des Menschen komplett vernachlässigen. Man richtet sich öfter nach der Arbeit, als andersrum, sprich, dass wir mehr Zeit für etwas verbringen, was uns auf Dauer nicht glücklich macht (dazu gibt es viele Studien und Umfragen im Buch). Wenn wir die Zeitkultur neu denken sollen – und das müssen wir – dann würde sich nicht nur unsere Lebensqualität verbessern, sondern als Gesellschaft würden wir mehr erreichen können. Vor allem erschrocken war ich, dass „die jährlich geleisteten Überstunden über 900.000 Vollzeitjobs schaffen könnten.“ Es kann nicht sein, dass man sich für freie Zeit den Rücken krumm machen muss, um sich dann nur 20 Tage im Jahr (in der Schweiz) freie Zeit leisten zu können, die wir dann versuchen mit ‚sinnvollen‘ Dingen zu füllen, um keine Zeitverschwendung zu schaffen. Was mir sehr gefallen hat, war die Sprache. Bei Sachbüchern stoße ich oft auf Stolpersteine, weil sie gefühlt nur für Akademiker_innen geschrieben sind und so die barrierefreie Sprache verletzt wird. Dieser wissenschaftliche Text schafft es mit einer klugen und doch einfachen Sprache die Thematik für viele zugänglicher zu machen. Zu jedem Unterkapitel wird die Problematik der Zeitungerechtigkeit gefasst, die wiederum mit Fakten und Quellen belegt und anschließend mit Lösungen und Kritik beschrieben wird. Was abermals die Objektivität als auch die Subjektivität schöne Konturen gibt. Lest dieses Buch und achtet nicht auf die Zeit. Mir ist aufgefallen, dass das Wort Zeit so vielseitig benutzt werden kann, dass es zu meinem Lieblingswort wurde. „Der große Unterschied zwischen Zeit und Geld ist, dass Geld sich zusätzlich verteilen lässt und das beispielsweise über die Erhöhung von Mindestlöhnen, die Einführung eines Grundeinkommens oder veränderte Steuersätze finanzielle Ungleichheiten abgebaut werden können. Der Staat kann jedoch aus seinem eigenen Budget Menschen keine zusätzliche Zeit geben und auch keine Schulden aufnehmen, um ihre Zeitarmut zu reduzieren.“
Gönnt euch diese Zeit für dieses Buch!
„Wir alle werden nach der Uhr erzogen: Sobald wir Zeit bewusst wahrnehmen können, begegnen wir ihr als Instrument der Begrenzung, nicht als der Raum für unsere Bedürfnisse.“ In ihrem neuen Buch „Alle_Zeit“ geht die Autorin Teresa Bücker der Frage nach der Zeitgerechtigkeit auf den Grund. Immer mehr Menschen erleben und verspüren die Zeitknappheit. Nicht nur durch die Reduzierung der Erwerbsarbeit könnte die Zeitgerechtigkeit gewährleistet werden, sondern „erst wenn Care-Verantwortung gesellschaftlich respektiert und finanziell unterstützt werde, (…), werde sie für alle Geschlechter attraktiv.“ Sieben spannende Kapitel in 400 Seiten (davon 60 Seiten Quellenangaben) versucht Teresa Bücker die Zeitungerechtigkeit zu belegen. „Denn zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt.“ Schon sehr früh in der Schule lernen wir Zeit als Knappheit wahrzunehmen. Als Beispiel nennt Teresa den „(…) Wunsch eines Kindes, einen besonders schönen Aufsatz zu schreiben, wird beschnitten durch die Erwartungen der Lehrkraft, dass alle Schüler_innen den Aufsatz in 45 Minuten fertigstellen. Zeitknappheit kann also nicht nur von innen im Kontext der eigenen Ansprüche entstehen, sondern auch von außen über die Ansprüche anderer Menschen an uns.“ Außerdem lernen wir schon sehr früh, „dass Schnelligkeit belohnt und Langsamkeit bestraft wird“, was wiederum unsere Zeitknappheit und die Ungerechtigkeit darstellt. Demzufolge müssen neue Strukturen in den Schulen etabliert werden. Wir sind oft davon besessen jede freie Minute mit Bedeutung zu stopfen, damit wir uns im nach hinein ja nicht schlecht fühlen sollen, weil „die Nutzung unserer Zeit soll etwas produzieren, sie soll ein Ergebnis hervorbringen, auf das man sich später beziehen kann.“ Ständig kontrollieren wir, wie wir die Zeit im Alltag erschöpfend nutzen können - das sich auch als Zeitkonfetti versteht. Erschreckend ist, wie wir als Gesellschaft die Arbeit als Priorität setzen und dabei die soziologischen Aspekte des Menschen komplett vernachlässigen. Man richtet sich öfter nach der Arbeit, als andersrum, sprich, dass wir mehr Zeit für etwas verbringen, was uns auf Dauer nicht glücklich macht (dazu gibt es viele Studien und Umfragen im Buch). Wenn wir die Zeitkultur neu denken sollen – und das müssen wir – dann würde sich nicht nur unsere Lebensqualität verbessern, sondern als Gesellschaft würden wir mehr erreichen können. Vor allem erschrocken war ich, dass „die jährlich geleisteten Überstunden über 900.000 Vollzeitjobs schaffen könnten.“ Es kann nicht sein, dass man sich für freie Zeit den Rücken krumm machen muss, um sich dann nur 20 Tage im Jahr (in der Schweiz) freie Zeit leisten zu können, die wir dann versuchen mit ‚sinnvollen‘ Dingen zu füllen, um keine Zeitverschwendung zu schaffen. Was mir sehr gefallen hat, war die Sprache. Bei Sachbüchern stoße ich oft auf Stolpersteine, weil sie gefühlt nur für Akademiker_innen geschrieben sind und so die barrierefreie Sprache verletzt wird. Dieser wissenschaftliche Text schafft es mit einer klugen und doch einfachen Sprache die Thematik für viele zugänglicher zu machen. Zu jedem Unterkapitel wird die Problematik der Zeitungerechtigkeit gefasst, das wiederum mit Fakten und Quellen belegt und anschließend mit Lösungen und Kritik beschrieben wird. Was abermals die Objektivität als auch die Subjektivität schöne Konturen gibt. Lest dieses Buch und achtet nicht auf die Zeit. Mir ist aufgefallen, dass das Wort Zeit so vielseitig benutzt werden kann, dass es zu meinem Lieblingswort wurde. „Der große Unterschied zwischen Zeit und Geld ist, dass Geld sich zusätzlich verteilen lässt und das beispielsweise über die Erhöhung von Mindestlöhnen, die Einführung eines Grundeinkommens oder veränderte Steuersätze finanzielle Ungleichheiten abgebaut werden können. Der Staat kann jedoch aus seinem eigenen Budget Menschen keine zusätzliche Zeit geben und auch keine Schulden aufnehmen, um ihre Zeitarmut zu reduzieren.“

Zeitgerechtigkeit als politische und soziale Frage
In „Alle_Zeit“ setzt sich Teresa Bücker mit einem Thema auseinander, das im gesellschaftlichen Diskurs oft übersehen wird: Zeit. Genauer gesagt, mit der ungleichen Verteilung von Zeit und den Machtverhältnissen, die damit verknüpft sind. Für Bücker ist Zeitgerechtigkeit keine individuelle Frage von Organisation oder Disziplin, sondern ein politisches Thema, eng verwoben mit Geschlecht, sozialer Herkunft, Care-Arbeit und dem Kapitalismus. Besonders überzeugend ist ihre Analyse der strukturellen Bedingungen, unter denen Menschen heute leben und arbeiten. Bücker beschreibt, wie unsere Zeitverhältnisse systematisch bestimmte Gruppen, insbesondere Frauen* und Menschen mit Sorgeverantwortung, benachteiligen. Sie fordert eine neue Zeitkultur, die auf kollektive Bedürfnisse und soziale Teilhabe ausgerichtet ist, und verknüpft theoretische Überlegungen mit Beispielen aus dem Alltag. So gelingt es ihr, das Thema greifbar zu machen und in einen politischen Zusammenhang zu stellen. Allerdings zieht sich das Buch stellenweise in die Länge. Einige Passagen wirken wiederholend, und nicht alle Argumentationslinien sind gleichermaßen schlüssig aufgebaut. An manchen Stellen fehlt zudem eine stärkere Differenzierung, etwa im Blick auf die unterschiedlichen Lebensrealitäten innerhalb der Gruppe der Frauen* oder auf intersektionale Aspekte von Zeitungleichheit. Hier bleibt die Analyse stellenweise zu allgemein. Trotz dessen ist „Alle_Zeit“ ein kluges und relevantes Buch. Teresa Bücker gelingt es, Zeit als soziale Ressource sichtbar zu machen und eine Vision davon zu entwerfen, wie ein gerechterer Umgang mit Zeit aussehen könnte. Mit einer Bewertung von 4/5 ist es eine Lektüre für alle, die Gesellschaft anders denken wollen und Zeit nicht länger als Privatsache verstehen.
„Wer die gesamte Gesellschaft und ihr Wohlergehen im Blick hat, muss ein Ende der 40-Stunden-Woche fordern.“ (Seite 95) Unaufgeregt sachlich und vollgepackt mit wertvollen, klugen Gedanken lässt mich dieses Buch mit dem tiefen Wunsch zurück, es auswendig zitieren zu können. Es ist eine feministische Waffe und Totschlagargument gegen jedes spätkapitalistische, liberale Narrativ von Wachstum und Demokratie. Ich habe es verschlungen und werde es sowohl weiterverschenken, empfehlen und es selbst noch ein zweites und drittes Mal lesen. „Auszeiten, Nachdenkteiten, Zeit für Freund_innen, Care-Zeiten oder Familienzeiten, Zeit, um Gefühle zu spüren und auszuhalten, Zeit für Genesung, Zeit für Kultur, Ehrenämter und politisches Engagement, offene, unverplante Zeiten - all das sind produktive Zeiten, nur nicht im Sinne direkter wirtschaftlicher Wertschöpfung. Sie bringen Dinge hervor. Sie sind der Stoff, aus dem unsere Freiheit besteht. Sie müssen nicht verdient werden, sie stehen uns zu.“ (Seite 189)
Alle Zeit - Eine Frage von Macht und Freiheit von Teresa Bücker beschäftigt sich mit dem Thema Gerechtigkeit von Zeit. Obwohl allen Menschen 24 Stunden am Tag an Zeit zur Verfügung stehen, also im Grunde eigentlich alle gleich viel Zeit haben, ist das Verhältnis, wie man über Zeit verfügen kann, nicht gerecht - solange Care Arbeit nicht entlohnt wird und Menschen 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen, damit es zum Leben reicht. Denn wenige verdienen so viel, dass beispielsweise eine Person Vollzeit arbeiten und die andere sich um Haushalt, Kindererziehung und -betreuung und/oder die Pflege Angehöriger kümmern kann. Und selbst wenn das finanziell stemmst wäre, würde die entsprechende Person bei der Rente dann ziemlich dumm aus der Wäsche gucken. Die Realität sieht vielmehr so aus, dass zu den 8 Stunden Erwerbsarbeit noch einige Stunden an unbezahlter Arbeit on top kommen, keine Zeit für Me-Time und Freund*innen oder Hobbies bleibt und es auch sehr oft keine 8 Stunden Schlaf gibt. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Das Hamsterrad erinnert mich sehr gut an die grauen Männer aus Momo, die die Zeit stehlen, auch mir geht es nach einem Arbeitstag so, dass ich froh bin, wenn ich wenigstens ein paar Punkte der To Do Liste abhaken kann - der Rest wird dann selbstverständlich aufs Wochenende geschoben. Erholung? Ist nicht. Fände es toll, wenn die Politik da was klar machen könnte, glaube aber ehrlich gesagt noch nicht wirklich dran. Trotzdem war die Lektüre sehr aufschlussreich und sollte insbesondere von „Machtmenschen“ gelesen werden.
Ironischerweise wäre meine Bewertung wahrscheinlich etwas besser ausgefallen, hätte ich beim Lesen nicht einen gewissen Zeitdruck empfinden. Hinzu kommt, dass ich gemerkt habe, dass ich solche Texte lieber auf Papier als als ebook lese (wo zusätzlich die Formatierung eher schlecht war). Insgesamt hat mich dieses Buch sehr zum Nachdenken gebracht. Es arbeitet klar heraus, dass die politische Dimension von Zeit aktuell viel zu wenig Beachtung findet. Darüber hinaus hat mich insbesondere der Beginn sehr reflektieren lassen, welche Dinge ich als relevant für mein Leben und meine Identität ansehe. In der Mitte des Buches wiederholte sich einiges für meinen Geschmack etwas zu oft, ohne wirkliche neue Perspektiven aufzuzeigen, auch dadurch, dass die Kapitel nicht immer trennscharf waren - wobei die Themen natürlich auch miteinander vernetzt sind. In jedem Fall würde ich dieses Buch weiterempfehlen.
Ich habe mich so lange auf dieses Buch gefreut und hab es jetzt endlich zu Ende gelesen. Es ist wieder so ein Werk, dass ich gerne allen in die Hand drücken würde. Es rüttelt wach und entwirft eine Zukunft, die ich mir herbeisehne. Teresa Bücker schreibt zudem unglaublich schön. Trotzdem habe ich „nur“ vier Sterne gegeben, da manche Aspekte (besonders in der ersten Hälfte) für mein Empfinden zu oft wiederholt wurden und sich das Buch gezogen hat.
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Soziale Gerechtigkeit bedeutet gerechte Verteilung von Zeit.
Zeit ist die zentrale Ressource unserer Gesellschaft. Doch sie steht nicht allen gleichermaßen zur Verfügung. Teresa Bücker, eine der einflussreichsten Journalistinnen in Deutschland, macht konkrete Vorschläge, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann, die für mehr Gerechtigkeit, Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgt.
Ausgezeichnet mit dem NDR Sachbuchpreis 2023
Book Information
Author Description
Teresa Bücker, geboren 1984, ist Publizistin und Vordenkerin im Bereich Feminismus, Arbeit und Gesellschaft. Seit 2019 ist sie Kolumnistin des SZ-Magazins. Von 2014 bis 2019 war sie Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins EDITION F. Als Expertin wird sie regelmäßig zu Konferenzen und in politische Talk-Sendungen geladen. https://teresabuecker.de/
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"Zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt."
In 7 Kapiteln: 1 Warum die Zeit niemals reicht 2 Arbeits_Zeit 3 Zeit für Care 4 Freie Zeiten 5 Zeit und Macht mit Kindern teilen 6 Zeit für Politik (K)eine Utopie hat Teresa Bücker mich auf eine ganz besondere Reise zum Nachdenken über Zeit mitgenommen. Sehr oft habe ich das Gefühl einfach keine Zeit oder nie genug Zeit zu haben. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich liebend gern noch viele weitere Projekte angehen wollen. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die "zu viel wollen" (vgl. S. 20). "Zeitknappheit zu empfinden kann ein Klassenphänomen sein. Diejenigen, die im Job busy sind, sind es oft auch in ihrer freien Zeit" (S.29). Dieses Buch hat mich sehr viel zum Denken angeregt. Ich find's super spannend, wie relevant Zeitpolitik und Zeitverteilung für eine demokratische Gesellschaft ist. Ich hatte diese Brücke zuvor gar nicht so genau auf dem Schirm gehabt. Schon lange war für mich klar, dass eine Vollzeitarbeit für mich nicht in Frage kommt. Zu wichtig sind mir ehrenamtliches Engagement, Zeit für Freund*innen, sportliche Aktivitäten, Aktivismus und Momente der Ruhe. Manchmal ist mir bewusst, in welcher priviligierten Situation ich mich mit dieser Entscheidungsfreiheit befinde. Ich habe keine Kinder, pflege keine Angehörigen, habe wenig ganz konkrete Verpflichtungen im Alltag und bin an "wenig" Geld gewohnt und strebe keinen finanziellen Wohlstand an. Die verschiedenen Modelle zu Arbeitstagen finde ich auch sehr spannen! Z.B. Frigga Haugs 16-Stunden-Tag: "vier Stunden Lohnarbeit, vier Stunden Care-Arbeit (die neben der Sorge für andere auch die Sorge für sich selbst einschließt), vier Stunden kulturelle Arbeit (zum Beispiel die eigene Weiterbildung) sowie vier Stunden politische Arbeit" (S. 107). Der Exkurs zu Care-Arbeit und Zeit und Macht mit Kindern teilen hat mir nochmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, füreinander Sorge zu tragen und sich nicht zu sehr auf me-time Momente zu fokussieren. "Care kann erst dann zu einer Gesellschaftsaufgabe werden, wenn alle sich an ihr beteiligen können und dafür von den immensen zeitlichen Anforderungen ihrer Vollzeitjobs entlastet werden" (S. 174). Insbesondere Kinder sind der Zeitgestaltung der Erwachsenen ausgeliefert. "Kinder nerven nicht, weil sie Kinder sind, sondern weil sie in einer zeitknappen Welt diejenigen sind, die den sogenannten reibungslosen Ablauf am meisten stören. Ihre Bedürfnisse sind unberechenbar, zeitintensiv, sie können nicht warten. Als Erwachsene haben wir jedoch die Möglichkeit, Zeit - und Sorgestrukturen zu schaffen, in denen Kinder kein Zeitproblem mehr darstellen. Wir sind nicht machtlos. Doch absurderweise sehen wir das Problem meist in den Kindern, und manche Menschen bereuen es sogar, Eltern geworden zu sein. Dabei sollten wir eigentlich bereuen, dass wir bisher an unserer jetzigen Zeitkultur zu wenig gerüttelt haben. Vielleicht nerven uns gar nicht der Schlafmangel und das Geschrei, sondern dass wir uns ohnmächtig fühlen, die politischen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass es keine Überforderung mehr bedeutet, mit Kindern und Pflegebedürftigen zu leben" (S. 264). "Es ist ein Missverständnis, kinderfrei leben zu können. Denn wir alle leben mit Kindern, sie sind Teil der Gesellschaft. Daher sollten wir alle uns für Kinder und ihre Interessen mit verantwortlich fühlen, ganz unabhängig davon, ob wir selbst Eltern werden (wollen) oder nicht. In demokratischen Gesellschaften müssen wir Kinder als Menschen mit vollen Rechten in unser politisches Denken und Handeln einschließen" (S. 265). Ebenso die Analyse zu den unterschiedlichen Quantitäten und Qualitäten freier Zeit von Menschen find ich sehr interessant, um einen weiteren Blick für Lebensrealitäten andere Menschen zu erhalten. Einerseits weisen Zeitbudgeterhebungen darauf hin, dass Menschen durchaus viele freie Stunden haben, doch diese sind bei vielen wie "Zeitkonfetti" zwischen verschiedenen Verpflichtungen verteilt, sodass eine längere Beschäftigung kaum umsetzbar wäre. Im Kapitel zu Zeit für Politik wird auch nochmal deutlich, wie Machtverhältnisse verteilt sind. Wer sich in welchem Umfang engagieren kann, wessen Stimmen Gehör finden und wer sich schon lange nicht mehr oder noch nie mitgedacht fühlt. Wir benötigen viel mehr gemeinsame Zeiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen. "Denn erst, indem wir unser immenses Wissen mit Absichten und Gemeinschaft verknüpfen, geben wir ihm eine kollektive Bedeutung, aus der Veränderung erwachsen kann" (S.285). Ach Leute, ich empfehle diese Buch auf jeden Fall! Von mir bekommt es jedoch eher 4,5 statt 5 Sterne, da es sich teilweise doch leider etwas zieht, trotz der vielen wichtigen Inhalte! Ein gutes Futter für mehr Infragestellen von den scheinbar starren Gegebenheiten von gesellschaftlicher Organisation und (Lohn-)Arbeit.
Viele Menschen klagen über Zeit-Not, zu wenig freie Zeit und zu wenig Zeit, um all das zu schaffen, was am Tag geschafft werden muss. Doch woher rührt die Zeit-Not? Wo hat Sie ihren Ursprung, wie hat sich dieses Empfinden bei Menschen entwickelt und wie wirkt sich diese Zeit-Not auf unseren Alltag und unser gesamtes Leben aus? Teresa Bücker geht in ihrem Buch diesen und noch vielen weiteren Fragen auf den Grund und (er-)öffnet dem/der Hörer*innen/Leser*innen die Augen für ein immens wichtiges Thema, welches uns alle betrifft – Alleinerziehende, Singles, Familien, Jung und Alt, Akademiker*in, die Mittelschicht und von Armut betroffene Menschen. Alle haben wir nur ein begrenztes Kontingent an Zeit zur Verfügung und können diese uns zur Verfügung stehende Zeit nicht aufschieben, nicht bündeln und uns nicht für einen anderen Lebensabschnitt aufheben. In den Kapiteln wird die Zeit in unterschiedlichsten Themenblöcken analysiert und die Erkenntnisse oftmals durch Studien belegt. So wird ein großer Fokus auf die (unbezahlte und nicht ausreichend gewürdigte) Care-Arbeit(szeit), die bezahlte (Erwerbs-)Arbeitszeit und die Freizeit, von der zu viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen zu wenig haben, gelegt. („Dass Menschen spontane Entscheidungen vermissen, zeigt, dass sie es als Einschränkung erleben, freie Zeiten planen zu müssen. Wir haben Sehnsucht nach Ungeplantem.“) Auch die Wünsche von Kinder und Jugendlichen zum Thema Zeitgestaltung erhalten hier eine Stimme und das Thema Politik zieht sich durch fast das gesamte (Hör-)Buch, welches auf vielen Ebenen vielschichtig, gut argumentiert und nachvollziehbar ist. Wir erhalten einen guten und strukturierten Einblick in das Thema Zeit und die Not der Menschen, die über zu wenig Zeit verfügen. Ein großes Lob muss ich der Sprecherin Abak Safaei-Rad aussprechen, denn sie hat mit ihrer angenehmen Stimme wundervoll durch das Hörbuch geführt.
Zeit ist höchst politisch: Gerade in Zeiten von unserem Bundeskanzler Merz, der vorschlägt, die Arbeit von Gewerkschaften pretty much zu revidieren und die 40 Stunden-Woche "zu flexibilisieren", um mehr Arbeitsstunden am Tag zu erlauben - um eine ohnehin bereits veraltetes Zeitordnung nochmal menschenfeindlicher zu gestalten... Und das nur, um mehr Geld für die Wirtschaft einzuheimsen. Teresa Bücker widmet in ihrem Buch alle Zeit daher unserem Verständnis von und Umgang mit Zeit und beleuchtet das Thema aus politischer Perspektive.
Wie könnte eine Welt aussehen, in der unser Leben nicht nach der Uhr ausgerichtet ist? Wo wir statt Lohnarbeit eher Care-Arbeit, Community-Care sowie Self-Care in den Mittelpunkt stellen? Wenn allen Menschen genug Geld und vor allem Zeit zur Verfügung stehen würde, um ihr Leben so zu gestalten, wie es sich für sie richtig anfühlt? Bücker regt zum Nach- und Überdenken an, fordert uns auf, das bestehende System nicht einfach hinzunehmen, sondern genau hinzuschauen, wer davon profitiert, wenn wir schon als Kinder lernen, Zeitdruck zu empfinden - als Übergang ins Erwachsenenalter, wenn man so will. Während es auf jeden Fall ein empfehlenswerter und wichtiger intersektionaler Read ist (!), bezieht sie sich natürlich (berechtigterweise) sehr viel auf Menschen mit Kindern und teilweise pflegebedürftigen Familienmitgliedern. Es wiederholt sich zudem auch viel durch das Buch hinweg, was das Ganze etwas langatmiger (und leider auch langweiliger bzw. weniger engaging) macht. Ich denke, das Buch hätte ein wenig von Kürzung und Präzisierung profitiert und natürlich auch von mehr Fokus auf Menschen und Themen, die sich nicht um Care-Arbeit drehen. Generell hatte das Werk einen eher belehrenden Ton, was gerade in Bezug auf (fehlenden) Kinderwunsch teilweise übergriffig ankam (scheinbar ist keine Kinder haben zu wollen, nur eine Phase, wie sie an ihrem eigenen Beispiel darstellt, und viel mehr würden welche kriegen, wenn unser bestehendes Zeitsystem anders aussehe). Wer darüber hinwegsehen kann und ein generelles Interesse (und vor allem Zeit lol) mitbringt, dem kann ich dieses Werk ans Herz legen. Ich habe das Ganze als Hörbuch gehört, da ich es zum Lesen als zu trocken empfand und langsamtig empfand.
Ihr lest das jetzt bitte alle!
„Wer die gesamte Gesellschaft und ihr Wohlergehen im Blick hat, muss ein Ende der 40-Stunden-Woche fordern.“ (Seite 95) Unaufgeregt sachlich und vollgepackt mit wertvollen, klugen Gedanken lässt mich dieses Buch mit dem tiefen Wunsch zurück, es auswendig zitieren zu können. Es ist eine feministische Waffe und Totschlagargument gegen jedes spätkapitalistische, liberale Narrativ von Wachstum und Demokratie. Ich habe es verschlungen und werde es sowohl weiterverschenken, empfehlen und es selbst noch ein zweites und drittes Mal lesen. „Auszeiten, Nachdenkteiten, Zeit für Freund_innen, Care-Zeiten oder Familienzeiten, Zeit, um Gefühle zu spüren und auszuhalten, Zeit für Genesung, Zeit für Kultur, Ehrenämter und politisches Engagement, offene, unverplante Zeiten - all das sind produktive Zeiten, nur nicht im Sinne direkter wirtschaftlicher Wertschöpfung. Sie bringen Dinge hervor. Sie sind der Stoff, aus dem unsere Freiheit besteht. Sie müssen nicht verdient werden, sie stehen uns zu.“ (Seite 189)
In Alle_Zeit (2022) behandelt Teresa Bücker viele klassische feministische Fragen aus einer neuen Perspektive: unter dem Aspekt der Zeit. Gerechtigkeitsfragen sind häufig nicht über eine gerechtere Verteilung von Geld, sondern von Zeit zu lösen. Unmittelbar einleuchtend wird diese Erkenntnis mit Blick auf die care chains, wenn Mittelschichts-Paare sich Zeit "erkaufen", indem sie Care-Arbeit an weniger Privilegierte (meist Frauen) auslagern. Anders als andere Ressourcen kann Zeit nicht vermehrt, sondern nur umverteilt werden. Das macht sie kostbar und wichtig als Anknüpfungspunkt für Umverteilungsdebatten. Teresa Bücker befasst sich intensiv mit vielen Ansätzen. Insbesondere bin ich an der Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug hängen geblieben. Sie schlägt vor, den Tag - neben 8 Stunden Schlaf - in vier gleich große Bereiche einzuteilen: 4 Stunden Lohnarbeit, 4 Stunden Care-Arbeit (wozu auch Selbstsorge zählt), 4 Stunden kulturelle Arbeit (etwa auch die eigene Weiterbildung) und 4 Stunden politische Arbeit. Dabei geht es nicht so sehr um eine Richtschnur, an die sich jede*r Einzelne halten müsste. Vielmehr will die Vier-in-einem-Perspektive dazu anregen, unsere Vorstellung von Normalität zu hinterfragen und zu überdenken, wie die derzeitige Erwerbsarbeitszentrierung zugunsten einer menschlicheren Zeitgestaltung aufgelöst werden könnte. Klar ist natürlich auch, dass die wenigsten Menschen so frei über ihre Zeit verfügen können wie sie das gerne würden. Das liegt zum Beispiel an dem Phänomen von "Zeitkonfetti" (S. 193), d. h. dass wir häufig kleinere Zeitspannen zwischendurch haben, die wir nicht wirklich frei gestalten können. Deshalb lese ich Alle_Zeit primär als Anregung für ein politisches und gesellschaftliches Umdenken. Gleichzeitig finde ich es aber auch auf individueller Ebene entlastend, die eigene Zeitarmut nicht als persönliches Versagen zu denken, sondern zu erkennen, dass sie systemisch bedingt ist. Wut und Forderungen nach Veränderung sind besser als Selbstvorwürfe und Resignation.
Leben im Zeitkonfetti
Kann Zeit eine Kapitalanlage sein? Ja, sagt uns unser kapitalistisch geprägter Lebenssinn, der sich in Redewendungen wie „Zeit ist Geld“ widerspiegelt. Nein, sagt Teresa Bücker und argumentiert für ein neues Verständnis dafür, wie wir allein und gemeinschaftlich mit unserer Lebenszeit umgehen. Dabei geht es nicht nur um den absurd hohen Zeitabschnitt, die wir mit Arbeit verbringen, sondern auch um die Frage, warum Kinder mehr Macht über ihre Zeit haben sollten und warum Zeit eine gemeinschaftliche Ressource ist, die wir nicht als etwas „zu Verbrauchendes“, sondern etwas „Füllbares“ begreifen sollten. An Bückers Text begeistert hat mich, dass sie alle Bereiche unseres Lebens in einen Zusammenhang stellt und die Verbindungen scheinbar federleicht zieht und erläutert. Erst dadurch wurde mir klar, woher das Gefühl der inneren Zerrissenheit zwischen den vielen Anforderungen des Lebens kommt; das Gefühl, oft nicht genügend Zeit für mich selbst zu haben, obwohl rein rechnerisch genug Zeit bleiben müsste. Bücker hat diesem Gefühl den Namen „Zeitkonfetti“ gegeben oder ihn aufgegriffen und schon dafür bin ich dem Buch dankbar. Trotzdem bin ich häufig nicht so durch die Seiten geflogen wie erwartet, habe die Zeit oft nicht vergessen können - deswegen leider kein Highlight aber eine tolle Leseerfahrung!
„Wir alle werden nach der Uhr erzogen: Sobald wir Zeit bewusst wahrnehmen können, begegnen wir ihr als Instrument der Begrenzung, nicht als der Raum für unsere Bedürfnisse.“ In ihrem neuen Buch „Alle_Zeit“ geht die Autorin Teresa Bücker der Frage nach der Zeitgerechtigkeit auf den Grund. Immer mehr Menschen erleben und verspüren die Zeitknappheit. Nicht nur durch die Reduzierung der Erwerbsarbeit könnte die Zeitgerechtigkeit gewährleistet werden, sondern „erst wenn Care-Verantwortung gesellschaftlich respektiert und finanziell unterstützt werde, (…), werde sie für alle Geschlechter attraktiv.“ Sieben spannende Kapitel in 400 Seiten (davon 60 Seiten Quellenangaben) versucht Teresa Bücker die Zeitungerechtigkeit zu belegen. „Denn zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt.“ Schon sehr früh in der Schule lernen wir Zeit als Knappheit wahrzunehmen. Als Beispiel nennt Teresa den „(…) Wunsch eines Kindes, einen besonders schönen Aufsatz zu schreiben, wird beschnitten durch die Erwartungen der Lehrkraft, dass alle Schüler_innen den Aufsatz in 45 Minuten fertigstellen. Zeitknappheit kann also nicht nur von innen im Kontext der eigenen Ansprüche entstehen, sondern auch von außen über die Ansprüche anderer Menschen an uns.“ Außerdem lernen wir schon sehr früh, „dass Schnelligkeit belohnt und Langsamkeit bestraft wird“, was wiederum unsere Zeitknappheit und die Ungerechtigkeit darstellt. Demzufolge müssen neue Strukturen in den Schulen etabliert werden. Wir sind oft davon besessen jede freie Minute mit Bedeutung zu stopfen, damit wir uns im nach hinein ja nicht schlecht fühlen sollen, weil „die Nutzung unserer Zeit soll etwas produzieren, sie soll ein Ergebnis hervorbringen, auf das man sich später beziehen kann.“ Ständig kontrollieren wir, wie wir die Zeit im Alltag erschöpfend nutzen können - das sich auch als Zeitkonfetti versteht. Erschreckend ist, wie wir als Gesellschaft die Arbeit als Priorität setzen und dabei die soziologischen Aspekte des Menschen komplett vernachlässigen. Man richtet sich öfter nach der Arbeit, als andersrum, sprich, dass wir mehr Zeit für etwas verbringen, was uns auf Dauer nicht glücklich macht (dazu gibt es viele Studien und Umfragen im Buch). Wenn wir die Zeitkultur neu denken sollen – und das müssen wir – dann würde sich nicht nur unsere Lebensqualität verbessern, sondern als Gesellschaft würden wir mehr erreichen können. Vor allem erschrocken war ich, dass „die jährlich geleisteten Überstunden über 900.000 Vollzeitjobs schaffen könnten.“ Es kann nicht sein, dass man sich für freie Zeit den Rücken krumm machen muss, um sich dann nur 20 Tage im Jahr (in der Schweiz) freie Zeit leisten zu können, die wir dann versuchen mit ‚sinnvollen‘ Dingen zu füllen, um keine Zeitverschwendung zu schaffen. Was mir sehr gefallen hat, war die Sprache. Bei Sachbüchern stoße ich oft auf Stolpersteine, weil sie gefühlt nur für Akademiker_innen geschrieben sind und so die barrierefreie Sprache verletzt wird. Dieser wissenschaftliche Text schafft es mit einer klugen und doch einfachen Sprache die Thematik für viele zugänglicher zu machen. Zu jedem Unterkapitel wird die Problematik der Zeitungerechtigkeit gefasst, die wiederum mit Fakten und Quellen belegt und anschließend mit Lösungen und Kritik beschrieben wird. Was abermals die Objektivität als auch die Subjektivität schöne Konturen gibt. Lest dieses Buch und achtet nicht auf die Zeit. Mir ist aufgefallen, dass das Wort Zeit so vielseitig benutzt werden kann, dass es zu meinem Lieblingswort wurde. „Der große Unterschied zwischen Zeit und Geld ist, dass Geld sich zusätzlich verteilen lässt und das beispielsweise über die Erhöhung von Mindestlöhnen, die Einführung eines Grundeinkommens oder veränderte Steuersätze finanzielle Ungleichheiten abgebaut werden können. Der Staat kann jedoch aus seinem eigenen Budget Menschen keine zusätzliche Zeit geben und auch keine Schulden aufnehmen, um ihre Zeitarmut zu reduzieren.“
Gönnt euch diese Zeit für dieses Buch!
„Wir alle werden nach der Uhr erzogen: Sobald wir Zeit bewusst wahrnehmen können, begegnen wir ihr als Instrument der Begrenzung, nicht als der Raum für unsere Bedürfnisse.“ In ihrem neuen Buch „Alle_Zeit“ geht die Autorin Teresa Bücker der Frage nach der Zeitgerechtigkeit auf den Grund. Immer mehr Menschen erleben und verspüren die Zeitknappheit. Nicht nur durch die Reduzierung der Erwerbsarbeit könnte die Zeitgerechtigkeit gewährleistet werden, sondern „erst wenn Care-Verantwortung gesellschaftlich respektiert und finanziell unterstützt werde, (…), werde sie für alle Geschlechter attraktiv.“ Sieben spannende Kapitel in 400 Seiten (davon 60 Seiten Quellenangaben) versucht Teresa Bücker die Zeitungerechtigkeit zu belegen. „Denn zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt.“ Schon sehr früh in der Schule lernen wir Zeit als Knappheit wahrzunehmen. Als Beispiel nennt Teresa den „(…) Wunsch eines Kindes, einen besonders schönen Aufsatz zu schreiben, wird beschnitten durch die Erwartungen der Lehrkraft, dass alle Schüler_innen den Aufsatz in 45 Minuten fertigstellen. Zeitknappheit kann also nicht nur von innen im Kontext der eigenen Ansprüche entstehen, sondern auch von außen über die Ansprüche anderer Menschen an uns.“ Außerdem lernen wir schon sehr früh, „dass Schnelligkeit belohnt und Langsamkeit bestraft wird“, was wiederum unsere Zeitknappheit und die Ungerechtigkeit darstellt. Demzufolge müssen neue Strukturen in den Schulen etabliert werden. Wir sind oft davon besessen jede freie Minute mit Bedeutung zu stopfen, damit wir uns im nach hinein ja nicht schlecht fühlen sollen, weil „die Nutzung unserer Zeit soll etwas produzieren, sie soll ein Ergebnis hervorbringen, auf das man sich später beziehen kann.“ Ständig kontrollieren wir, wie wir die Zeit im Alltag erschöpfend nutzen können - das sich auch als Zeitkonfetti versteht. Erschreckend ist, wie wir als Gesellschaft die Arbeit als Priorität setzen und dabei die soziologischen Aspekte des Menschen komplett vernachlässigen. Man richtet sich öfter nach der Arbeit, als andersrum, sprich, dass wir mehr Zeit für etwas verbringen, was uns auf Dauer nicht glücklich macht (dazu gibt es viele Studien und Umfragen im Buch). Wenn wir die Zeitkultur neu denken sollen – und das müssen wir – dann würde sich nicht nur unsere Lebensqualität verbessern, sondern als Gesellschaft würden wir mehr erreichen können. Vor allem erschrocken war ich, dass „die jährlich geleisteten Überstunden über 900.000 Vollzeitjobs schaffen könnten.“ Es kann nicht sein, dass man sich für freie Zeit den Rücken krumm machen muss, um sich dann nur 20 Tage im Jahr (in der Schweiz) freie Zeit leisten zu können, die wir dann versuchen mit ‚sinnvollen‘ Dingen zu füllen, um keine Zeitverschwendung zu schaffen. Was mir sehr gefallen hat, war die Sprache. Bei Sachbüchern stoße ich oft auf Stolpersteine, weil sie gefühlt nur für Akademiker_innen geschrieben sind und so die barrierefreie Sprache verletzt wird. Dieser wissenschaftliche Text schafft es mit einer klugen und doch einfachen Sprache die Thematik für viele zugänglicher zu machen. Zu jedem Unterkapitel wird die Problematik der Zeitungerechtigkeit gefasst, das wiederum mit Fakten und Quellen belegt und anschließend mit Lösungen und Kritik beschrieben wird. Was abermals die Objektivität als auch die Subjektivität schöne Konturen gibt. Lest dieses Buch und achtet nicht auf die Zeit. Mir ist aufgefallen, dass das Wort Zeit so vielseitig benutzt werden kann, dass es zu meinem Lieblingswort wurde. „Der große Unterschied zwischen Zeit und Geld ist, dass Geld sich zusätzlich verteilen lässt und das beispielsweise über die Erhöhung von Mindestlöhnen, die Einführung eines Grundeinkommens oder veränderte Steuersätze finanzielle Ungleichheiten abgebaut werden können. Der Staat kann jedoch aus seinem eigenen Budget Menschen keine zusätzliche Zeit geben und auch keine Schulden aufnehmen, um ihre Zeitarmut zu reduzieren.“

Zeitgerechtigkeit als politische und soziale Frage
In „Alle_Zeit“ setzt sich Teresa Bücker mit einem Thema auseinander, das im gesellschaftlichen Diskurs oft übersehen wird: Zeit. Genauer gesagt, mit der ungleichen Verteilung von Zeit und den Machtverhältnissen, die damit verknüpft sind. Für Bücker ist Zeitgerechtigkeit keine individuelle Frage von Organisation oder Disziplin, sondern ein politisches Thema, eng verwoben mit Geschlecht, sozialer Herkunft, Care-Arbeit und dem Kapitalismus. Besonders überzeugend ist ihre Analyse der strukturellen Bedingungen, unter denen Menschen heute leben und arbeiten. Bücker beschreibt, wie unsere Zeitverhältnisse systematisch bestimmte Gruppen, insbesondere Frauen* und Menschen mit Sorgeverantwortung, benachteiligen. Sie fordert eine neue Zeitkultur, die auf kollektive Bedürfnisse und soziale Teilhabe ausgerichtet ist, und verknüpft theoretische Überlegungen mit Beispielen aus dem Alltag. So gelingt es ihr, das Thema greifbar zu machen und in einen politischen Zusammenhang zu stellen. Allerdings zieht sich das Buch stellenweise in die Länge. Einige Passagen wirken wiederholend, und nicht alle Argumentationslinien sind gleichermaßen schlüssig aufgebaut. An manchen Stellen fehlt zudem eine stärkere Differenzierung, etwa im Blick auf die unterschiedlichen Lebensrealitäten innerhalb der Gruppe der Frauen* oder auf intersektionale Aspekte von Zeitungleichheit. Hier bleibt die Analyse stellenweise zu allgemein. Trotz dessen ist „Alle_Zeit“ ein kluges und relevantes Buch. Teresa Bücker gelingt es, Zeit als soziale Ressource sichtbar zu machen und eine Vision davon zu entwerfen, wie ein gerechterer Umgang mit Zeit aussehen könnte. Mit einer Bewertung von 4/5 ist es eine Lektüre für alle, die Gesellschaft anders denken wollen und Zeit nicht länger als Privatsache verstehen.
„Wer die gesamte Gesellschaft und ihr Wohlergehen im Blick hat, muss ein Ende der 40-Stunden-Woche fordern.“ (Seite 95) Unaufgeregt sachlich und vollgepackt mit wertvollen, klugen Gedanken lässt mich dieses Buch mit dem tiefen Wunsch zurück, es auswendig zitieren zu können. Es ist eine feministische Waffe und Totschlagargument gegen jedes spätkapitalistische, liberale Narrativ von Wachstum und Demokratie. Ich habe es verschlungen und werde es sowohl weiterverschenken, empfehlen und es selbst noch ein zweites und drittes Mal lesen. „Auszeiten, Nachdenkteiten, Zeit für Freund_innen, Care-Zeiten oder Familienzeiten, Zeit, um Gefühle zu spüren und auszuhalten, Zeit für Genesung, Zeit für Kultur, Ehrenämter und politisches Engagement, offene, unverplante Zeiten - all das sind produktive Zeiten, nur nicht im Sinne direkter wirtschaftlicher Wertschöpfung. Sie bringen Dinge hervor. Sie sind der Stoff, aus dem unsere Freiheit besteht. Sie müssen nicht verdient werden, sie stehen uns zu.“ (Seite 189)
Alle Zeit - Eine Frage von Macht und Freiheit von Teresa Bücker beschäftigt sich mit dem Thema Gerechtigkeit von Zeit. Obwohl allen Menschen 24 Stunden am Tag an Zeit zur Verfügung stehen, also im Grunde eigentlich alle gleich viel Zeit haben, ist das Verhältnis, wie man über Zeit verfügen kann, nicht gerecht - solange Care Arbeit nicht entlohnt wird und Menschen 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen, damit es zum Leben reicht. Denn wenige verdienen so viel, dass beispielsweise eine Person Vollzeit arbeiten und die andere sich um Haushalt, Kindererziehung und -betreuung und/oder die Pflege Angehöriger kümmern kann. Und selbst wenn das finanziell stemmst wäre, würde die entsprechende Person bei der Rente dann ziemlich dumm aus der Wäsche gucken. Die Realität sieht vielmehr so aus, dass zu den 8 Stunden Erwerbsarbeit noch einige Stunden an unbezahlter Arbeit on top kommen, keine Zeit für Me-Time und Freund*innen oder Hobbies bleibt und es auch sehr oft keine 8 Stunden Schlaf gibt. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Das Hamsterrad erinnert mich sehr gut an die grauen Männer aus Momo, die die Zeit stehlen, auch mir geht es nach einem Arbeitstag so, dass ich froh bin, wenn ich wenigstens ein paar Punkte der To Do Liste abhaken kann - der Rest wird dann selbstverständlich aufs Wochenende geschoben. Erholung? Ist nicht. Fände es toll, wenn die Politik da was klar machen könnte, glaube aber ehrlich gesagt noch nicht wirklich dran. Trotzdem war die Lektüre sehr aufschlussreich und sollte insbesondere von „Machtmenschen“ gelesen werden.
Ironischerweise wäre meine Bewertung wahrscheinlich etwas besser ausgefallen, hätte ich beim Lesen nicht einen gewissen Zeitdruck empfinden. Hinzu kommt, dass ich gemerkt habe, dass ich solche Texte lieber auf Papier als als ebook lese (wo zusätzlich die Formatierung eher schlecht war). Insgesamt hat mich dieses Buch sehr zum Nachdenken gebracht. Es arbeitet klar heraus, dass die politische Dimension von Zeit aktuell viel zu wenig Beachtung findet. Darüber hinaus hat mich insbesondere der Beginn sehr reflektieren lassen, welche Dinge ich als relevant für mein Leben und meine Identität ansehe. In der Mitte des Buches wiederholte sich einiges für meinen Geschmack etwas zu oft, ohne wirkliche neue Perspektiven aufzuzeigen, auch dadurch, dass die Kapitel nicht immer trennscharf waren - wobei die Themen natürlich auch miteinander vernetzt sind. In jedem Fall würde ich dieses Buch weiterempfehlen.
Ich habe mich so lange auf dieses Buch gefreut und hab es jetzt endlich zu Ende gelesen. Es ist wieder so ein Werk, dass ich gerne allen in die Hand drücken würde. Es rüttelt wach und entwirft eine Zukunft, die ich mir herbeisehne. Teresa Bücker schreibt zudem unglaublich schön. Trotzdem habe ich „nur“ vier Sterne gegeben, da manche Aspekte (besonders in der ersten Hälfte) für mein Empfinden zu oft wiederholt wurden und sich das Buch gezogen hat.





























