
Ehrlichkeit ohne Anstand und Empathie
Das Buch stand jetzt viele Jahre ungelesen im Buchregal. Der Klappentext hat mich damals im Buchgeschäft spontan angesprochen. Was sich auf den ersten Blick spannend anhörte, war leider eine ziemliche Enttäuschung. Jürgen Schmieder verzettelt sich und bringt bei seinem Experiment die Dinge völlig durcheinander. Er vergisst, dass "Ehrlichkeit" allein nicht funktionieren kann. Anstand und Empathie sind (für mich) fest damit verbunden. Diese Worte liest man nicht einmal in diesem Buch. Es braucht meines Erachtens kein Experiment dieser Art um zu wissen, dass man fremde Menschen nicht einfach zur Seite stoßen kann, nur weil man mal "ehrlich" schlechte Laune hat oder Arbeitskollegen, Freunde und Familie zu tiefst beleidigt, ohne die Dinge aus deren Sphäre zu betrachten. Auch wenn der Autor am Schluss versucht die Kurve zu kriegen, hat mich das Buch die meiste Zeit genervt und ich war froh, als es vorbei war. Ich war mehrfach kurz davor es abzubrechen, aber hatte immer gehofft, dass es vielleicht noch besser wird. Zu Beginn führt er noch ein paar interessante Erkenntnisse über das Lügen, den Unterschied zwischen Wahrheit und Ehrlichkeit und parallelen zur Bibel aus. Und dann geht der Rundumschlag los - ohne Rücksicht auf Verluste. Seine Ehrlichkeit ist in weiten Teilen des Buches "negativ". Er schreibt selbst, dass ihm ein ehrliches Lob schwerer fällt als eine ehrliche Beleidigung. Darin liegt auch das Problem dieses Buches. Es ist in weiten Teilen respektlos und zäumt das Pferd von hinten auf.
