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“Taxi” von Cemile Sahin zog mich mit seinem knalligen Cover auf der Frankfurter Buchmesse 2021 magisch an und meine Neugierde wurde beim kurzen Durchblättern weiter befeuert, denn das Buch ist wie eine Serie aufgebaut mit Deckblättern vor jedem Kapitel, die angeben, in welcher Staffel und Folge wir uns befinden. Dazu der kurz gehaltene Buchrücken : “Jeder sagte: FÜRS VATERLAND. Frau Kaplan sagte nichts.” Bäm. Gekauft. Polat Kaplan ist als Soldat im Kriegseinsatz und kommt nicht mehr nach Hause. Welcher Krieg gemeint ist, bleibt unklar, jedoch wird die Grenze zum Kaukasus einmal explizit benannt und die gewählten Namen scheinen türkischer Abstammung zu sein. Seine Leiche wurde jedoch nicht gefunden und im Unglauben an den Tod des Sohns entwickelt Frau Kaplan ihr eigenes Narrativ, ein handfestes Drehbuch, in dem Polat zurückkommt und alles so ist wie früher. Den Mann, der ihren Polat spielen kann, ja zu ihrem Sohn werden kann, findet sie zufällig auf der Straße - den namenlosen Ich-Erzähler, der selbst heimatlos einem strukturierten Alltag in der Fremde nachgeht und sehr abgebrüht wirkt. Über seine harte, traumatische Kindheit erfahren wir in kurzen Rückblenden; die tiefe Prägung dieser symbolträchtigen Ereignisse für den Protagonisten wird im Verlauf der Handlung immer wieder deutlich. Nachdem er Frau Kaplans Angebot bei ihr zu wohnen und ihren Sohn zu imitieren, auch vor Nachbarn und der Verlobten Polats als der zurückgekehrte Sohn aufzutreten, mit einiger Skepsis annimmt, wächst er mehr und mehr in die Rolle, in eine Co-Abhängigkeit mit seiner “Mutter” und in eine Hybris, alles zu lenken und bestimmen zu können, über den Dingen zu stehen. Cemile Sahin zeigt nicht nur auf, wie kriegerische Konflikte jenseits der Front wirken und wie sich die “Daheimgebliebenen” im Krieg befinden, auch wenn sie nicht direkt an Kriegshandlungen teilnehmen. Sie treibt den Gedanken auf die Spitze, wie sehr der Mensch sich an Narrative klammert und darin Trost sucht, wie sehr sich jeder seine eigene Realität schafft und die eigenen Leerstellen zu füllen sucht. Während die Haupthandlung oft mit überspitzten Szenen subtilen Netflix-Seriencharakter hat und die Leserin in schräge Seifenoperelemente einlullt, wird das “Schauspiel” vom ersten und letzten Kapitel eingeklammert, die uns schmerzhaft und brutal in einen Verhörraum zerren, abgeschottet von der Realität, bedroht von einem unberechenbaren Folterer. Sprachlich gesehen waren mir die Metaphern teilweise zu überambitioniert, die Sätze zu kryptisch-lyrisch, die ich nur vage zu entschlüsseln wusste. Auch die anfangs eingeführte Serienstruktur ging für mich nicht bis zum Ende auf, da sich das Drehbuch durch das Eintreten unvorhergesehener Wendungen natürlich nicht halten kann. Insgesamt aber konnte mich die Autorin mit dem thematischen Gehalt und dessen Aufarbeitung überzeugen und mich auch gedanklich noch lange beschäftigen.
9. Mai 2023
“Taxi” von Cemile Sahin zog mich mit seinem knalligen Cover auf der Frankfurter Buchmesse 2021 magisch an und meine Neugierde wurde beim kurzen Durchblättern weiter befeuert, denn das Buch ist wie eine Serie aufgebaut mit Deckblättern vor jedem Kapitel, die angeben, in welcher Staffel und Folge wir uns befinden. Dazu der kurz gehaltene Buchrücken : “Jeder sagte: FÜRS VATERLAND. Frau Kaplan sagte nichts.” Bäm. Gekauft. Polat Kaplan ist als Soldat im Kriegseinsatz und kommt nicht mehr nach Hause. Welcher Krieg gemeint ist, bleibt unklar, jedoch wird die Grenze zum Kaukasus einmal explizit benannt und die gewählten Namen scheinen türkischer Abstammung zu sein. Seine Leiche wurde jedoch nicht gefunden und im Unglauben an den Tod des Sohns entwickelt Frau Kaplan ihr eigenes Narrativ, ein handfestes Drehbuch, in dem Polat zurückkommt und alles so ist wie früher. Den Mann, der ihren Polat spielen kann, ja zu ihrem Sohn werden kann, findet sie zufällig auf der Straße - den namenlosen Ich-Erzähler, der selbst heimatlos einem strukturierten Alltag in der Fremde nachgeht und sehr abgebrüht wirkt. Über seine harte, traumatische Kindheit erfahren wir in kurzen Rückblenden; die tiefe Prägung dieser symbolträchtigen Ereignisse für den Protagonisten wird im Verlauf der Handlung immer wieder deutlich. Nachdem er Frau Kaplans Angebot bei ihr zu wohnen und ihren Sohn zu imitieren, auch vor Nachbarn und der Verlobten Polats als der zurückgekehrte Sohn aufzutreten, mit einiger Skepsis annimmt, wächst er mehr und mehr in die Rolle, in eine Co-Abhängigkeit mit seiner “Mutter” und in eine Hybris, alles zu lenken und bestimmen zu können, über den Dingen zu stehen. Cemile Sahin zeigt nicht nur auf, wie kriegerische Konflikte jenseits der Front wirken und wie sich die “Daheimgebliebenen” im Krieg befinden, auch wenn sie nicht direkt an Kriegshandlungen teilnehmen. Sie treibt den Gedanken auf die Spitze, wie sehr der Mensch sich an Narrative klammert und darin Trost sucht, wie sehr sich jeder seine eigene Realität schafft und die eigenen Leerstellen zu füllen sucht. Während die Haupthandlung oft mit überspitzten Szenen subtilen Netflix-Seriencharakter hat und die Leserin in schräge Seifenoperelemente einlullt, wird das “Schauspiel” vom ersten und letzten Kapitel eingeklammert, die uns schmerzhaft und brutal in einen Verhörraum zerren, abgeschottet von der Realität, bedroht von einem unberechenbaren Folterer. Sprachlich gesehen waren mir die Metaphern teilweise zu überambitioniert, die Sätze zu kryptisch-lyrisch, die ich nur vage zu entschlüsseln wusste. Auch die anfangs eingeführte Serienstruktur ging für mich nicht bis zum Ende auf, da sich das Drehbuch durch das Eintreten unvorhergesehener Wendungen natürlich nicht halten kann. Insgesamt aber konnte mich die Autorin mit dem thematischen Gehalt und dessen Aufarbeitung überzeugen und mich auch gedanklich noch lange beschäftigen.
9. Mai 2023







