24. Mai
Bewertung:4.5

Vom Tier in uns und der Wärme, die wir verlernen.

Wolfgang Schmidbauer, einer der erfahrensten deutschen Psychoanalytiker, legt mit über achtzig ein erstaunlich frisches und gedankenreiches Buch vor. Sein Leitbegriff, das „animalische Echo”, bezeichnet jene vorsprachliche, empathische und soziale Schicht unseres Erlebens, die wir mit anderen Säugetieren teilen und die in einer zunehmend narzisstischen, digitalisierten Welt zu verstummen droht. Daraus entwickelt er eine eigene Theorie psychischer Gesundheit, die er dem Narzissmus als Gegenpol entgegensetzt. Die große Stärke des Buches ist Schmidbauers Bildung und sein Blick. Er bewegt sich mühelos zwischen Freud, Klages, Fromm, Rilke, Tolstoi, Kleist und der aktuellen Bindungs und Evolutionsforschung, und er bleibt dabei immer am konkreten Fall, an einer Hundephobie, an einem weinenden Kind, an einer „weißen Schlange” im Traum. Seine Sprache ist klar, oft poetisch, nie modisch, und die Kapitel über Tiere als Übergangsobjekte, über Bäume und über die künstliche „Intelligenz” als Parasit gehören zum Schönsten und Schärfsten. Wer Geduld für ein assoziatives, essayistisches Tempo mitbringt und sich auf eine etwas eigenwillige Begriffsbildung einlässt, wird reich belohnt. Wer eine straffe These mit klaren Belegen sucht, könnte den Bogen stellenweise weit finden. Ein kluges, warmes, gegen den Strom gebürstetes Buch für alle, die psychoanalytisches Denken, Naturphilosophie und literarische Tiefe in einem suchen.

Das animalische Echo. Was wir von Tieren über unsere Gefühle lernen
Das animalische Echo. Was wir von Tieren über unsere Gefühle lernenvon Wolfgang SchmidbauerReclam, Philipp