21. Jan.
Bewertung:5

Nachdem ich in der Schule "Effi Briest" lesen musste, wollte ich eigentlich nichts mehr von Theodor Fontane wissen. Zum Glück liegt die Schule mittlerweile ein Jahrzehnt zurück und ich habe Fontane doch noch eine Chance gegeben. Vor dem Sturm beschreibt die Ereignisse und Stimmungen unmittelbar vor den Befreiungskriegen 1813. Ich befürchtete vor Beginn dass ich mich bei den vielen Personen und Gesprächen die sich über Politik und Nationalismus drehen langweilen würde, besonders wenn sich diese über 900 Seiten hinziehen. Vollkommen unbegründet, war ich doch schon von der ersten Seite und den wundervollen Beschreibungen der winterlichen Landschaft und weihnachtlichen Stimmung gefesselt. An keiner Stelle der ca. 900 Seiten habe ich mich gelangweilt, ich fand jedes Gespräch und jedes Ereignis interessant. Besonders Fontanes Schreibstil hat es mir angetan und die Charaktere die er hier geschaffen hat. Bamme und Hoppenmarieken waren herrlich kontrovers (zumindest für die damalige Zeit) und liebenswert, während die Schorlemmer mit ihrem religiösen Eifer das Gegenteil darstellt und meine Unsympathien auf ihrer Seite hatte. Das Schicksal der Ladalinksis war vorauszusehen, allerdings war ich nicht ganz mit der Darstellung einverstanden Personen derart zu bestrafen, nur weil sie einen unsteten Charakter aufweisen. Zwischenzeitlich musste ich doch mehrmals Schmunzeln, wenn ab ca. der Mitte das Liebeschaos seinen Lauf nimmt. Typ A liebt Frau, die aber mit einem anderen durchbrennt. Schwester von Typ A liebt Typ B der aber wiederum ihre beste Freundin liebt, die aber wiederum Typ A liebt. Passenderweise werden dann noch Typ B und beste Freundin ausversehen in einer Kirche eingesperrt und Typ B wirft sich ihr zu Füßen. Standesunterschiede sind natürlich auch mitinbegriffen. Da macht Fontane mancher Seifenoper Konkurrenz, nur eben mit weitaus mehr Stil. Die Hochzeit am Ende habe ich von Anfang an vorausgeahnt, in dem ganzen Buch gibt es keine zwei weiteren Personen die so gut, wie Topf auf Deckel, zusammenpassen. Nur dass der Herr halt ein Spätzünder ist und es quasi erst auf den letzten Seiten checkt. Aber um mal ehrlich zu sein, Lewin ist ein so schnuckeliger Kerl, ich hätte nach "Effi Briest" nicht erwartet dass Fontane so liebenswerte Männercharaktere schaffen kann. Das letze Mal dass ich eine fiktive Person so süß fand, war vermutlich mit 12 als ich in Rüdiger den kleinen Vampir verknallt war. Am Schluss werden selbst die Standesunterschiede aufgehoben und es gilt wie Bamme so schön ausdrückt: "Denn was heißt es am Ende anders als: Mensch ist Mensch."

Vor dem Sturm
Vor dem Sturmvon Theodor Fontanedtv Verlagsgesellschaft