
Eine Lektüre, die nicht immer befriedigend war.
"Wer unter habgierigen, mörderischen Regierungen lebt, die frühere habgierige, mörderische Regierungen ersetzt haben, umgeben von weiteren habgierigen, mörderischen Regierungen, für den wird die Leugnung der Wirklichkeit zur Überlebensstrategie." "Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)" von Rabih Alameddine ist ein Roman, dem ich sehr ambivalent gehenüberstehe. Den ich einerseits mochte und andererseits nicht. "Und wieder einmal dachte ich, der unerhörte Fehler meines Lebens bestehe darin, meine Mutter noch nicht erschossen zu haben." Radscha ist 63 Jahre alt und lebt mit seiner über 80-jährigen Mutter in einer kleinen Wohnung in Beirut. Wie es überhaupt dazu kommt und wie sich seine Mutter ständig in sein Leben einmischt erfahren wir hier aus erster Hand. Und die beiden gehen nicht immer zimperlich miteinander um. Da wird sich angeschrien, geflucht und beschimpft. Während Radscha Bücher, Spaziergänge und die Einsamkeit liebt, ist seine Mutter wahnsinnig neugierig und fasst Radschas Wunsch nach Privatsphäre als persönlichen Affront auf. Sie will stets alles wissen und schafft es durch ihre Gespräche, die einem Verhör des FBI in nichts nachstehen, alles aus Radscha herauszuquetschen. Keine noch so kleine Nichtigkeit ist vor ihr sicher ... und natürlich auch nichts vor ihrer Einmischung. "Ich weiß, Sie halten mich für kindisch, weil ich immer wieder sage, dass ich meine Mutter umbringen möchte, aber das ist metaphorisch. Ich meine, ich will sie umbringen, ihr aber nicht wehtun. Sicher, das ist albern. Meine Mutter ist meine Muttermordmuse." Alameddine nimmt uns an der Seite von Radscha und seiner Mutter mit durch sechs Jahrzehnte der libanesischen Geschichte. Vom Bürgerkrieg, über den Bankenkollaps, die Corona-Pandemie bis hin zur Hafen-Explosion am 4. August 2020. Zu guter Letzt landen wir wieder am Anfang der Geschichte, warum Radscha in Virginia landete ... "Beirut ist ein Phönix, der immer neu aus der Asche auferstehen, und waren die Libanesen nicht unglaublich, weil sie stets wieder auf die Beine kamen? Ein Bürgerkrieg, kein Problem. Eine israelische Invasion, kein Problem. Eine syrische Invasion, kein Problem. Ein finanzieller Kollaps, bitte. Unser Volk war unverwüstlich, weshalb wir der Regierung nicht vorwerfen sollten, es zu verwüsten." Nun zurück zu meiner Ambivalenz dem Buch gegenüber. Mir hat es gefallen ein wenig mehr über den Libanon zu erfahren: seinen Schwächen (die Regierungen) und seinen Stärken (die Bevölkerung). Ich mochte die Bilder, die Alameddine hier zeichnete. Auch mochte ich den Blick auf das Zusammenleben zwischen Radscha und seiner Mutter - den Witz, die Wärme und die Lebendigkeit. Was mir weniger gefallen hat, war der doch oft sehr plumpe Ton und das ständige sich Anschreien. Mutter und Sohn konnten keine Unterhaltung führen ohne dass geschrien wurde oder sie sich mal nicht beschimpft hätten. Auch missfiel mir die fast hundert Seiten lange Schilderung von Radschas Geiselnahme und den s3xuellen Eskapaden mit seinem Entführer. Sehr gelungen ist auf jeden Fall die Titelgestaltung. Sie gibt sehr gut die Botschaft des Buches wieder: Wenn alles um uns herum zerbricht, das Band zwischen Mutter und Kind bleibt ganz und die Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch unser Leben. Übersetzt aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.



