
Aron Boks gelingt es, die vielen Facetten Willi Sittes deutlich zu machen, die Ambivalenzen und Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, wo die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen liegt.
„Lieber vom Leben zeichnet als von Sitte gemalt.“ – ein Spruch der mir nicht nur einmal begegnet ist, als ich Personen in meinem Umfeld von dem Buch „Nackt in der DDR“ erzählt habe und mit dem ich im ersten Moment nichts anfangen konnte. Der umstrittene Künstler Willi Sitte war für mich, bevor ich das Buch gelesen habe, ein unbeschriebenes Blatt, da ich mich nie mit Kunst aus der DDR beschäftigt habe. Doch wer war Willi Sitte eigentlich? Künstler? Kommunist? Funktionär? Partisane? Dieser Frage geht Aron Boks, Urgroßneffe von Willi Sitte, in seinem neuen Buch „Nackt in die DDR“ nach. Der Autor hat die DDR selbst nicht miterlebt, macht sich aber auf die Spurensucher innerhalb seiner Familiengeschichte. Wir verfolgen Aron Boks wie er versucht, mehr über seine Familie und Willi Sitte herauszufinden. Er führt Gespräche mit Familienmitgliedern, Künstlern, Historikern, Kuratoren, Stasi und vielen mehr und beginnt die Lebensgeschichte seines Urgroßonkels und gleichzeitig seiner Familie nachzuzeichnen. Mich konnte die Offenheit, mit der Aron Boks in die Gespräche geht, begeistern. Er fragt nach, neugierig, empathisch, aber auch kritisch. Anhand der Biografie von Willi Sitte wird auch der Umgang der SED mit Kunst und Kultur in der DDR deutlich. Liberalisierungsperioden und Phasen starker Einschränkungen. Es ergibt sich ein Bild von Willi Sitte, bei dem immer neue Farbschichten auftauchen, entfernt man die Oberste. Ein Bild von Zerrissenheit zwischen ideologischer Überzeugung und der Realität der DDR. Zwischen Kritik am sozialistischen Realismus, Wunsch nach Raum für größere künstlerische Freiheit und seinem Aufstieg als Funktionär in der SED. Aron Boks gelingt es, die vielen Facetten Willi Sittes deutlich zu machen, die Ambivalenzen und Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, wo die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen liegt.
