Blick ins Buch

Romane

Siebenmeilenherz

4,6(26)
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Über das Buch

Katharina Winkler stellt sich in diesem unter die Haut gehenden Roman mit den Mitteln der Literatur gegen die Gewalt und schildert das zu einer Erzählung verdichtete Erlebnis eines Missbrauchs und das lange beschädigte Leben danach. So wie das Mädchen, aus dessen Innenperspektive Katharina Winkler erzählt, ihrem Vater ausgeliefert ist, liefert die Autorin uns der Geschichte aus, die von der Kinderstube aus auf alle weiteren Aspekte eines Lebens übergreift – denn weder eine neue Stadt, neue Freunde noch eine Liebesbeziehung bringen Linderung für ein traumatisches Geschehen, das sich dem Körper, Denken und der Wahrnehmung eingeschrieben hat und oft aus Scham verborgen bleibt. Siebenmeilenherz erzählt von einer Tat, die tagtäglich tausendfach in den Familien unserer Gesellschaft begangen wird, und rüttelt damit am Tabu, darüber zu sprechen.

Wie schon in ihrem Debütroman Blauschmuck geht es Katharina Winkler auch in Siebenmeilenherz darum, das Schweigen zu brechen, mit dem Gewalterfahrungen von Frauen in Familien und in der Liebe belegt sind. Aus tiefer Überzeugung, dass Literatur Empathie ermöglichen und Veränderungen auslösen kann, findet die preisgekrönte Autorin eine beeindruckende Sprache, einen adäquaten ästhetischen Ausdruck für das, worüber keiner spricht.

ISBN9783751809610
VerlagMatthes & Seitz Berlin
Erscheinungsdatum07.03.24
Seitenzahl240

Rezensionen & Bewertungen

26 Bewertungen

5 Rezensionen

4,6

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  • jollybooktime
    jollybooktime

    56 Follower

    5,0

    "Mein Papa ist der beste Papa der Welt." (S. 9) Ein Trugschluss, an dem die namenlose Erzählerin in Katharina Winklers "Siebenmeilenherz" als Kind festhält. Sie will es glauben – will, dass ihre Welt heil ist, obwohl sie es besser weiß. Und erst Jahre später kann sie das, was der Vater ihr antat, als das benennen, was es war: sexueller Missbrauch. Die Gewalt schleicht sich ein, wird zur schrecklichen Normalität, verwebt sich mit allem, was das Mädchen täglich tut. Mama weiß nichts. Wer es erfährt, wird sofort sterben. So hat es ihr der Vater eintättowiert. Ein Geheimnis zwischen ihm und seiner Tochter. Was nicht sein darf, wird verschwiegen – ist's dann überhaupt geschehen?! Zum Selbstschutz löscht ihr Kopf Erinnerungen aus. Die Welt wird still, aber nie ruhig und mit den Jahren kommt die Gewissheit: Es ist Gewalt, die sie erlebt. Die Lügen halten dem Wissen nicht Stand. Die Scham muss betäubt werden; der Schmerz braucht einen Gegenschmerz. Die Geschichte des kleinen Mädchens, das schweigsam erduldet, wird zu der einer jungen Frau, die rastlos auf der Suche ist nach Frieden. Weg von zu Hause führt sie ein hektisches Leben, ein unruhiges Sein, keine Lücke lassen zum Nachdenken, nur nach vorne, nie zurückschauen. Dürstend nach Leben, doch innerlich taub, sucht sie nach Liebe und nach einem Zugang zu ihren eigenen Empfindungen. "Ich bin, ich bin, ich weiß nicht wer, schiebe hin und schiebe her, schiebe her und schiebe hin, denn ich weiß nicht, wer ich bin." (S. 166) Ihre "Beziehungen" sind geprägt von Misstrauen, zerbrechen unter den Flashbacks des Traumas. Und immer wieder ist da der Wunsch, die Eltern zu hassen, der Wille, ihnen zu vergeben – und das tiefe, verzweifelte Scheitern daran. Der Täter ist frei, während das Opfer ein Lebenslänglich hat. Doch schlimmer noch als die Lüge ist das Leugnen. Wenn der Täter seine Schuld von sich weist, stößt die Hoffnung das Opfer in den Abgrund. Denn ohne Geständnis bleibt der Schmerz offen und das Opfer ohne Erlösung. Wie findet man eine Sprache, woher kommen die Worte für das Unaussprechliche: den Missbrauch eines Vaters an seiner Tochter? Katharina Winkler hat sie gefunden. Eine Sprache, die mit leisen Tönen schreit, behutsam an mir reißt und zerrt, mir zaghaft die Kehle zuschnürt. Sie modelliert Verse, die mich in kleinen Schritten durch die Geschichte führen – eine Sprache, die zwischen Prosa und Lyrik wandelt, so intensiv, dass sie manchmal kaum lesbar ist vor Schmerz. Ihre Sätze sind wie Atemzüge: kurz, stoßweise, manchmal nur Andeutungen – und doch voller Zündstoff. Katharina Winkler hat mit "Siebenmeilenherz" ein Werk geschaffen, das verstört, bewegt und bleibt. Es ist kein Buch, das man liest und beiseitelegt. Es ist ein Buch, das nachwirkt – weil es etwas sichtbar macht, das hinter vielen Türen geschieht, ohne dass wir davon ahnen. Es ist ein literarischer Aufschrei in Flüstertönen. Ein Plädoyer für das Hinschauen, das Hinhören – und für das Sprechen über das, was nicht erzählt werden kann.

    6. Juni 2025

  • estrelas
    estrelas

    59 Follower

    4,0

    „Ich kann meinen Namen schreiben und das Geheimnis bewahren.“ Kindesmissbrauch aus Sicht des Opfers - harter Tobak in einer poetischen Form.

    11. Jan. 2025

  • fraedherike
    fraedherike

    209 Follower

    4,5

    Einer der heftigsten, berührendsten und schmerzhaftesten Texte dieses Jahres.

    29. Juni 2024

3 von 5 Rezensionen

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Seitenbasierte Kommentare

Seite 240100%

Wie kann man ein Buch so wortgewandt und glaubhaft schildern. Klar ein grausames Thema aber das habe ich so nicht erwartet. Die Sprache , die verschiedenen Erzähl Versionen haben mich beeindruckt

Autorin / Autor

Über Katharina Winkler

Katharina Winkler, 1979 in Wien geboren, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft. Mit Blauschmuck (Suhrkamp) erschien 2016 ihr vielfach ausgezeichneter Debütroman. Das Buch wurde in sechs Sprachen übersetzt und erhielt u. a. den baskischen Buchpreis Premio Euskadi de Plata für den besten deutschsprachigen Roman sowie den französischen Prix du premier roman étranger 2017, den Preis für das beste fremdsprachige Debüt. Siebenmeilenherz ist ihre erste Veröffentlichung bei Matthes & Seitz Berlin.

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