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"Mein Papa ist der beste Papa der Welt." (S. 9) Ein Trugschluss, an dem die namenlose Erzählerin in Katharina Winklers "Siebenmeilenherz" als Kind festhält. Sie will es glauben – will, dass ihre Welt heil ist, obwohl sie es besser weiß. Und erst Jahre später kann sie das, was der Vater ihr antat, als das benennen, was es war: sexueller Missbrauch. Die Gewalt schleicht sich ein, wird zur schrecklichen Normalität, verwebt sich mit allem, was das Mädchen täglich tut. Mama weiß nichts. Wer es erfährt, wird sofort sterben. So hat es ihr der Vater eintättowiert. Ein Geheimnis zwischen ihm und seiner Tochter. Was nicht sein darf, wird verschwiegen – ist's dann überhaupt geschehen?! Zum Selbstschutz löscht ihr Kopf Erinnerungen aus. Die Welt wird still, aber nie ruhig und mit den Jahren kommt die Gewissheit: Es ist Gewalt, die sie erlebt. Die Lügen halten dem Wissen nicht Stand. Die Scham muss betäubt werden; der Schmerz braucht einen Gegenschmerz. Die Geschichte des kleinen Mädchens, das schweigsam erduldet, wird zu der einer jungen Frau, die rastlos auf der Suche ist nach Frieden. Weg von zu Hause führt sie ein hektisches Leben, ein unruhiges Sein, keine Lücke lassen zum Nachdenken, nur nach vorne, nie zurückschauen. Dürstend nach Leben, doch innerlich taub, sucht sie nach Liebe und nach einem Zugang zu ihren eigenen Empfindungen. "Ich bin, ich bin, ich weiß nicht wer, schiebe hin und schiebe her, schiebe her und schiebe hin, denn ich weiß nicht, wer ich bin." (S. 166) Ihre "Beziehungen" sind geprägt von Misstrauen, zerbrechen unter den Flashbacks des Traumas. Und immer wieder ist da der Wunsch, die Eltern zu hassen, der Wille, ihnen zu vergeben – und das tiefe, verzweifelte Scheitern daran. Der Täter ist frei, während das Opfer ein Lebenslänglich hat. Doch schlimmer noch als die Lüge ist das Leugnen. Wenn der Täter seine Schuld von sich weist, stößt die Hoffnung das Opfer in den Abgrund. Denn ohne Geständnis bleibt der Schmerz offen und das Opfer ohne Erlösung. Wie findet man eine Sprache, woher kommen die Worte für das Unaussprechliche: den Missbrauch eines Vaters an seiner Tochter? Katharina Winkler hat sie gefunden. Eine Sprache, die mit leisen Tönen schreit, behutsam an mir reißt und zerrt, mir zaghaft die Kehle zuschnürt. Sie modelliert Verse, die mich in kleinen Schritten durch die Geschichte führen – eine Sprache, die zwischen Prosa und Lyrik wandelt, so intensiv, dass sie manchmal kaum lesbar ist vor Schmerz. Ihre Sätze sind wie Atemzüge: kurz, stoßweise, manchmal nur Andeutungen – und doch voller Zündstoff. Katharina Winkler hat mit "Siebenmeilenherz" ein Werk geschaffen, das verstört, bewegt und bleibt. Es ist kein Buch, das man liest und beiseitelegt. Es ist ein Buch, das nachwirkt – weil es etwas sichtbar macht, das hinter vielen Türen geschieht, ohne dass wir davon ahnen. Es ist ein literarischer Aufschrei in Flüstertönen. Ein Plädoyer für das Hinschauen, das Hinhören – und für das Sprechen über das, was nicht erzählt werden kann.
6. Juni 2025
"Mein Papa ist der beste Papa der Welt." (S. 9) Ein Trugschluss, an dem die namenlose Erzählerin in Katharina Winklers "Siebenmeilenherz" als Kind festhält. Sie will es glauben – will, dass ihre Welt heil ist, obwohl sie es besser weiß. Und erst Jahre später kann sie das, was der Vater ihr antat, als das benennen, was es war: sexueller Missbrauch. Die Gewalt schleicht sich ein, wird zur schrecklichen Normalität, verwebt sich mit allem, was das Mädchen täglich tut. Mama weiß nichts. Wer es erfährt, wird sofort sterben. So hat es ihr der Vater eintättowiert. Ein Geheimnis zwischen ihm und seiner Tochter. Was nicht sein darf, wird verschwiegen – ist's dann überhaupt geschehen?! Zum Selbstschutz löscht ihr Kopf Erinnerungen aus. Die Welt wird still, aber nie ruhig und mit den Jahren kommt die Gewissheit: Es ist Gewalt, die sie erlebt. Die Lügen halten dem Wissen nicht Stand. Die Scham muss betäubt werden; der Schmerz braucht einen Gegenschmerz. Die Geschichte des kleinen Mädchens, das schweigsam erduldet, wird zu der einer jungen Frau, die rastlos auf der Suche ist nach Frieden. Weg von zu Hause führt sie ein hektisches Leben, ein unruhiges Sein, keine Lücke lassen zum Nachdenken, nur nach vorne, nie zurückschauen. Dürstend nach Leben, doch innerlich taub, sucht sie nach Liebe und nach einem Zugang zu ihren eigenen Empfindungen. "Ich bin, ich bin, ich weiß nicht wer, schiebe hin und schiebe her, schiebe her und schiebe hin, denn ich weiß nicht, wer ich bin." (S. 166) Ihre "Beziehungen" sind geprägt von Misstrauen, zerbrechen unter den Flashbacks des Traumas. Und immer wieder ist da der Wunsch, die Eltern zu hassen, der Wille, ihnen zu vergeben – und das tiefe, verzweifelte Scheitern daran. Der Täter ist frei, während das Opfer ein Lebenslänglich hat. Doch schlimmer noch als die Lüge ist das Leugnen. Wenn der Täter seine Schuld von sich weist, stößt die Hoffnung das Opfer in den Abgrund. Denn ohne Geständnis bleibt der Schmerz offen und das Opfer ohne Erlösung. Wie findet man eine Sprache, woher kommen die Worte für das Unaussprechliche: den Missbrauch eines Vaters an seiner Tochter? Katharina Winkler hat sie gefunden. Eine Sprache, die mit leisen Tönen schreit, behutsam an mir reißt und zerrt, mir zaghaft die Kehle zuschnürt. Sie modelliert Verse, die mich in kleinen Schritten durch die Geschichte führen – eine Sprache, die zwischen Prosa und Lyrik wandelt, so intensiv, dass sie manchmal kaum lesbar ist vor Schmerz. Ihre Sätze sind wie Atemzüge: kurz, stoßweise, manchmal nur Andeutungen – und doch voller Zündstoff. Katharina Winkler hat mit "Siebenmeilenherz" ein Werk geschaffen, das verstört, bewegt und bleibt. Es ist kein Buch, das man liest und beiseitelegt. Es ist ein Buch, das nachwirkt – weil es etwas sichtbar macht, das hinter vielen Türen geschieht, ohne dass wir davon ahnen. Es ist ein literarischer Aufschrei in Flüstertönen. Ein Plädoyer für das Hinschauen, das Hinhören – und für das Sprechen über das, was nicht erzählt werden kann.
6. Juni 2025







