
Mit „Malacarne“ setzt Beatrice Salvioni die Geschichte ihrer beiden ungleichen Heldinnen aus ihrem Debütroman „Malnata“ fort – und führt sie in eine deutlich düsterere, politisch aufgeladene Welt. Was im Vorgänger noch von jugendlicher Rebellion und wilder Freundschaft geprägt war, wird hier zu einer Erzählung über Brüche, Entfremdung und Entscheidungen unter extremen Bedingungen. Mit großer erzählerischer Kraft schildert Salvioni die Geschichte zweier junger Frauen, die sich in einer von Faschismus, Gewalt und gesellschaftlichen Zwängen geprägten Welt ihren eigenen Weg erkämpfen wollen. Im Mittelpunkt stehen erneut Francesca und Maddalena, zwei Figuren, die unterschiedlicher kaum sein könnten und gerade deshalb eine so faszinierende Verbindung eingehen. Ihre Freundschaft bildet das emotionale Herz des Romans, trägt aber inzwischen tiefe Risse. Vier Jahre Trennung – geprägt von Gewalt, Isolation und gesellschaftlicher Ausgrenzung – haben Spuren hinterlassen. Besonders Maddalenas Rückkehr aus der Internierung ist eindringlich geschildert: Sie ist äußerlich dieselbe, innerlich jedoch kaum wiederzuerkennen. Salvioni zeigt hier eindrucksvoll, wie Traumata Menschen verändern und Beziehungen erschüttern können. Die große Stärke des Romans liegt in seiner emotionalen Wucht. Die Verbindung zwischen den beiden Frauen bleibt trotz aller Distanz spürbar – ein unsichtbares Band, das immer wieder auf die Probe gestellt wird. Gleichzeitig entfaltet sich vor dem Hintergrund des italienischen Faschismus eine zweite, politische Ebene: Während Francesca langsam in den Widerstand hineinwächst, sucht Maddalena ausgerechnet Nähe zu einem Vertreter des Regimes. Diese gegensätzliche Entwicklung sorgt für Spannung und verleiht der Geschichte eine tragische Dynamik. Beeindruckend ist auch die Art, wie Salvioni weiblichen Widerstand darstellt. Während Francesca offen gegen die gesellschaftlichen und politischen Strukturen rebelliert, kämpft Maddalena subtiler, klüger und oft im Verborgenen. Beide Frauen verweigern sich den Rollenbildern ihrer Zeit und entwickeln eine bemerkenswerte Stärke, die den gesamten Roman trägt. Dadurch wird „Malacarne“ nicht nur zu einem bewegenden Historiendrama, sondern auch zu einem kraftvollen feministischen Roman von großer Aktualität. Der Schreibstil ist atmosphärisch, intensiv und gleichzeitig unglaublich flüssig. Salvioni erschafft lebendige Bilder des Italiens der 1940er-Jahre – geprägt von Faschismus, Angst und Krieg, aber auch von Hoffnung, Mut und Menschlichkeit. Die historischen Hintergründe wirken hervorragend recherchiert und verweben sich nahtlos mit den persönlichen Schicksalen der Figuren. „Malacarne“ ist ein Roman über Freundschaft, Verrat, Widerstand und weibliche Selbstbestimmung. Emotional, klug und voller Intensität erzählt Beatrice Salvioni eine Geschichte, die lange nachhallt und tief berührt. Wer literarische historische Romane mit starken Frauenfiguren und gesellschaftlicher Relevanz liebt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Aus dem Italienischen von Anja Nattefort.









