Punch
Jetzt kaufen
Durch das Verwenden dieser Links unterstützt du READO. Wir erhalten eine Vermittlungsprovision, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen.
Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Paul Garbulski, geboren 1983 im polnischen Bromberg, Magister der Philosophie und Soziologie in Tübingen. Zunächst freier Journalist für diverse Medien, schließlich fester Autor in der Vice-Redaktion Berlin. Ob Wirbelstrommesser in Elektrizitätswerken, Schwerteilkommissionierer in Fabriken oder Passmann auf LKWs – beständig ging Paul Garbulski diversen Anstellungen nach, ganz der Maxime folgend, dass man das Leben abseits des Schreibtisches erfahren muss, um es in Worte fassen zu können. Nach fünf Jahren im Zürcher Gastronomiebetrieb kehrte er nach Berlin zurück, um Punch fertigzustellen.
Beiträge
»Der Mensch ist jedem Menschen ein Abgrund - in den meisten Fällen wissen wir nicht mal, was wir von uns selbst halten sollen.«
Punch. Alles beginnt und endet mit einem Schlag. Adrian, Teil einer Boxkampfgruppe, die von Rummel zu Rummel zieht, bekommt es diesmal mit einem Gegner zu tun, der ihm keineswegs so unterlegen ist, wie seine sonstigen Kontrahent*innen. Eben dieser Dima ist – wie wir Leser*innen bereits geahnt haben – selbst Boxer und möchte nicht zurück in die Ukraine und an die Front. Ganz anders Lena oder Bilbo, die seit Jahren das Familiengeschäft auf dem Rummel unterstützen und hinter deren Fassaden sich tragische Familienschicksale verstecken. Oder Anton, ein weiterer Boxer der Truppe, der sich abends in ein Casino begibt, dort auf Maik trifft und unverhofft zum Held und Betrüger wird. Ganz zu schweigen von Monja, deren größter Wunsch es von Anfang an ist, mal jemanden zu schlagen. Je mehr man von dem Roman liest, desto mehr wird klar, dass es kein chronologisches Buch im herkömmlichen Sinn ist. Dabei wechselt der Fokus stets von einer Figur zur nächsten und wir erfahren die Geschichten hinter den Figuren und wie sie diejenigen geworden sind, die sie nun eben sind. Garbulski schreibt nah an den Menschen, wie sie sind und doch nie herablassend, sondern wertschätzend in der Bewunderung, wie sie deren Schicksalen gegenüberstehen. So findet man sich gewissermaßen in einer literarischen Milieustudie wieder. Man weiß nie, was als Nächstes kommt, weil die Handlungsstränge nicht vorhersehbar sind. Das ist jedoch kein Kritikpunkt, ganz im Gegenteil eine der vielen Stärken von „Punch“. Jede Seite bringt neue überraschende Wendungen. Noch dazu schlägt dieser Roman, immer wieder mit einer sprachgewaltigen und inhaltlichen Wucht ein. Was für ein beeindruckendes Debüt! Es wäre wahrlich ein Fehler, sich den Namen Paul Garbulski nicht zu merken, weil das erst sein Beginn war. Und weil es in diesem Buch wahnsinnig tolle Zitate zum Nachdenken gibt, noch eins zum Abschluss, welches die Lektüre aufs Beste zusammenfasst: »Wir sehen Menschen und glauben sie zu kennen. Fluch und Segen zugleich.«

Jahrmarkt, Kirmes, Rummel – wenn man es mag, dann findet man dort v.a. einen Ort der Zerstreuung, des Ausbruchs aus dem Alltag. Geld auf den Kopf hauen auf Fahrgeschäften und an Fressbuden, gebrannte Mandeln, Spaß. Aber was ist mit den Leuten, die hinter den Kulissen diesen Rummel am Laufen halten? In diesen Kosmos tauchen wir dank Paul Garbulski in "Punch" (Reziexemplar) ein und das weder voyeuristisch noch idealisierend. Wir treffen auf alternde Boxer, mit denen man sich für ein paar Euros messen kann, auf Budenbetreiber*innen, auf Familien, die seit Generationen Fahrgeschäfte betreiben und von Rummel zu Rummel ziehen. Der Klappentext spricht von einem Kaleidoskop und ich möchte ergänzen: Wir lesen kaleidoskopartig die Gedanken, Lebensrealitäten, Wünsche von Menschen, die man häufig eher in den Augenwinkel drängt, wo man wenn man selbst nicht Teil prekärer Schichten ist oft genug nicht zu genau hinschauen will oder wenn, dann mitleidig und damit auch wieder objektifizierend. Anton, Lena, Adrian, Bilbo, Monja, Dima und wie sie alle heißen haben prekäre Sorgen, aber sie haben auch ihren Stolz, sind Handelnde. Oft haben sie in diesem Buch nur wenige Seiten Auftritt, aber auf diesen wenigen Seiten sind sie greifbar, plastisch und ausdifferenziert. Die Perspektive springt zwischen ihnen hin und her, verlässt den Rummel mit den Figuren auch mal räumlich, wenn etwa Anton sein Geld verspielt und dort auf andere Figuren trifft, in deren Innenleben man dann ebenfalls Einblicke erhält. Aber "Punch" verlässt nie die prekären Teile der Gesellschaft. Es geht um Alkoholismus, Sucht, Armut, Zukunftsängste, Migrationserfahrungen, das Leben außerhalb einer Gesellschaft, die sich eh nicht für einen interessiert, die Suche nach kleinen Glücksmomenten, die es auch gibt, den Ausbruch aus Konventionen. Dabei gelingt es Garbulski, dass das alles vielschichtig bleibt, interne Hierarchien und Differenzen hervortreten und man nicht voyeuristisch oder bemitleidend auf die Leute schaut und das hat, wie er auf der Lesung beim Booked Literaturfestival erklärte, auch damit zu tun, dass er selbst diese Welt gut kennt. Ein weiterer Grund dafür, dass man es sich als Leser*in nicht zu bequem machen kann mit dem Urteilen ist die Sprache, die so präzise wie stellenweise poetisch und dabei immer ganz leicht verrückt ist. Irgendetwas, so war zumindest mein Gefühl beim Lesen, passt nicht ganz zusammen. Wenn etwa sprachlich das Bild von blattgoldüberzogener Pizza bemüht wird, mischt Garbulski Gedanken und Bilder aus der Lebenswelt der begleiteten Figuren ein, die bürgerliche Lesegewohnheiten herausfordern und irritieren. Für mich war aber genau diese Sprache deshalb so gut, weil sie es eben verhindert, dass man von außen, gar von oben herab auf die Figuren schaut, sondern weil sie Leser*innen entweder zwingt, die eigene Perspektive zu wechseln oder aber sie abholen kann, wenn sie selbst auch einen prekäreren Hintergrund haben. Das war zumindest unsere Leseerfahrung, denn nachdem ich das Buch erst als Reziexemplar angefragt und es mir dann doch noch selbst gekauft hatte, hatten wir zwei Exemplare und ich habe einen spontanen Buddyread mit meinem Partner gemacht. Während zwar mein Vater Bildungsaufsteiger war, bin ich bürgerlich großgeworden. Mein Partner ist Arbeiterkind. Und wo ich stellenweise über sprachliche Bilder gestolpert bin, war das bei ihm nicht der Fall. Was auch schon zeigen sollte, dass sich dieses Buch wahnsinnig gut für Diskussionen eignet. Garbulski schont uns Leser*innen nicht. Da wird der Suizid eines Schaustellers mal auf einer halben Seite erwähnt, die Perspektive eines syrischen Geflüchteten eingebracht, der noch nicht weiß, dass seine Familie auf der Flucht umgekommen ist, da muss man sich mit einer moralisch grauen B0rdellbetreiberin auseinandersetzen oder begleitet den Absturz und Drogentrip eines spielsüchtigen Menschen. Und all diese Figuren sind komplex, handeln, tragen selbst -ismen in sich. Die wiederum im Buch auch reflektiert und kritisiert werden, da es eben gerade nicht darum geht, irgendwelche Zwangsläufigkeiten oder komplette Beliebigkeit zu suggerieren, sondern v.a. um Grautöne und auch Widersprüche. Garbulskis "Punch" stand in diesem Jahr auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage und das absolut verdient. Ich habe es wirklich gerne gelesen, es ist eins meiner diesjährigen Highlights und ich kann euch nur sehr empfehlen, dort mal reinzuschauen. Und zwar vielleicht gerade, wenn ihr anfänglich irritiert sein solltet. Es ist nämlich eine sehr fruchtbare Irritation.

Der erste Überraschungstitel des Jahres! Als mir angeboten wurde, den Debütroman „Punch“ von Paul Garbulski lesen zu können, musste ich nicht lange überlegen. Einige Rezensent*innen auf Instagram, deren Meinungen ich sehr schätze, zeigten sich begeistert, und auch ich wurde nicht enttäuscht. Das war ein Fest aus Worten! Wie im Rausch konnte ich das Buch nur schwer aus der Hand legen. Das liegt u.a. daran, dass es augenscheinlich keine Kapitel enthält. Es ergibt auch keinen Sinn, hier solche künstlichen Trennlinien einzuziehen, weil alles zusammenhängt. Wir sind wie ein unsichtbarer Funke, der sich für einen Moment im Kopf einer Person festsetzt und uns an den innersten Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen teilhaben lässt. Aber nie lange. Schnell kommt es zur Begegnung, durch einen beiläufigen Blickkontakt, durch eine Bestellung am Tresen oder durch einen schlechten Witz am Essenstisch. Schon lösen wir uns und fliegen schwerelos weiter. Hier wirkt nichts konstruiert oder ausgedacht. Die rohen, liebenswürdigen und scheinbar belanglosen Momente des Treibens auf der Kirmes, die der Dreh- und Angelpunkt des Buchs ist, sind so authentisch beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, wirklich dabei gewesen zu sein. Dabei beherrscht der Autor es so gekonnt, Bilder mit Worten zu malen, dass ich es sogar genoss, den A*schlöchern ein Stück ihres Wegs zu folgen. Bei allem Spaß, den das Lesen des Buchs bereitet, möchte ich nicht verhehlen, dass die behandelten Themen hart und gnadenlos sind. Sie werden vom Autor mit einer Art rohen Sensibilität bespielt, die ich lange nicht mehr in dieser Form wahrgenommen habe. Ergebnis sind unzählige erwähnenswerte Zitate: „Der Mensch ist jedem Menschen ein Abgrund – in den meisten Fällen wissen wir nicht mal, was wir von uns selbst halten sollen.“ Hier wurde ein Nerv bei mir getroffen. Wenn vom Autor ein neues Buch angekündigt wird, dann werde ich hellhörig – so viel steht fest.

"Er spürte sogleich, dass es für ihn keinen besseren Ort gäbe, als diese Welt in der Welt." (S. 73) Paul Garbulski entwirft in "Punch" genau diesen Ort: eine Welt in der Welt, einen in sich geschlossenen Mikrokosmos, der sich auf engem Raum entfaltet. Ein Jahrmarkt, ein Boxring, Wohnwagen, Buden, flackerndes Licht – und dazwischen Menschen, die gekommen sind, um zu kämpfen. Nicht immer gegeneinander. Meist gegen sich selbst. Ein Mikrokosmos, der von Männlichkeit dominiert wird. Die harten Kerle im Boxring oder bewaffnet mit der Grillzange am Bratwurststand. Männer, die gelernt haben, Stärke zu zeigen, auch wenn sie innerlich längst brüchig sind. Doch sie alle haben ihren Rucksack auf. Tragen das schwere Gewicht ihres Lebens, ihrer Vergangenheit, ihrer verpassten Chancen, ihrer Schuld, ihrer Sehnsucht. In dieser Szenerie verdichten sich die Fragen, die den Roman durchziehen: Was bedeutet es, standzuhalten? Wann ist Aufgeben Feigheit – und wann Selbstschutz? Was bleibt von einem Menschen, wenn ihm kaum etwas geblieben ist außer seinem Körper? Obwohl es auf den ersten Blick nicht nach einem Buch für mich aussieht – randvoll mit Testosteron – hat mich Pauls Anfrage, ob ich es lesen möchte, neugierig gemacht. Es ist vor allem seine Sprache, seine Kompositionen, mit denen er eine ganze Welt entstehen lässt, die mich gepackt haben. Das klingt nicht nach Debüt. Das ist auf Könner-Level! Aus den Tiefen der Herzen seiner Figuren schreibt Paul Garbulski über das Suchen nach Liebe, Heimat und Zugehörigkeit. Ohne seine Charaktere zu schonen. Ohne sie zu idealisieren. Stattdessen entsteht ein vielstimmiges Bild von Menschen, die irgendwo zwischen Mut und Resignation, Zärtlichkeit und Gewalt, Aufbruch und Stillstand leben. Menschen, die versuchen, ihr Leben beisammen zu halten. "Punch" ist mehr als ein Schlag. Es ist eine Wucht! Oder um es mit Paul Garbulski zu sagen: "ab und los geht er, der Hans-Peter, Möp-Möp, festhalten bitte, jawollo". Ein sprachlicher Genuss!
Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Paul Garbulski, geboren 1983 im polnischen Bromberg, Magister der Philosophie und Soziologie in Tübingen. Zunächst freier Journalist für diverse Medien, schließlich fester Autor in der Vice-Redaktion Berlin. Ob Wirbelstrommesser in Elektrizitätswerken, Schwerteilkommissionierer in Fabriken oder Passmann auf LKWs – beständig ging Paul Garbulski diversen Anstellungen nach, ganz der Maxime folgend, dass man das Leben abseits des Schreibtisches erfahren muss, um es in Worte fassen zu können. Nach fünf Jahren im Zürcher Gastronomiebetrieb kehrte er nach Berlin zurück, um Punch fertigzustellen.
Beiträge
»Der Mensch ist jedem Menschen ein Abgrund - in den meisten Fällen wissen wir nicht mal, was wir von uns selbst halten sollen.«
Punch. Alles beginnt und endet mit einem Schlag. Adrian, Teil einer Boxkampfgruppe, die von Rummel zu Rummel zieht, bekommt es diesmal mit einem Gegner zu tun, der ihm keineswegs so unterlegen ist, wie seine sonstigen Kontrahent*innen. Eben dieser Dima ist – wie wir Leser*innen bereits geahnt haben – selbst Boxer und möchte nicht zurück in die Ukraine und an die Front. Ganz anders Lena oder Bilbo, die seit Jahren das Familiengeschäft auf dem Rummel unterstützen und hinter deren Fassaden sich tragische Familienschicksale verstecken. Oder Anton, ein weiterer Boxer der Truppe, der sich abends in ein Casino begibt, dort auf Maik trifft und unverhofft zum Held und Betrüger wird. Ganz zu schweigen von Monja, deren größter Wunsch es von Anfang an ist, mal jemanden zu schlagen. Je mehr man von dem Roman liest, desto mehr wird klar, dass es kein chronologisches Buch im herkömmlichen Sinn ist. Dabei wechselt der Fokus stets von einer Figur zur nächsten und wir erfahren die Geschichten hinter den Figuren und wie sie diejenigen geworden sind, die sie nun eben sind. Garbulski schreibt nah an den Menschen, wie sie sind und doch nie herablassend, sondern wertschätzend in der Bewunderung, wie sie deren Schicksalen gegenüberstehen. So findet man sich gewissermaßen in einer literarischen Milieustudie wieder. Man weiß nie, was als Nächstes kommt, weil die Handlungsstränge nicht vorhersehbar sind. Das ist jedoch kein Kritikpunkt, ganz im Gegenteil eine der vielen Stärken von „Punch“. Jede Seite bringt neue überraschende Wendungen. Noch dazu schlägt dieser Roman, immer wieder mit einer sprachgewaltigen und inhaltlichen Wucht ein. Was für ein beeindruckendes Debüt! Es wäre wahrlich ein Fehler, sich den Namen Paul Garbulski nicht zu merken, weil das erst sein Beginn war. Und weil es in diesem Buch wahnsinnig tolle Zitate zum Nachdenken gibt, noch eins zum Abschluss, welches die Lektüre aufs Beste zusammenfasst: »Wir sehen Menschen und glauben sie zu kennen. Fluch und Segen zugleich.«

Jahrmarkt, Kirmes, Rummel – wenn man es mag, dann findet man dort v.a. einen Ort der Zerstreuung, des Ausbruchs aus dem Alltag. Geld auf den Kopf hauen auf Fahrgeschäften und an Fressbuden, gebrannte Mandeln, Spaß. Aber was ist mit den Leuten, die hinter den Kulissen diesen Rummel am Laufen halten? In diesen Kosmos tauchen wir dank Paul Garbulski in "Punch" (Reziexemplar) ein und das weder voyeuristisch noch idealisierend. Wir treffen auf alternde Boxer, mit denen man sich für ein paar Euros messen kann, auf Budenbetreiber*innen, auf Familien, die seit Generationen Fahrgeschäfte betreiben und von Rummel zu Rummel ziehen. Der Klappentext spricht von einem Kaleidoskop und ich möchte ergänzen: Wir lesen kaleidoskopartig die Gedanken, Lebensrealitäten, Wünsche von Menschen, die man häufig eher in den Augenwinkel drängt, wo man wenn man selbst nicht Teil prekärer Schichten ist oft genug nicht zu genau hinschauen will oder wenn, dann mitleidig und damit auch wieder objektifizierend. Anton, Lena, Adrian, Bilbo, Monja, Dima und wie sie alle heißen haben prekäre Sorgen, aber sie haben auch ihren Stolz, sind Handelnde. Oft haben sie in diesem Buch nur wenige Seiten Auftritt, aber auf diesen wenigen Seiten sind sie greifbar, plastisch und ausdifferenziert. Die Perspektive springt zwischen ihnen hin und her, verlässt den Rummel mit den Figuren auch mal räumlich, wenn etwa Anton sein Geld verspielt und dort auf andere Figuren trifft, in deren Innenleben man dann ebenfalls Einblicke erhält. Aber "Punch" verlässt nie die prekären Teile der Gesellschaft. Es geht um Alkoholismus, Sucht, Armut, Zukunftsängste, Migrationserfahrungen, das Leben außerhalb einer Gesellschaft, die sich eh nicht für einen interessiert, die Suche nach kleinen Glücksmomenten, die es auch gibt, den Ausbruch aus Konventionen. Dabei gelingt es Garbulski, dass das alles vielschichtig bleibt, interne Hierarchien und Differenzen hervortreten und man nicht voyeuristisch oder bemitleidend auf die Leute schaut und das hat, wie er auf der Lesung beim Booked Literaturfestival erklärte, auch damit zu tun, dass er selbst diese Welt gut kennt. Ein weiterer Grund dafür, dass man es sich als Leser*in nicht zu bequem machen kann mit dem Urteilen ist die Sprache, die so präzise wie stellenweise poetisch und dabei immer ganz leicht verrückt ist. Irgendetwas, so war zumindest mein Gefühl beim Lesen, passt nicht ganz zusammen. Wenn etwa sprachlich das Bild von blattgoldüberzogener Pizza bemüht wird, mischt Garbulski Gedanken und Bilder aus der Lebenswelt der begleiteten Figuren ein, die bürgerliche Lesegewohnheiten herausfordern und irritieren. Für mich war aber genau diese Sprache deshalb so gut, weil sie es eben verhindert, dass man von außen, gar von oben herab auf die Figuren schaut, sondern weil sie Leser*innen entweder zwingt, die eigene Perspektive zu wechseln oder aber sie abholen kann, wenn sie selbst auch einen prekäreren Hintergrund haben. Das war zumindest unsere Leseerfahrung, denn nachdem ich das Buch erst als Reziexemplar angefragt und es mir dann doch noch selbst gekauft hatte, hatten wir zwei Exemplare und ich habe einen spontanen Buddyread mit meinem Partner gemacht. Während zwar mein Vater Bildungsaufsteiger war, bin ich bürgerlich großgeworden. Mein Partner ist Arbeiterkind. Und wo ich stellenweise über sprachliche Bilder gestolpert bin, war das bei ihm nicht der Fall. Was auch schon zeigen sollte, dass sich dieses Buch wahnsinnig gut für Diskussionen eignet. Garbulski schont uns Leser*innen nicht. Da wird der Suizid eines Schaustellers mal auf einer halben Seite erwähnt, die Perspektive eines syrischen Geflüchteten eingebracht, der noch nicht weiß, dass seine Familie auf der Flucht umgekommen ist, da muss man sich mit einer moralisch grauen B0rdellbetreiberin auseinandersetzen oder begleitet den Absturz und Drogentrip eines spielsüchtigen Menschen. Und all diese Figuren sind komplex, handeln, tragen selbst -ismen in sich. Die wiederum im Buch auch reflektiert und kritisiert werden, da es eben gerade nicht darum geht, irgendwelche Zwangsläufigkeiten oder komplette Beliebigkeit zu suggerieren, sondern v.a. um Grautöne und auch Widersprüche. Garbulskis "Punch" stand in diesem Jahr auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage und das absolut verdient. Ich habe es wirklich gerne gelesen, es ist eins meiner diesjährigen Highlights und ich kann euch nur sehr empfehlen, dort mal reinzuschauen. Und zwar vielleicht gerade, wenn ihr anfänglich irritiert sein solltet. Es ist nämlich eine sehr fruchtbare Irritation.

Der erste Überraschungstitel des Jahres! Als mir angeboten wurde, den Debütroman „Punch“ von Paul Garbulski lesen zu können, musste ich nicht lange überlegen. Einige Rezensent*innen auf Instagram, deren Meinungen ich sehr schätze, zeigten sich begeistert, und auch ich wurde nicht enttäuscht. Das war ein Fest aus Worten! Wie im Rausch konnte ich das Buch nur schwer aus der Hand legen. Das liegt u.a. daran, dass es augenscheinlich keine Kapitel enthält. Es ergibt auch keinen Sinn, hier solche künstlichen Trennlinien einzuziehen, weil alles zusammenhängt. Wir sind wie ein unsichtbarer Funke, der sich für einen Moment im Kopf einer Person festsetzt und uns an den innersten Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen teilhaben lässt. Aber nie lange. Schnell kommt es zur Begegnung, durch einen beiläufigen Blickkontakt, durch eine Bestellung am Tresen oder durch einen schlechten Witz am Essenstisch. Schon lösen wir uns und fliegen schwerelos weiter. Hier wirkt nichts konstruiert oder ausgedacht. Die rohen, liebenswürdigen und scheinbar belanglosen Momente des Treibens auf der Kirmes, die der Dreh- und Angelpunkt des Buchs ist, sind so authentisch beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, wirklich dabei gewesen zu sein. Dabei beherrscht der Autor es so gekonnt, Bilder mit Worten zu malen, dass ich es sogar genoss, den A*schlöchern ein Stück ihres Wegs zu folgen. Bei allem Spaß, den das Lesen des Buchs bereitet, möchte ich nicht verhehlen, dass die behandelten Themen hart und gnadenlos sind. Sie werden vom Autor mit einer Art rohen Sensibilität bespielt, die ich lange nicht mehr in dieser Form wahrgenommen habe. Ergebnis sind unzählige erwähnenswerte Zitate: „Der Mensch ist jedem Menschen ein Abgrund – in den meisten Fällen wissen wir nicht mal, was wir von uns selbst halten sollen.“ Hier wurde ein Nerv bei mir getroffen. Wenn vom Autor ein neues Buch angekündigt wird, dann werde ich hellhörig – so viel steht fest.

"Er spürte sogleich, dass es für ihn keinen besseren Ort gäbe, als diese Welt in der Welt." (S. 73) Paul Garbulski entwirft in "Punch" genau diesen Ort: eine Welt in der Welt, einen in sich geschlossenen Mikrokosmos, der sich auf engem Raum entfaltet. Ein Jahrmarkt, ein Boxring, Wohnwagen, Buden, flackerndes Licht – und dazwischen Menschen, die gekommen sind, um zu kämpfen. Nicht immer gegeneinander. Meist gegen sich selbst. Ein Mikrokosmos, der von Männlichkeit dominiert wird. Die harten Kerle im Boxring oder bewaffnet mit der Grillzange am Bratwurststand. Männer, die gelernt haben, Stärke zu zeigen, auch wenn sie innerlich längst brüchig sind. Doch sie alle haben ihren Rucksack auf. Tragen das schwere Gewicht ihres Lebens, ihrer Vergangenheit, ihrer verpassten Chancen, ihrer Schuld, ihrer Sehnsucht. In dieser Szenerie verdichten sich die Fragen, die den Roman durchziehen: Was bedeutet es, standzuhalten? Wann ist Aufgeben Feigheit – und wann Selbstschutz? Was bleibt von einem Menschen, wenn ihm kaum etwas geblieben ist außer seinem Körper? Obwohl es auf den ersten Blick nicht nach einem Buch für mich aussieht – randvoll mit Testosteron – hat mich Pauls Anfrage, ob ich es lesen möchte, neugierig gemacht. Es ist vor allem seine Sprache, seine Kompositionen, mit denen er eine ganze Welt entstehen lässt, die mich gepackt haben. Das klingt nicht nach Debüt. Das ist auf Könner-Level! Aus den Tiefen der Herzen seiner Figuren schreibt Paul Garbulski über das Suchen nach Liebe, Heimat und Zugehörigkeit. Ohne seine Charaktere zu schonen. Ohne sie zu idealisieren. Stattdessen entsteht ein vielstimmiges Bild von Menschen, die irgendwo zwischen Mut und Resignation, Zärtlichkeit und Gewalt, Aufbruch und Stillstand leben. Menschen, die versuchen, ihr Leben beisammen zu halten. "Punch" ist mehr als ein Schlag. Es ist eine Wucht! Oder um es mit Paul Garbulski zu sagen: "ab und los geht er, der Hans-Peter, Möp-Möp, festhalten bitte, jawollo". Ein sprachlicher Genuss!







