
Ein Lied des Tigris – mehr Geschichte als Familie
Als ich zu diesem Buch griff, hatte ich die Erwartung, einen Roman zu lesen, der die Beziehung zwischen Vater und Sohn in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen fand ich mich in einer Erzählung wieder, die stark von der irakischen Geschichte und ihren Verflechtungen mit Europa geprägt ist. Für mich fühlte sich die Lektüre stellenweise wie Geschichtsunterricht an – und das war nicht das, was ich mir für meine Freizeit gewünscht hatte. Was mich jedoch beeindruckt hat, war die Sprache des Autors. Usama Al Shahmani schreibt poetisch, feinfühlig und mit einer Bildkraft, die lange nachhallt. Seine Worte haben eine besondere Musikalität, die den Text trägt und ihm Tiefe verleiht. Inhaltlich konnte mich die Geschichte jedoch nicht erreichen, weil sie nicht die Themen berührte, die ich mir erhofft hatte. Mir ist bewusst, wie wichtig es ist, die irakische Vergangenheit und ihre Zusammenhänge mit unserer europäischen Geschichte zu kennen – aber ich war nicht in der Stimmung für ein politisch-historisches Werk. Ein sprachlich starkes Buch, das sich für Leserinnen und Leser eignet, die sich für Exilliteratur, Nahostgeschichte und poetische Erzählungen interessieren. Wer jedoch eine emotionale Familiengeschichte sucht, wird hier weniger fündig.



