„Demokratie stagniert und gerät bedenklich ins Stocken, wenn sie sich nicht immer wieder erneuert und weiterentwickelt.“ (S. 190) Da ich dieses Jahr scheinbar in einer Sachbuch-Phase stecke und noch dazu Bundestagswahlen waren, habe ich mich sehr über das Angebot gefreut, dieses Buch lesen und rezensieren zu dürfen. Abgesehen vom politischen Bezug fand ich es auch spannend, dass es sich bei dem Autoren Frido Mann um den Enkel Thomas Manns handelt. Die Eröffnung des kalifornischen Thomas Mann Hauses am 19.06.2018 bildet auch eine Art Wendepunkt im Leben des Autoren mit doppelter Staatsbürgerschaft, da er daraufhin 2019 eine Vortragstour durch die USA und Kanada antrat, um Reden zum Thema Demokratie, mit dem besonderen Augenmerk auf Deutschland und die USA, zu halten sowie den Austausch zu suchen, Lösungen zu finden und die in den letzten Jahren immer mehr spannungsgeladene Zusammenarbeit der Länder bzw. deren Bevölkerung zu stärken. Auf Basis dieser Inhalte und seiner Erfahrungen während der Reise entstand dieses Buch. Seine Hauptthese, die er immer wieder aufgreift, erläutert und begründet, lautet, dass sich Demokratie im ständigen Wandel befinde, befinden müsse, da wir Menschen nach Veränderungen streben in der Hoffnung auf Verbesserung der Situation. Voraussetzung für Demokratie und die Verteidigung dieser seien (partnerzentrierte) Dialoge auf Augenhöhe, welche wiederum auf stetiger Selbstreflexion basieren (vgl. S. 62-64). Dabei möchte er sich (wenn auch nicht sprachlich, zumindest nicht im Buch) vor allem an die jungen Generationen als Hoffnungsträger wenden. So weit, gerade was die meisten Inhalte in diesem Buch anbelangt, gehen wir absolut konform. Allerdings hatte ich beim Lesen leider auch einige Schwierigkeiten, die sich vor allem auf die Umsetzung und Schreibweise beziehen. Zum einen war die Lektüre zwischendurch sehr ausschweifend/abschweifend, sodass ich mich fragte, worauf er mit dieser Anekdote und jener Erinnerung eigentlich hinaus möchte, auch wenn ich manche ganz interessant fand. Zum anderen – und das ist meine größte Kritik – merkt man zwar einerseits, dass er er weltoffen ist, es gut meint und in der Regel auch Aspekte wie Rassismus etc. anerkennt und durchaus Hintergrundwissen diesbezüglich mitbringt, andererseits allerdings merkt man ihm seine westliche Sozialisierung teils sehr stark im negativen Sinne an. So stolperte ich immer wieder über Sätze oder auch nur einzelne mehr als unglücklich gewählte Wörter, die für mich klar nach (Alltags-)Rassismus und/oder so klingen, als halte er die westliche Zivilisation für etwas Besseres (vgl. z. B. S. 198, 208; TWs am Ende meiner Rezension!). Auch hätte es mindestens einer Triggerwarnung im Buch selbst bedurft! Genauso unglücklich empfand ich das doch fragwürdige, weil nur hin und wieder angewandte Gendern. Gerade wenn doch auf der einen Seite deutlich wird, dass ihm diese Themen durchaus und nicht nur oberflächlich bekannt sind, ja sogar am Herzen liegen, er sich dann aber auf der anderen Seite beim Schreiben ganz offensichtlich keine differenzierten Gedanken dazu zu machen scheint, kann man ihm das meiner Ansicht nach noch mehr zum Vorwurf machen, als wenn er sich, wie leider immer noch viel zu viele unserer weißen westlichen Gesellschaft, damit überhaupt nicht auseinandergesetzt hätte. Denn dies zeugt von Ignoranz. Solche Aspekte haben in mir beim Lesen leider des Öfteren den Eindruck erweckt, ein alter weißer Mann erklärt mir junger Frau, wie die Welt funktioniert oder zu funktionieren hat. Sehr schade! Dementsprechend nur eine bedingte Empfehlung und vor allem an Politik-Interessierte! Danke an den Verlag wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft für dieses Rezensionsexemplar! TW: N-Wort als Zitat, I-Wort, Ableismus: autistisch als Schimpfwort (S. 231), genaue Ablauf-Beschreibung des Polizei-Mordes an George Perry Floyd, Begriff „Rasse“ wird einfach so verwendet
23. Sept.23. Sept. 2022
Democracy will winvon Frido MannTheiss in Herder
