Ivan Turgenev hat subtile Charakterdarstellung im Sinne von show don't tell perfektioniert. Die Personen die diese Geschichte bevölkern, sind wunderbar vielschichtig ausgearbeitet sowohl männliche als auch weibliche Charaktere. Sie alle sind auf ihre Weise interessant und verschieden, Inbegriff für bestimmte politische Ansichten und Generationen aber doch zu vielseitig um als reiner Typ zu gelten. Im Gegensatz zu Dostojewskis Archetypen und Urgestalten, sind Turgenevs Figuren greifbarer und realer, der Stil erinnert mehr an Tolstoi wenn auch viel spielerischer, weniger ernst und weniger drastisch als dieser. Die Generationenkonflikte in Russland Mitte des 19. Jhd. waren mir in diesem Maße nicht bewusst. Tolstoi erwähnt in seinen Werken zwar auch die Landreformen, Abschaffung der Leibeigenschaft und ähnliches, jedoch konzentriert er sich mehr auf die politische und bäuerliche Seite. Er stellt weniger tiefgreifend wie Turgenev dar, was dieser Ideologieumsturz und die Reformen für unterschiedliche Schichten und Generationen bedeuteten. Die Reibungen zwischen den Idealen der Alten und den neuen Ideen der Jüngeren könnten so auch ohne Weiteres in die heutige Zeit passen. Turgenev porträtiert hier jedoch keinen simplen Kampf von alten, verbissenen Menschen gegen die unbelehrbare, naive Jugend. Seine Zeichnung ist viel tiefgründiger und vielschichtiger, so bemühen sich beide Seiten um ein gewisses Verständnis füreinander, auch wenn sie es nur schwer oder nicht finden. Am Ende muss derjenige gehen, für dessen Ansichten noch kein Platz ist, sinnbildlich für viele junge Menschen für die das russische Zarenreich keine Perspektiven mehr geboten hat.
21. Jan.21. Jan. 2023
Väter und Söhnevon Ivan TurgenevManesse
