18. Juli
Bewertung:5

Als sie mich erblickte, packte sie die Zeitung, die auf dem Boden lag, und schleuderte sie mir entgegen, so als wäre ich schuld an der Nachricht, die ihr Unglück bedeutete. Ich sah ein Foto von Mundo und wollte den Bericht dazu lesen, doch Ramira hielt mich mit den Worten ab, Macau habe den Fuhrmann nicht auf Janos Grundstück lassen wollen. Daraufhin hatte sie geschrien, bis der Idiot die Pforte aufmachte. Auf dem Zementplatz lag ein Haufen Bücher und Papier. Sie begriff nicht. Blickte suchend zur Terrasse vor der Küche, da stand Jano mit verschränkten Armen. Er reichte dem Chauffeur einen Umschlag und flüsterte etwas. Es war das Geld für die Kleider. Macau sprach unwirsch mit dem Fuhrmann, dann warfen sie gemeinsam alle Kleider auf die Bücher und Papiere, Macau goß Petroleum drüber und zündete es an. Die schönen neuen Kleider verbrannten ... alles wurde zu Asche. - Zitat, Seite 169 Der brasilianische Autor Milton Hatoum, geb. 1952, wird - laut Klappentext - für seine "Kunst bewundert, menschliche Beziehungen bis in ihren Kern zu erfassen." Im vorliegenden Roman von 2005 wird von einer "schmerzhaft verflochtenen" Familiengeschichte erzählt, die sich hauptsächlich im Geburtsort des Schriftstellers, Manaus, abspielt und von einer Zeit berichtet, die dieser ebenfalls als Heranwachsender erlebt hat. Es ist die Zeit der Militärdiktatur, eine Zeit, in der die ärmere Bevölkerung Phantasie zum Überleben braucht. Aber es ist auch eine Zeit, in der sich wohlhabende Männer mit denen verbinden, welche die Macht in Händen halten. Und es ist eine Zeit, in der zwei verschiedene junge Menschen eine Weile Mitschüler und später vielleicht Freunde werden: der Waisenjunge Lavo, der bei seiner Tante, der Schneiderin Ramira aufwächst und Mundo, der Sohn des reichen Geschäftsmannes Trajano, der entgegen den Wünschen seines Vaters Künstler werden will. Die beiden werden durch die gemeinsame Vergangenheit von Lavos Onkel Ran und Mundos Mutter zusätzlich unsichtbar verbunden. "Ich bin von dort, wo ich geboren bin. Ich bin von woanders." Das vorangestellte Zitat von João Guimarães Rosa (brasilianischer Schriftsteller) fasst das Grundgefühl des Protagonisten Mundo, dessen Geschichte wir durch die Erinnerungen des Ich-Erzählers Lavo erfahren, sehr gut zusammen. Als wäre der Ort, an dem man aufwächst nur ein Sehnsuchtsort, als dürfte man ihn nicht Heimat nennen, weil man sich dort seltsam fremd fühlt - und doch ohne diesen Zufluchtsort zugrunde gehen muss. Der Erzähler ist zu Beginn des Berichts selbst noch sehr jung, die Welt der Erwachsenen ist für ihn noch voller Geheimnisse. Und auch Mundo, der schon bald von seiner Schule fliegt, bleibt für ihn eine rätselhafte Gestalt. Langsam und mit sorgfältig aufgebauten Szenen erfahren wir mit dem Erzähler mehr, denn der Vater von Mundo versucht, Lavo auf seine Seite zu ziehen und verschafft ihm dabei Einblicke in seine Welt und die der geheimnisvollen Vila Amazõnia ... So faszinierend bunt und verschlungen, dann wieder geheimnisvoll und düster, und manchmal auch sinnlich oder gewaltig die Geschichte erzählt wird, hält der Ich-Erzähler doch immer eine gewisse Distanz. Seine Rolle ist die des Beobachters. Auch wenn diese Sichtweise teilweise durch die Erinnerungen von Onkel Ran aufgebrochen werden, kann der Eindruck, dass man als Lesende immer etwas auf Abstand gehalten wird, nicht ganz abgeschüttelt werden. Darüber hinaus ist das Schreiben von Milton Hatoum sehr reich an Bildern und Metaphern. Die Stoffe der Schneiderin, die in Kunstwerken wieder auftauchen zum Beispiel. Und das Verhalten der Menschen hat oft etwas animalisches, fast schon triebhaftes, sie zerfleischen sich gegenseitig mit Lust und es wird in dem Roman auch viel Tierfleisch gejagt, gefangen, zerlegt oder geschlachtet. Es geht um Identität und Herkunft, um Einflüsse von Einwanderern, um die schwindende Macht des "alten Kontinents" und die Sichtweise auf indigene Menschen. Sicherlich wird man hier den Roman ganz anders lesen und viel an Verständnis wird fehlen, wenn man nicht aus Brasilien kommt, aber die Faszination für diese komplexe Geschichte bleibt bis zum Schluss erhalten! Übersetzt wurde der Roman von Karin vom Schweder-Schreiner. FAZIT Empfohlen wurde mir dieser Roman durch den lieben Ingo auf dessen Youtube Kanal "Das literarische Viertel". Dieser ist im vergangenen Jahr mit seiner Familie nach Brasilien gezogen und hat denSchriftsteller bereits persönlich auf einem Festival in São Paulo kennengelernt. Sein Beitrag zum Roman ist sehenswert! In dieser dunklen Geschichte konnte ich mich absolut verlieren und habe jede Zeile genossen. Unbedingt lesenswert.

Asche vom Amazonas
Asche vom Amazonasvon Milton HatoumSuhrkamp