Zwischen Alltagskummer und leiser Hoffnung
Mariana Leky hat mit „Kummer aller Art“ ein Buch geschrieben, das genau das macht, was der Titel vielleicht zu Beginn nicht vermuten lässt. Es spendet Trost. Die 39 kurzen Geschichten, die ursprünglich als Kolumnen in Psychologie Heute veröffentlicht wurden, erscheinen wie kleine Alltagsbeobachtungen, die jedoch viel mehr Tiefe haben, als man zunächst annimmt. Eine erzählende Beobachterin, die mit offenen Augen und großem Interesse durch ihr Leben geht, steht im Mittelpunkt. Sie berichtet von NachbarInnen, FreundInnen, der Familie und zufälligen Begegnungen. Von Leuten, die schlecht schlafen, Angst vor Aufzügen und Öffis haben, verliebt sind oder unter Liebeskummer leiden. Erzählungen aus dem Alltag. Und von Amalia Anastasia (meine Lieblingsgeschichte) Die Autorin nimmt die kleinen Probleme des Alltags ernst, ohne sie unnötig zu verkomplizieren. Sie macht sich nie über ihre Figuren lustig und wird nie sentimental. Stattdessen sieht sie ihre Mitmenschen mit einer Wärme und Zugewandtheit, die mich beim Lesen immer wieder berührt hat. Herrn Pohl, dessen Hoffnungslosigkeit so tief verwurzelt ist, habe ich von Geschichte zu Geschichte mehr ans Herz geschlossen. Frau Wiese, die mit Schlaflosigkeit und Einsamkeit zu kämpfen hatte, habe ich irgendwann wie eine liebe Nachbarin betrachtet. Auch Psychoanalytiker-Onkel Ulrich, der mit wissenschaftlichem Ernst gegen die Vergänglichkeit des Lebens anzudenken versucht, sorgt immer wieder für herrlich komische Momente. Es passiert eigentlich oft gar nicht viel. Und genau darin liegt die große Kunst des Buches. Mariana Leky beschreibt Kummer, Angst, Verliebtheit oder Einsamkeit mit einer Leichtigkeit, die niemals oberflächlich wirkt. Die Geschichten sind oft humorvoll, manchmal melancholisch, oft bizarr und immer klug. Dabei entsteht nie der Eindruck, dass hier große Lebensweisheiten verkündet werden sollen. Es gibt keine Patentrezepte und keine psychologischen Diagnosen. Die Charaktere tragen ihren Kummer mit sich herum, reden darüber, schweigen darüber, gehen damit spazieren oder trinken einen Kaffee dabei. Probleme werden nicht immer gelöst. Aber sie werden sichtbar. Und manchmal reicht das schon. Ich habe die 176 Seiten an einem einzigen Nachmittag gelesen. Obwohl jede Geschichte für sich allein stehen könnte, entfalten sie ihre größte Wirkung im Zusammenspiel. Nach und nach entsteht ein kleines Universum vertrauter Figuren, die immer wieder auftauchen und deren Entwicklung man gerne verfolgt. 4 von 5 ⭐️ Zitate: „Wenn ich auf Anweisung in mich hineinspüren soll, verlaufe ich mich meistens und lande irgendwo obenrum, in den Gedanken, die dann ihre Stimme verstellen und vorgeben, das wahre Selbst zu sein, und mich ausführlich anpampen.“ „Die Angst hat nicht Medizin studiert – allein für diesen Satz möchten wir Gertrud mit einem Verdienstkreuz dekorieren. Angst gibt vor, sich mit allem auszukennen, alles studiert zu haben, aber ihre ganzen Abschlusszeugnisse sind gefälscht.“

























































