"Zu wenig Zeit zu haben, ist kein individuelles Problem, es ist gesellschaftlich erzeugt."
In 7 Kapiteln: 1 Warum die Zeit niemals reicht 2 Arbeits_Zeit 3 Zeit für Care 4 Freie Zeiten 5 Zeit und Macht mit Kindern teilen 6 Zeit für Politik (K)eine Utopie hat Teresa Bücker mich auf eine ganz besondere Reise zum Nachdenken über Zeit mitgenommen. Sehr oft habe ich das Gefühl einfach keine Zeit oder nie genug Zeit zu haben. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich liebend gern noch viele weitere Projekte angehen wollen. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die "zu viel wollen" (vgl. S. 20). "Zeitknappheit zu empfinden kann ein Klassenphänomen sein. Diejenigen, die im Job busy sind, sind es oft auch in ihrer freien Zeit" (S.29). Dieses Buch hat mich sehr viel zum Denken angeregt. Ich find's super spannend, wie relevant Zeitpolitik und Zeitverteilung für eine demokratische Gesellschaft ist. Ich hatte diese Brücke zuvor gar nicht so genau auf dem Schirm gehabt. Schon lange war für mich klar, dass eine Vollzeitarbeit für mich nicht in Frage kommt. Zu wichtig sind mir ehrenamtliches Engagement, Zeit für Freund*innen, sportliche Aktivitäten, Aktivismus und Momente der Ruhe. Manchmal ist mir bewusst, in welcher priviligierten Situation ich mich mit dieser Entscheidungsfreiheit befinde. Ich habe keine Kinder, pflege keine Angehörigen, habe wenig ganz konkrete Verpflichtungen im Alltag und bin an "wenig" Geld gewohnt und strebe keinen finanziellen Wohlstand an. Die verschiedenen Modelle zu Arbeitstagen finde ich auch sehr spannen! Z.B. Frigga Haugs 16-Stunden-Tag: "vier Stunden Lohnarbeit, vier Stunden Care-Arbeit (die neben der Sorge für andere auch die Sorge für sich selbst einschließt), vier Stunden kulturelle Arbeit (zum Beispiel die eigene Weiterbildung) sowie vier Stunden politische Arbeit" (S. 107). Der Exkurs zu Care-Arbeit und Zeit und Macht mit Kindern teilen hat mir nochmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, füreinander Sorge zu tragen und sich nicht zu sehr auf me-time Momente zu fokussieren. "Care kann erst dann zu einer Gesellschaftsaufgabe werden, wenn alle sich an ihr beteiligen können und dafür von den immensen zeitlichen Anforderungen ihrer Vollzeitjobs entlastet werden" (S. 174). Insbesondere Kinder sind der Zeitgestaltung der Erwachsenen ausgeliefert. "Kinder nerven nicht, weil sie Kinder sind, sondern weil sie in einer zeitknappen Welt diejenigen sind, die den sogenannten reibungslosen Ablauf am meisten stören. Ihre Bedürfnisse sind unberechenbar, zeitintensiv, sie können nicht warten. Als Erwachsene haben wir jedoch die Möglichkeit, Zeit - und Sorgestrukturen zu schaffen, in denen Kinder kein Zeitproblem mehr darstellen. Wir sind nicht machtlos. Doch absurderweise sehen wir das Problem meist in den Kindern, und manche Menschen bereuen es sogar, Eltern geworden zu sein. Dabei sollten wir eigentlich bereuen, dass wir bisher an unserer jetzigen Zeitkultur zu wenig gerüttelt haben. Vielleicht nerven uns gar nicht der Schlafmangel und das Geschrei, sondern dass wir uns ohnmächtig fühlen, die politischen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass es keine Überforderung mehr bedeutet, mit Kindern und Pflegebedürftigen zu leben" (S. 264). "Es ist ein Missverständnis, kinderfrei leben zu können. Denn wir alle leben mit Kindern, sie sind Teil der Gesellschaft. Daher sollten wir alle uns für Kinder und ihre Interessen mit verantwortlich fühlen, ganz unabhängig davon, ob wir selbst Eltern werden (wollen) oder nicht. In demokratischen Gesellschaften müssen wir Kinder als Menschen mit vollen Rechten in unser politisches Denken und Handeln einschließen" (S. 265). Ebenso die Analyse zu den unterschiedlichen Quantitäten und Qualitäten freier Zeit von Menschen find ich sehr interessant, um einen weiteren Blick für Lebensrealitäten andere Menschen zu erhalten. Einerseits weisen Zeitbudgeterhebungen darauf hin, dass Menschen durchaus viele freie Stunden haben, doch diese sind bei vielen wie "Zeitkonfetti" zwischen verschiedenen Verpflichtungen verteilt, sodass eine längere Beschäftigung kaum umsetzbar wäre. Im Kapitel zu Zeit für Politik wird auch nochmal deutlich, wie Machtverhältnisse verteilt sind. Wer sich in welchem Umfang engagieren kann, wessen Stimmen Gehör finden und wer sich schon lange nicht mehr oder noch nie mitgedacht fühlt. Wir benötigen viel mehr gemeinsame Zeiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen. "Denn erst, indem wir unser immenses Wissen mit Absichten und Gemeinschaft verknüpfen, geben wir ihm eine kollektive Bedeutung, aus der Veränderung erwachsen kann" (S.285). Ach Leute, ich empfehle diese Buch auf jeden Fall! Von mir bekommt es jedoch eher 4,5 statt 5 Sterne, da es sich teilweise doch leider etwas zieht, trotz der vielen wichtigen Inhalte! Ein gutes Futter für mehr Infragestellen von den scheinbar starren Gegebenheiten von gesellschaftlicher Organisation und (Lohn-)Arbeit.


























