Wo Herkunft endet und Identität beginnt
Lazi ist mit dem Zug nach Ungarn unterwegs, dem Land seiner Vorfahren mütterlicherseits. Offiziell ist er auf der Suche nach dem Gewehr seines Großvaters. Warum genau erfährt man allerdings erst nach und nach. Vieles offenbart sich erst im Verlauf der Geschichte. Das hat mir sehr gut gefallen. Gerade die kleinen Momente entfalten dabei eine enorme Wirkung. Die Hitze unter dem Binder. Die Luftnot. Die falschen Anreden. Die Blicke anderer Menschen. Identität wird hier nicht erklärt, sondern erlebt. Zwischen Familienfeiern, Familienfehden, jede Menge Schnaps und Erinnerungen in einem Land, das gleichzeitig vertraut und fremd wirkt, begibt sich Lazi auf die Suche nach den Ursprüngen von Gewalt, Scham und Schweigen. Gleichzeitig erzählt der Roman von Identität, Zugehörigkeit und der Frage, wie man seinen Platz in einer Familie findet, die manches lieber verdrängt als ausspricht. Queerness ist dabei ein wichtiger Teil des Romans, aber nicht seine einzige Aussage. Lazi wird nie auf die eigene Geschlechtsidentität reduziert. Der Konflikt verläuft nicht nur zwischen Lazi und einer konservativen Gesellschaft in Ungarn, sondern auch durch die eigene Familie. Im Text wird Lazi nie mit einem Personalpronomen bezeichnet. Das wirkt zunächst unscheinbar, passt aber erstaunlich gut zu einem Roman, der sich immer wieder mit Identität, Wahrnehmung und Zugehörigkeit beschäftigt. Besonders gut gefallen hat mir der Ton des Romans. Die Sprache ist kraftvoll, manchmal derb und wütend und dann wieder wunderschön. Dabei wirkt nie aufgesetzt oder künstlich literarisch. Sie hat Dreck unter den Fingernägeln und genau deshalb funktioniert sie so gut. King Cobra ist kein Buch, das man einfach wegliest und anschließend ins Regal stellt. Es bleibt im Kopf. Nicht nur wegen seiner Themen, sondern auch wegen seiner Figuren, seiner Bilder und seiner Sprache. Vielleicht passt deshalb auch die Schlange aus dem Titel so gut zu diesem Roman. Nicht als Bedrohung, sondern als Bild der Verwandlung. Für das Häuten. Für das Ablegen alter Rollen. Für die Frage, wer man wird, wenn man nicht länger der Mensch sein möchte, für den andere einen halten. Ein starkes Debüt über Familie, Identität, Scham, Schweigen und Selbstbehauptung. Rau, zärtlich, wütend und voller Leben. 4,5 von 5 Sternen⭐️ Zitate: „An diesem wie an jedem Abend rieb sich Budapest mit dem Rostgold seiner Restsonne ein und glänzte dabei wie ein verschwitztes Zuchtpferd, das kurz vor dem Schlachthof noch mal auf die Parade geschickt wird.“ „Der Schlaf räumte Albträume in Lazis Körper wie dreckiges Geschirr zum sauberen, aber er war tief und fast erholsam.“ „Der Himmel legte seine Stirn in tausend Falten, zog sie zusammen, enger, enger, und erbrach aus seiner Zornesfalte eine Wand aus Regen.“ Muri Darida erzählt in den schönsten Worten und Farben von einem Menschen, der sich gleichzeitig wiederfinden und neu erfinden muss. Ein bisschen so wie eine Schlange, die sich häutet. (Lydia Herms)


