Muskeln aus Plastik

Muskeln aus Plastik

Ebook
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Description

„Dieses Buch zu lesen ist wie Herzrasen in Slow Motion. Es tut weh, und das ist schön.“ Fatma Aydemir Kay ist schwer verknallt – und schwer erkrankt. Auf den Crush folgt jedes Mal ein Crash, auf starkes Herzklopfen Migräne, auf Knutschen Gliederschmerzen. Während Kay versucht, den Folgen von Long Covid zu entkommen, bringen nur die Sehnsucht nach Aron und der Wunsch nach einem starken, androgynen Körper Linderung. „Muskeln aus Plastik“ beschäftigt sich mit chronischer Erkrankung und Transness – und der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft über „gesunde“ Körper nachdenkt und spricht. Gibt es überhaupt eine Sprache für Schmerz? Jenseits aller formalen und intellektuellen Traditionen untersucht Selma Kay Matter die dünne Linie zwischen Lust und Schmerz und erdenkt dabei neue Formen von Care, Intimität und queerem Widerstand – ein beeindruckendes, intuitives und bewegendes Debüt.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Ebook
Pages
240
Price
14.99 €

Author Description

Kay Matter, aufgewachsen in Zürich und Norditalien, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Matter ist Autor*in der Stücke "Alice verschwindet", "Alias Anastasius" und "Grelle Tage". Letzteres erschien 2023 als Buch und wurde mit dem Hans-Gratzer-Preis 2022 und dem Nestroy-Preis 2023 ausgezeichnet. "Muskeln aus Plastik" (noch erschienen unter dem Namen Selma Kay Matter) ist Matters erstes Prosawerk.

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“Ich hätte lieber Schmerzen gehabt, die positive Aufmerksamkeit brachten; einen Knochenbruch, eine Platzwunde; stattdessen wurde ich früh mit den Stigmata langsamer Erkrankungen versehen; Neurodermitis, Depression, Migräne, Allergien.” (S. 99) Wenn ein junger Mensch von einer nach außen nicht sichtbaren, chronischen Krankheit betroffen ist, dann wohnt dieser Tatsache eine besondere Tragik inne, die abgekoppelt existiert von der allgemeinen Tragik, die jede schwere Krankheit mit sich bringt. Selma Kay Matter (1998 geboren), Autor*in von “Muskeln aus Plastik”, ist von vielen solcher Krankheiten betroffen, die deren Leben bestimmen. Matter ist seit Kindheit chronisch krank, das Buch beginnt als dey nach einer Corona-Erkrankung auf das "Fatigue-Syndrom" und/oder auf Long Covid untersucht wird. “Muskeln aus Plastik” ist ein hoch intellektueller Text, gespickt mit Zitaten und Querverweisen, voller Fußnoten, Quellenangaben und spezieller Begrifflichkeiten, von denen ich viele erstmal nachschlagen musste. Die Kapitel haben unterschiedliche Schwerpunkte, manche sind surreal, manche sehr intellektuell-wissenschaftlich, oft erkennt man in den dialogisch geprägten Abschnitten deren Profession als Dramatiker*in. Der autobiografische Fokus: Das Aufwachsen in privilegierten Verhältnissen in der Schweiz, die Weiterentwicklung hin zu einem unabhängigen Leben in Berlin, das Bedürfnis nach Care und körperlicher Zuwendung, Transidentität. Ist es ein autofiktional-literarisches Sachbuch? Vielleicht am ehesten. Der Text inspiriert jedenfalls, er animiert mich dazu, weiter zu denken: Der Körper als Gefängnis, Schillers Aussage: “Es ist der Geist, der sich den Körper baut.” Dey setzt sich zum Beispiel mit dem Wesen des Schmerzes auseinander: "Alles ist im Verhältnis zum Schmerz” (S. 93). Selma Kay Matter macht sich komplett nackt vor uns Lesenden. Dey verhüllt sich selbst nicht, indem dey sich in eine literarische Persona zurückzieht und lediglich den Anschein eines autofiktionalen Einflusses geltend macht. Nein, dieses Buch ist - so nennt dey es in den Fußnoten - kein Roman, sondern ein “Essay”. Ich würde sagen, es ist ein experimenteller schriftstellender Versuch, sich die eigene Krankheit, die deren ganzes Wesen bestimmt, komplett zu erklären. Dey sagt zum Beispiel: “Seit ich Schmerz empfinde, sehne ich mich nach einer Sprache dafür.” (S. 94) Matter schreibt über die Einsamkeit des Schmerzes, über die Dramen, die sich im eigenen Inneren einer kranken Person abspielen. Dey schreibt über den Wunsch, sich mitzuteilen und die Unmöglichkeit, dies jemals komplett zu erreichen. Schmerzempfinden ist sprachlos. Und dennoch ist das vorliegende Buch ein Versuch, den Schmerz zu teilen, ihn sichtbar zu machen. Auch ist es eine Möglichkeit der Verweigerung des eigenen Daseins in der Schriftlichkeit, schließlich hadert Selma Kay an mehreren Stellen im Buch mit der eigenen Vergänglichkeit: “Vielleicht ist das auch, warum ich schreibe: um das Geschehen zu zwingen, bleibende Spuren zu hinterlassen, anstatt spurlos in der Ewigkeit zu verschwinden.” (S. 51) Natürlich sind Geschlechtsidentität und Sexualität auch immer auf den Körper bezogen und wichtige Themen in “Muskeln aus Plastik”. Matter bezeichnet sich selbst als “nicht binäre trans* Person” (S. 202) und wir dürfen dey etwas auf deren körperlicher Transformation begleiten. Auch deren trans*Freund*innen Aron und Ilay lernen wir kennen und die warmherzige Solidarität, die zwischen diesen Menschen herrscht. Das Konzept von “Care-Arbeit” und überhaupt Care als existenziell bedeutsamer Faktor, der gesucht und so selten in seiner Vollkommenheit gefunden wird, von denen, die der Care bedürfen. Das Buch hat einen großen Mehrwert und die lesende Person geht mit Sicherheit klüger raus als am Anfang. Ein philosophisches Buch mit schweren Themen, das dennoch eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlt. Eine Empfehlung für alle, die sich mit der Dichotomie von Krankheit und Gesundheit sowie dem Wesen des Schmerzes näher auseinandersetzen möchten.

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„Muskeln aus Plastik“ ist ein Roman, der fordert, der irritiert, der nachhallt.

Der Debütroman „Muskeln aus Plastik“ von Autor*in und Theatermacher*in Selma Kay Matter ist ein vielschichtiges Werk, das intersektionale Perspektiven auf Themen wie chronische Erkrankung und Long Covid, Transition, Queerness und die Suche nach dem Selbst eröffnet. Wer eine klassische Autobiografie erwartet, wird rasch eines Besseren belehrt: Der Text oszilliert zwischen autobiografischen Elementen, Fiktion und essayistischen Reflexionen, durchzogen von Anklängen an Queer- und Crip-Theory, verknüpft mit gehaltvollen, inspirierenden Fußnoten. Besonders beeindruckend ist Matters tiefgehende Auseinandersetzung mit Krankheit und Schmerz – nicht nur mit dem leiblichen Erleben, sondern auch mit jenem zusätzlichen Schmerz, der aus der Gewissheit der eigenen Erkrankung und der fehlenden Sprache für diese Erfahrung erwächst. Der gesellschaftliche Umgang mit Schmerz wird kritisch beleuchtet: Akute, sichtbare Verletzungen rufen Mitgefühl und Care hervor, während chronische Erkrankungen häufig an den Rand der Wahrnehmung gedrängt werden. Matter schreibt: „Ich hätte lieber Schmerzen gehabt, die positive Aufmerksamkeit brachten; einen Knochenbruch, eine Platzwunde; stattdessen wurde ich früh mit den Stigmata langsamer Erkrankungen versehen.“ (S. 99) Damit verknüpft ist die Frage nach Heilung – jedoch nicht im engen, klinischen Sinne des Gesundwerdens, sondern als ein vielschichtiger, sozial-emotionaler und politischer Prozess. Matter verortet eine mögliche Antwort „irgendwo zwischen Wut und Community, zwischen Care und Politisierung, zwischen Durchhalten und einem Nachgeben, das jedoch kein Aufgeben ist.“ (S. 205) Zugegeben, es dauerte eine Weile, bis ich mich auf Matters Stil einlassen konnte – doch einmal eingetaucht, ließ mich der Text nicht mehr los. „Muskeln aus Plastik“ ist ein Roman, der fordert, der irritiert, der nachhallt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Werk eines Tages auch eine szenische Inszenierung erfährt – ich wäre auf jeden Fall im Publikum.

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Ergreifender Pageturner

Klappentext: „Selma Kay Matter schreibt über Long COVID, Transition, queeres Begehren und die ewige Suche nach einer Sprache für Schmerz - ein bewegendes Debüt.“ Weitere Themen: Freundschaft, Magersucht, Ableismus, … Da kann ich nur zustimmen. Ich habe das Buch nur so verschlungen und von cover zu cover innerhalb eines Tages gelesen. Ich konnte das Buch gar nicht weglegen und war total gefasst und bewegt von der mitreißenden, bildhaften und vielseitigen Erzählung. Ich habe Selma Kay Matter bereits auf einer Lesung bei dem Vortragen des eigenen Buches zugehört und die Lektüre des Buches hat das ganze noch zusätzlich auf ein anderes, viel intensiveres Level gehoben. Es ist wunderschön, zu lesen, wie die Charaktere der Erzählung zusammenwachsen, wie sie ein Netzwerk, eine chosen family, eine Unterstützung für einander bilden. Gleichzeitig ist es so erschütternd, die Beschreibungen der Betroffenen von Long COVID und ME/CFS so bildhaft vor Augen geführt zu bekommen. Außerdem gibt es wissenschaftliche Einordnungen. Für mich ein eye-opener. Zitate: „Weißt du Ilay… Ich frage mich manchmal, wie ich Grenzen ziehen kann, wenn es eigentlich darum geht, dass meine Bedürfnisse ignoriert werden. Ich habe halt gar keinen Spielraum, mich weiter abzugrenzen, weil ich ja im Gegenteil die Präsenz der anderen brauche.“ (S. 90) „Zum anderen aber, denke ich, und das erscheint mir noch wichtiger, war unser Problem mit Rosa, dass die Konfrontation mit Rosas Schmerz unseren eigenen Schmerz irreal machte.“ (S. 118) „Ich frage mich, ob und wie Heilung möglich ist, für Leute wie Ilay und mich: Heilung in einem nichtmedizinischen Sinne, Heilung ≠ „Gesundwerden“ nach klinischen Kriterien.“ (S.205) Man merkt so sehr, wie intensiv sich Selma Kay Matter mit der Thematik, der aktuellen Gesellschaftlichen Debatte und neuen Ansätzen zum Thema Care-Arbeit auseinandergesetzt hat. Sehr inspirierend. Greift zu!

Ich finde es gerade extrem schwer, dieses Buch zu reviewen. Erst mal ist es natürlich extrem schön, dass es diesen Text gibt und ich habe viel gelernt. Mir hat insbesondere Matters radikale Ehrlichkeit gefallen. Allerdings war er teilweise etwas holprig zu lesen. Zum einen gab es einen ständigen Wechsel von deutsch zu englisch und Denglish. Dann wurden auch sehr viele Fachbegriffe eingeführt und verwendet, was natürlich in diesem Kontext Sinn ergibt, aber ehrlich gesagt kam ich irgendwann nicht mehr so richtig mit. Das kann auch daran liegen, dass ich das Buch relativ schnell lesen musste und unter anderen Umständen hätte ich mich noch mal tiefer damit beschäftigt. Nichtsdestotrotz habe ich auch schon wissenschaftliche Texte gelesen, bei denen es mir leichter fiel die ganzen Begriffe auch in kurzer Zeit einzuordnen. Ich würde schon sagen, dass das Buch sehr lesenswert ist, aber man sollte auf jeden Fall genug Zeit und Kapazitäten investieren!

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Hatte einen Roman erwartet und war teilweise mit sehr theoretischen Textpassagen überfordert. Dennoch einige Literaturhinweise mitgenommen und durch die romanartigen Textpassagen geflogen. Tolles Buch, das Intersektionalität schreit und zeigt, wie eindrücklich Stimmen von Betroffenen sind und warum sie in den Mainstream gehören.

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I already knew I needed this book in my life but reading it made me realize even more how much I actually did. ganz ganz gaaaanz viel liebe

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Unlesbar. Schmerzvolle, privilegierte Perspektive¹ auf eine chronische Krankheit. ¹ Inklusive unzähliger, actually überflüssiger footnotes (Dt.: Fußnoten) und very, very contemporary Anglizismen*. *Vgl. S. 61 : "Ich frage mich: Liegt in diesem Begehrtwerden als (scheinbar) fitte abled passing Person neben dem Empowerment für mich als trans-masc* Enbyauch ein Ermächtigungspotenzial im Hinblickauf meine chronische Erkrankung? Will sagen: Was bedeutet Drag - dis-abled to abled - im Kontext von Disability, unter Berücksichtigung der herrschenden Machtverhältnisse? Darf abling up ⁴², in Abgrenzung zu abled passing, als lustvolles Spiel existieren? ⁴² Den Begriff habe ich in Abgrenzung zu cripping up erfunden. Medial wird cripping uphäufig auch (ungenauerweise) als disability dragbezeichnet." Ok bro.

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